natürlich natürlich

Beim Schlendern durch die in endlosen Reihen angelegten Regale eines ihm fast völlig unbekannten Nahrungsmittelgeschäftes im großen Stil findet er alle paar Meter den Hinweis auf natürliche Aromen und Farbstoffe, natürliche oder naturnahe Herstellung, was auch immer das wohl heißen mag, hingewiesen wird im Besonderen auf sogenannte Bioprodukte mit Zertifikat. Selbst die in Massen geschlachteten und nur höchstens 60 Tage alten Masthähnchen werden als bio verkauft, nicht wegen einer besonders artgerechten Haltung, denn das geht in Massentierhaltung einfach nicht, sondern weil bestimmte willkürlich festgelegte Kriterien erfüllt werden und nicht mit Antibiotika gearbeitet wird. Alles ist natürlich, alles ist bio, jeder isst natürlich, jeder frisst bio. Abgebildet mit lustigen oder glücklichen Kühen und Schweinen, die lächeln. Kleine Bauernhöfe mit Fachwerkbestand und zehn Hühner, die auf dem Misthaufen picken dürfen. Man möchte in die Landschaft hinausgehen, denkt er, und diese Produktionsflächen suchen. Wenn so massenhaft bio produziert wird, warum ist das nirgends zu sehen? Immer wenn er durch die Landschaft fährt, sieht er alles in Masse produziert, da ist alles auf Überschuss konzipiert. Die Wegwerfgesellschaft plant das Wegwerfen der Tiere nach halbem Gebrauch mit ein. Lieber das Korn auf dem Halm verfaulen lassen, als notleidenden Menschen davon abzugeben. Oder ist er einfach nicht in der Lage dazu, die bio-Wende zu sehen? Ja, auch der chinesische Markt bietet in Deutschland inzwischen bio an. Da werden Früchte über tausende Kilometer verschifft oder sonstwie verfrachtet und gelten immer noch als bio. Der Energieverbauch kann da auch kaum berücktsichtigt werden – wo kämen wir denn da hin? Alles ist natürlich natürlich, nur beim Gemüse aus dem eigenen Garten stellen sich Hemmungen ein, entweder, weil man es moralisch kaum vertreten kann, die hübsch gewachsenen, auch ans Herz gewachsenen Salatköpfchen zu morden, zweitens, weil man selber ja noch immer keine Bodenuntersuchungen hat vornehmen lassen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für natürlich natürlich

tageweise

Es gibt Tage, die man erduldet, die aber nicht weiter aufregen, Tage, die sollten einfach von Beginn an übersprungen werden, dachte er sich, als er diesen hinter sich gebracht hatte. Und es gibt Tage, die es gar nicht geben dürfte.
Geplagt von seinen höllischen Anfällen, die immer wieder in Schüben gekommen waren, hatte er kaum einmal für eine halbe Stunde schlafen können und war in der Wohnung umhergeirrt wie ein Irrer. Wahrscheinlich zum absoluten Verdruss seiner Untermieter, die solche Nächte häufiger mitbekamen oder zumindest mitbekommen mussten. Entweder war es oben laut, weil er herumschlich und im halbmüden Zustand diverse Sachen umstürzte, oder auch mal im Stolpern ein Bild von den Wänden riss, er irgendeinen schwachsinnigen Film mit unglaublicher Lautstärke guckte, am liebsten irgendwelchen Marvelsuperheldenmist, oder aber sie vernahmen den Rhythmus, das gelegentliche Quietschen des Bettes, wenn nächtens zuweilen eine Dame zu Besuch war. Das Eine wie das Andere musste eigentlich nicht allzu angenehm sein und er wunderte sich schon, warum die da unten immer noch nicht ausgezogen waren, also aus dem Haus wohlgemerkt. Das sprach entweder von einem unglaublich Stoizismus, von massiver Gleichgültigkeit oder aber,  und das glaubte er eigentlich am häufigsten, dass sie ihre Hörgeräte nachts ausschalteten und wirklich nichts mitbekamen. Dabei stand die Frau des Mieters morgens gerne abwartend im Türrahmen und blickte ihn mit vorwurfsvollem oder fragendem Blick an. Vorwurfsvoll nach Nächten mit Damenbesuch, fragend nach Nächten mit Gepolter, allerdings verächtlich, wenn er wieder einen dieser völlig blödsinnigen Popcornkinofilme geguckt hatte. So genau war das aber andererseits auch wirklich nicht zu unterscheiden. Zuweilen wechselte dieser Blick auch innerhalb weniger Sekunden zu einem feisten Grinsen, dann nämlich, wenn er tatsächlich humpelte oder gar Schrammen im Gesicht hatte. Der Mensch kann gehässig sein, vor allem aber dann, wenn die Nachtruhe gestört wurde.
Dieser Tag aber sollte genauso beginnen, wie es niemand braucht. