Die Herbstbraune

 Genau in diesem Moment fiel die Kastanie, ob in Bewusstsein, falls Pflanzen so etwas überhaupt besitzen, oder aus reinem Zufall, aber das kann hier nicht eindeutig  geklärt werden. Es bedürfte wohl einer umfassenden Untersuchung sämtlicher Parameter wie Temperatur, Lage des Fruchtstandes am Baum, der Luftfeuchtigkeit und etwaigen Windes, der durchaus in der Lage ist, die Situation nachhaltig zu beeinflussen. 

Andere Faktoren wie Reifungsgrad oder Einwirkung von Nützlingen wie Schädlingen auf die Verfassung des Gesamtkomplexes, des Mikroklimas und des Bodens, auf dem seit Jahrzehnten ein Leben sich abgestrampelt hat. Letzteres natürlich nicht im wörtlichen Sinn, denn jeder weiß ja schließlich, dass Bäume höchstens mal im Frühling ausschlagen, aber niemals strampeln. Sollte doch einmal jemand ein solches Verhalten beobachten, möge er mich bitte kontaktieren, dann natürlich werde ich diesen Anfang einer Geschichte unter Berücksichtigung der neuen biologischen Erkenntnisse neu verfassen. Soweit mir nämlich bekannt, kommen sich eigenständig bewegende Bäume hauptsächlich in Märchen und der ihnen verwandten Fantasyliteratur zu ihrem großen Auftritt. Angetan haben es dem Protagonisten dieser Zeilen vor Jahrzehnten schon jene unglaublichen langsamen Ents eines Herrn Tolkien. Jene Wächter des Waldes, die selber in der Gestalt uralter Bäume unter diesen wandeln, wenn sie nicht gerade ein paar Jahre Pause an der gleichen Stelle machen. Wohl weniger aus Faulheit, sondern weil sie in sehnsüchtige Gedanken verfallen sind und ihren abhanden gekommenen Frauen nachtrauern.  

Die alten Griechen hätten diesen Kastanienfall jedenfalls und wahrscheinlich Fügung oder Felix genannt, was dann sowohl Zufall, Schicksal und Glück zusammenfasst. Der aufmerksame Leser merkt wieder einmal, dass ein Wort das andere ergibt und der Texter so mal wieder schnell und unbedacht vom Sinn der einzelnen Vokabeln in die gedankliche Ferne weggelockt wird und so entstehen Texte, die auf den ersten Blick hier gar nichts zu suchen haben. Ist es denn nicht eigentlich so, dass die Wörter ihr Eigenleben besitzen, sie wandeln umher wie jene Ents und siedeln sich an Stellen an, an welchen wir sie nicht oder kaum erwarten würden. Und plötzlich stolpert ein Autor über die Wurzel, die eigentlich ein gestelltes Bein ist, das dieses erfundene Buchstabengebilde in den vorgeplanten Weg ausgestreckt hat. Er muss sich an irgendetwas festhalten und beginnt fast zwangsläufig ein Geländer, zumindest aber einen Stabelstock aus weiteren phonetischen Sinneinheiten zu zimmern, damit er sich auf keinen Fall im Fall die Nase aufschlägt. Ein Stolperwort lässt nur den einfach strukturierten Zeitgenossen arg verletzend straucheln, alle anderen, und die stellen die Mehrheit dar, werden in wenigen Sekundenbruchteilen zumindest ihr Rettungstuch spannen oder viel besser noch das Kissen positionieren und  gekonnt sich über die Schulter abrollend wieder auf den Füßen zum Stehen kommen.  So muss jede kleine semantische Falle letztlich dazu führen, dass Besinnung und Reflexion Einzug in die Situation finden und genau hiermit hat Herr Nipps Erzähler den Bogen geschlagen. Er kann nun mit zwei neuen Begriffen jonglieren, welche die Hauptfigur betreffen. Natürlich kann jetzt angemäkelt werden, Wörter und Begriffe seien wohl kaum zur Jonglage geeignet, kaum im freien Raum als freie Radikale wirksam, die in sich zusammenfallen, sobald einmal ein Moment der Unachtsamkeit entsteht. Wenn der Vagant jedoch einen seiner fünf Bälle fallen lässt, dann lächelt er entweder seinen Fehler ganz devot hinweg und wird auch noch mit Applaus bedacht oder aber er wird in aller Arroganz sicher zielsicher von einer und der anderen faulen Frucht getroffen, auf dass er wegen blauer Flecken die nächste Nummer kaum hinkriegen kann. Ein Schreiber jedoch arbeitet nicht in der freien Luft, gebunden an die physikalischen Gesetze, die kann er schließlich, wie oben schon beseelt angedeutet  ganz einfach aushebeln. Hieß es nicht in jenem romantischen Gedicht „Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken…“. Zumindest ähnlich scheint es mir in den Ohren zu klingeln, wenn nicht zu klingen. Der Wortrücker nimmt sich die Frechheit, die Freiheit – und wahrscheinlich hat er sogar eine Pflicht hierzu – eine Welt nicht nur zu beschrieben, sondern weiterzuentwickeln, er verändert die Parameter bis hin zur freien Erfindung. Manchmal entbindet er sich sogar selber von den Gesetzen des Satzbaus, der Interpunktion oder gar grammatischer Grundgesetze. Er kann das einzelne Wort in die Welt setzen und verclustern, wie es ihm gerade passt. Manchmal auch im schmerzhaften Sinne einer gedrechselten Gedankenverdrehung, deren Logik man kaum noch zu folgen mag. Aber das ist weder des Herrn Nipps Aufgabe, noch die seines Autors. Eigentlich nämlich geht mal wieder die Zeit des Wartens viel zu langsam vorbei und schon beginnt der Erzähler vom eigentlichen Erzählen abzuschweifen, ganz verliebt in einen Gedanken, der sich gerade auftut, vielleicht auch gerade deshalb, weil jedes Wort eine Welt sein kann. Jeder Augenblick die Ewigkeit enthält. Und genau hier beißt sich, um es einmal ganz allgemeinverständlich zu verbildlichen, die Katze in den eigenen Schwanz. Vielleicht auch ein Hund oder Wisent, wer kann das schon sagen.

Nach diesem Einschub muss der eigentliche Text nun sein Ende finden, indem ich ihn beginne.

Er wusste noch, dass die älteren Mitschüler in den achtziger Jahren auf sogenannte Exerzitien fuhren, bei denen man sich vom Alltag für einige Tage, ein langes Wochenende entfernen konnte. Um in sich zu gehen. Um vielleicht auch nach dem Grund zu suchen, dem Grund für alles, versteht sich. Dort wurde dann auch gemeinsam gebetet und gesungen, dort wurde intensiv diskutiert  und abends kreiste wohl nicht nur die Flasche Bier. Aus dem schwierigen Begriff, den niemand je so richtig verstanden hatte und der mit der Zeit auch immer enger religiös ausgelegt worden war, hatte sich die wunderbare Wortfügung „Besinnungstage“ entwickelt. Man muss wissen, dass nicht nur das gesellschaftliche Leben sich von den Gedanken der späten sechziger Jahre immer weiter distanzierte, auch die Amtskirche erlebte innerhalb der  Priesterschaft eine arg konservative Gegenbewegung zu den Bestrebungen des 2. Vatikanischem Konzils. Glaubten diese erzkatholischen Geistlichen doch tatsächlich, mit einer rigiden Glaubenspolitik die abtrünnigen Menschen zurückholen zu können. Leider hatten sie dabei wohl übersehen, dass man nur die Menschen erreichen kann, die auch angesprochen werden und wenn man nur innerhalb der Kirchen, nämlich von der Kanzel oder moderner vom Ambo, spricht, in die nur noch sehr wenige gehen, so kann man eben auch nur diese erreichen. Und das sind in der Regel kleine Kinder, kurz vor der ersten Kommunion oder eher ältere Grauköpfe. Die Realität aber spielt sich irgendwo da draußen ab, durchaus mit Glauben, aber großer Individualisierung. Diese Exerzitien jedenfalls sprachen irgendwann nur noch ein sehr eingegrenztes Publikum an. Hörige. Dann wurde der Zustand für kurze Zeit als „Tage religiöser Orientierung“ bezeichnet. Vor allem über Schulen sollte damit eine Art von Missionierung von innen gestartet werden. 

Inzwischen aber war ein großer Teil des Evolutionsvorgangs dieser Gesellschaft abgeschlossen, man hatte sich an die Situation permanenten Friedens und die Einbindung in ein großes politisches System, dem Europas gewöhnt. Man hatte sich auch daran gewöhnt, ein sehr personenspezifisches spirituelles Leben zu führen. Fernab des Lokalpatriotismus hatten die Menschen erkannt, dass nur eine friedliche Staatengemeinschaft in Zukunft existieren kann.  Abgesehen vom gelegentlichen Murren darüber, dass immer die Gleichen für diesen Zustand zu zahlen hätten, merkten die Menschen, dass es ihnen doch recht gut ging. Dieses Leben im Luxus aber hatte letztlich auch Auswirkungen auf die Form der Angebote in katholischen Einrichtungen. Abgerückt vom Missionieren, erfand sich die Weiterbildung an solchen Jugendhäusern neu und setzte darauf, dass die jungen Menschen quasi nebenbei  eine Glaubenssehnsucht entwickeln sollten, die aber niemals explizit benannt oder auch nur angedeutet wurde. Jetzt hatte sich die Bezeichnung „Orientierungstage“ durchgesetzt. Was immer das bedeuten sollte, hatten die Dozenten und Referenten in vielen ihrer berühmt- berüchtigten Konferenzen ermittelt.

Letztlich aber konnte Herrn Nipp  das in seiner derzeitigen Situation  mehr oder weniger völlig egal sein. Er war lediglich gebeten worden, doch bitte mit zu fahren, tagsüber, wenn die Jugendlichen keine Seminare hatten, sollte er sie durch Aufsicht erfreuen (bespaßen) und abends anstatt des eigentlichen Verantwortlichen, der kurzfristig erkrankt war, betreuen. Die Zwischenzeiten konnten dabei schon mal sehr lang erscheinen. Und was macht der gelangweilte Mensch? Er sucht sich einen irgendwie gearteten Ausgleich, spazieren gehen zum Beispiel oder die Turnschuhe angezogen und durch den Wald joggen. Dabei kam er am Wildschweingehege vorbei, die darauffolgenden Tiere, wie Tarpane, eine nachgezüchtete Wildpferdrasse, die verschiedenen Wisentarten, die vorgaben, ursprünglich zu sein, und letztlich auch nur Nachzüchtungen waren,  fanden so viel Aufmerksamkeit, dass er zeitweilig das Laufen einstellte. Diese urigen Tiere wissen zu beeindrucken. Wer ein Beispiel für die Schönheit der Unförmigkeit haben möchte, sollte sich einmal dem Betrachten von Wildrindern aussetzen. Er war ganz in Gedanken versunken. Über den Sinn und die Praxis der Orientierungstage, die Schönheit der Natur und das ewige „was wäre gewesen, wenn“. Und genau zu diesem Zeitpunkt löste sich die besagte Kastanie aus ihrer Restschale, prallte auf einen Ast und traf ihn gezielt knapp über dem linken Auge, hüpfte noch einmal auf der Straße einige Meter und blieb dann im Randgras liegen. Herr Nipp fasste sich an den Kopf, wunderte sich und hatte beim Anblick der braunen Herbstschönheit seine sämtlichen und vor allem sehr wirren Grübeleien vergessen.        

                                                                                                                                                                                                                                     
                                                                                                           

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Kontakte

Ganz oben am letzten Ende der Alm hatte er einen genehmen Patz gefunden, hier konnte er unbeachtet die Wanderer beobachten, der mal mehr, mal weniger entspannten Sprache der Mitmenschen lauschen, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Eher der Melodie ihres Sprechens. Zwischen weich fließendem Singsang und maschinengewehrartigem Stakkato war alles möglich. Insgesamt aber ergab sich eine Symphonie menschlicher Kommunikation. Es schien ihm Idylle pur. Junge Familien mit meist zwei, selten mehr Kindern, vor allem die italienischen imponierten durch die ihnen eigene zur Schau getragene Entspanntheit. Die Männer meist oberkörperfrei, als habe die Welt noch kein Ozonloch gesehen, die Frauen folgend mit Mädchen und Jungen im Schlepptau. Gar nicht so sehr bekleidet, wie man dies im Gebirge immerhin kurz unterhalb der Felsen vermuten würde. Zwar hat sich auch bei dem Letzten inzwischen herumgesprochen, dass festes Schuhwerk wohl von Vorteil gegen Umknicken ist und man sieht nur noch selten Flipflops dort oben, gerade auf den unebenen Strecken, die auch in Zukunft hoffentlich nicht asphaltiert werden. Doch an allen Ecken sieht man auch hier Turnschuhe auftauchen, Halbschuhe wohlgemerkt. Nur eine Frau mit hochhackigen „Pömps“ hat es hierher geschafft. Eine solche Leistung müsste eigentlich hoch ausgezeichnet werden. Man kann sich den Balanceakt gar nicht groß genug ausmalen. Etwas abseits sitzt ein echter Einzelkämpfer des Alpinraums, ausgestattet mit den besten Kletterklamotten der bekanntesten Firmen. Auf dem Kopf ein breitrandiger Schattenwerfer, das Gesicht ziert eine sehr dunkle Sonnenbrille. Nein, es handelt sich nicht um Chuck Norris, aber eben ein echter Almabenteurer. Die Hose hat natürlich schwarze Abnäher an den Knien. Graue Haare lugen leicht strähnig unter dem Hut hervor. Die Oberlippe ziert ein weißer, streng wirkender Bart. Zunächst wirkt er mit seinem gesenkten Kopf schlafend oder zumindest dösend, vielleicht auch in Tiefenmeditation vor dem beschwerlichen Aufstieg versunken, Ja, echte buddhistische Zazenmeister können zu jeder Zeit und an jedem Ort die höchste Stufe der völligen geistigen Leere erreichen. Bei genauer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass er lediglich sein I-phone beschattet und offenbar fleißig Nachrichten über Geleistetes in alle Welt verschickt.

Am Nachbarplatz trifft ein Pärchen vom Zeltplatz ein. Heute scheinen die beiden ihre Räder unten gelassen zu haben. Sie sind zügigen Schrittes angekommen, fragen andere Italiener nach dem richtigen Weg. Eine lebhafte, offen Sympathie bekundende Unterhaltung entspannt sich. Die Männer holen geschäftig ihre Wanderkarten heraus und vergleichen mit Zeigefingern ihre Streckentheorien. Die Damen der Schöpfung plaudern freundlich, als würden sie sich seit Jahren kennen, vielleicht sogar Jahrzehnten. Diese Form des freundlichen, aber völlig nichtssagenden Smalltalks, der so verbindlich erscheint, ist beiden nur zu sehr vertraut. Als das Gespräch wegen Einmischung der Männer immer lauter wird, weiß Herr Nipp, dass der Höhepunkt erreicht ist, die Verabschiedung bevorsteht. Man tauscht Grußformeln und jede Gruppe geht ihres Weges. In über zweitausend Metern Höhe ist jeder dem anderen Freund, auf bestimmte Weise, sollte es zumindest sein. Wahrscheinlich werden sie sich nie wieder sehen, aber das ist jetzt egal. Herr Nipp ist klar, sie waren Freunde, für einige Minuten zumindest, Verschworene in einer Zeitblase. Das ältere Pärchen setzt sich nach wenigen Schritten unvermittelt nieder. Sie beginnt eine atemlose Rede. Ja, auch hier ist jeder und zu jeder Zeit telefonisch erreichbar.

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Vorzeichen

Manche Wanderungen starten zunächst unter eher schlechten Vorzeichen. Manche Vorzeichen allerdings werden von den Menschen auch aus Unkenntnis als schlecht bewertet, ohne eingehend geprüft oder gar nachgedacht zu haben. So gilt es vielen Menschen tatsächlich als ungünstig, wenn es nachts geregnet hat. Anstatt die Vorteile zu sehen. So ist die Luft morgens danach dann meist frisch und klar und der Blick kann weit schweifen. Die Luft ist kühl und so wird man zumindest die ersten Stunden nicht gar so arg schwitzen müssen.

Nachdem es die ganze Nacht gewittert hatte, kam morgens doch die Sonne hinter den umliegenden Bergen hervor und mit den ersten Strahlen fingen die klammen Zelte an zu dampfen. Das ist ein wirklich schönes Schauspiel, als würde der gesamte Platz anfangen zu atmen oder irgendjemand hätte vielleicht vergessen die Feuer zu löschen und bald schlügen aus jedem kleinen Planenhaus die Flammen. Einige feuchte Tücher wurden über die Wäscheleine zum Trocknen gehängt, andere im Auto über der Speisenkiste ausgebreitet. Immer in der vagen Hoffnung, dies möge einen kühlenden Effekt haben. Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass die Verdunstung von Wasser oder Alkohol auf die Umgebung einen stark kühlenden Effekt hat, weil die Wärme quasi mit jedem aufsteigenden Molekül mitgerissen wird (Liebe Physiker unter den Lesern, ihr kennt wahrscheinlich den wahren Grund für den Kühlungseffekt. Wenn irgendwann irgendjemand sich einmal erbarmen könnte und mir eindeutig und in verständlicher Sprache dieses Phänomen erklärt, wäre dies wirklich schön. Ich hörte jedenfalls, es hat etwas mit Entropie zu tun.). Die erste Strecke des Weges war, Herr Nipp zählte vierzehn, geprägt von diversen Unterbrechungen. War es zuerst ein Steinchen, das sich in den rechten Schuh des einen Mitwanderers verirrt hatte, saß danach noch die Sohle falsch, außerdem hingen die Schnürbänder nicht richtig, so dass Stolpergefahr entstand. Ja, er stolperte sogar tatsächlich, als er einmal in aller Ruhe ausprobierte, wie das denn wohl am besten ginge. Gerade kurz vor Aufschlag auf dem Wegesplit konnte er sich noch rechtzeitig abfangen. Nein, zu diesem Zeitpunkt wollte auch dieser Mitstreiter noch keine Schrammen, Schürfwunden oder sonstige Verletzungen riskieren. Solche Nichtmitmehrmitgehstrategien muss man sich für den Fall aufsparen, wenn es wirklich zu viel wird. Weitere Verzögerungen im Marsch über die Berge waren eine offensichtlich verdrehte Zunge im Schuh (was allerdings wegen der dreiseitigen Befestigung am Schuh eigentlich schon wieder fast unmöglich war), ein unbestimmbares Zwicken in der Kniekehle, ein vermutetes Insekt, welches sich in die Kleidung verirrt haben mochte und an eine hier nicht näher zu beschreibende Stelle gekrochen sein konnte. Es kamen hinzu weitere in den Schuh verirrte Steine und Dinge, deren Möglichkeit im Bereich der Unmöglichkeitstheorien eines Anhalters der Galaxis diskutiert werden könnte. Jedes Mal wurden bei einem so entstehenden Stopp die Schuhe geöffnet, eingehend untersucht und mit leidendem Gesicht sowie dazu passendem Schmollmund wieder langsam, geradezu aufreizend lahm wieder angezogen. Hatte Herr Nipp die demonstrativ völlig lustlose Haltung dem Wandern gegenüber schon an der leicht in sich gesunkenen Körperhaltung festmachen können, so sprachen die genannten und wahlweise auswechselbaren Stoppgründe nun ihre allzu deutliche Sprache: Ich will nicht, kann ich nicht am Zelt bleiben und schlafen, nichts tun oder vielleicht ein paar Stunden im Bad verbringen?

Man hätte es nach diesem Start schon fast gar nicht mehr erwarten können, aber die nach zwei Stunden Wanderung darauffolgende Fahrt mit der Seilbahn und Blick durch das Panoramafenster wurde sogar mit fast lobenden Worten als angenehm deklariert. Vor allem aber die lange Mittagspause auf der Alm, obere Wiese, die ausgedehnte Jause mit Vinschgauer Brötchen und Kaminwurzen und heimischem Käse fand allgemeine Zustimmung. Die drei legten sich dazu im Schatten einer Lärche ab, aßen die Äpfel und anderen Leckereien, eine Tüte Studentenfutters wurde auch geleert. Während der eine sich eine Zeit lang mit den Pflanzen und Blumen der Umgebung beschäftigte, kramten die beiden anderen ihre Romane aus den Taschen und legten sich zum Lesen in die Wiese. Als Unterlage dienten die Jacken, die bei jedem Wetter mitgeführt werden sollten. Lieber an dieser Stelle zu viel tragen und die Kleidungsstücke ungenutzt lassen, als später wegen eines Wettersturzes vor Kälte umkommen. Irgendwann hatte Herr Nipp genug neue Pflänzchen entdeckt und abgelichtet, die er abends dann noch bestimmen wollte. Er legte sich kurz hin, schloss kurz die Augen und war angesichts der Ruhe und der Herbheit des Almwiesenduftes augenblicklich eingeschlafen, fühlte er sich doch von der zurückliegenden Gewitternacht etwas übernächtigt.

Der weitere Weg dieses Tages verlief später noch ganz nett, bei wirklich guter Wanderstimmung und ohne weitere Unterbrechung wegen Scheinproblemen. Bis die drei sich aus Unachtsamkeit für die falsche Wegabzweigung entschieden. Das sollte letztlich drei Stunden Umweg kosten. Und wieder einmal musste Herr Nipp daran denken, das nächste Mal auf die schlechten Vorzeichen doch einmal zu achten.

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kleine Notizen

Das greinende Kind ist inzwischen auf Vaters Arm herausgekommen, strahlt.

Der Beamte hat eine abenteuerliche Wanderkluft mit breitkrempigem Hut angelegt, wenn das Gesicht, die Figur nicht wäre, man könnte ihn für Indiana Jones halten. Er faltet alles penibel, sein Schlafzeug, auch den Schlafsack und legt die Stücke ins Auto, man kann noch nicht sagen, ob er abreisen oder aber alles vor möglichen Dieben in Sicherheit bringen wird.

Die hintere Tür eines weißen Fiattransporters öffnet sich. In dem entstehenden Leerraum erscheint ein spindeldürrer Glatzkopf in komplett weißer Kleidung. Er lächelt sein Mama Mia in den Morgen, gleich wird er sich nach dem Frühstück auf sein Rad schwingen, das noch im Wagen steht.

Gestern saß vor einem Campingbus eine sechsköpfige Familie beim Mahl. Unglaubliche Einstimmigkeit und immer ein Lächeln auf den Gesichtern, intensive Gespräche aller. Herr Nipp wäre gerne der Vater gewesen. Dabei kennt er den Spruch doch so genau: Der Neider sieht die Blumen im Vorgarten, aber den Spaten sieht er nicht.

Das Schönste auf den Zeltplätzen ist es wohl, in die noch müden und durchaus auch geschafften, aber doch so sehr zufriedenen Gesichter der Mitmenschen zu schauen, die sagen: „Wir haben es nicht nur geschafft, wir genießen es sogar, auf das Wesentliche beschränkt zu sein, für einige Zeit.“

Manche Menschen mögen morgens wundersame Laute von sich geben, die eher an das Gegrunze von Braunbären erinnern, als an Menschen.

Einen Rucksack lang auf dem Sonnenbrand zu tragen hat auch seine Reize.

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Baden gehen (Stern)

Während es draußen plästert und gewittert, der Regen wahre Wände formt, die undurchdringlich erscheinen, vergnügt sich ein Teil der Campermeute im angeschlossenen Hallenbad, welches wirklich sehr luxuriös eingerichtet ist, exklusiv. Der Boden in dem Becken aus losem Kies, die Wände Naturstein, in der Mitte ein Feuer mit Sitzplätzen, große Findlinge. Alle bestaunen durch die großen Panoramafenster das feuchte Naturschauspiel draußen. Als Herr Nipp fertig angezogen ist, sieht er eine junge Frau, die vor Minuten noch nixengleich ihre verspielten Bahnen durch das Wasser zog, unter dem Vordach stehen. Sie wartet. Auch als der Regen schon fast vorbei ist, das kann in den Alpen wirklich sehr schnell gehen, denn die Wolken ziehen normalerweise zügig ihre Talspurbahnen, bleibt sie leicht mürrischen Gesichts in Warteposition.

Herr Nipp ist leicht verwundert, wartet selber allerdings auch auf seine Zeltmitbewohner, die etwas länger für das Umkleiden gebrauchen. So packt er in aller Ruhe seine sieben Sachen, rollt die Handtücher seiner Begleiter ordentlich auf, die sie ihm über die Türen ihrer Umkleiden geworfen haben. Jede Rolle enthält eine klitschnasse Badehose und andere gebrauchte Kleidungsstücke, wird später über die Leine ausgebreitet und hoffentlich dann über Nacht trocknen. Mit den drei Rollen geht er irgendwann alleine gemütlich die Töne seines Lieblingschorals summend los zum Zelt. Die beiden anderen werden den Weg schon finden. Vor dem Eingang hält ein neuer und vor allem strahlendweißer Alpha Romeo, dieses Weiß, das fast schon in den Augen unwillkürliche Schmerzen bereitet, bei dem man sich fragt, welche grundlegende Störung Menschen haben müssen, die sich solcher Farben auf ihrem Auto bedienen. Der Grauhaarige beugt sich beflissentlich über den Beifahrersitz und öffnet die Tür. Die junge Dame bewegt sich mit bewusst gesetztem Hüftschwung auf den Wagen zu und setzt sich. Sie sagt etwas auf Italienisch. Herr Nipp kann sich genau vorstellen, was das junge Ding meint: „Na endlich, wurde auch Zeit.“ Nach zirka fünfzig Metern wird der Wagen wieder halten und sie wird in einen riesigen Wagen einsteigen, der gut abgeschirmt vom restlichen Platz geparkt wurde.

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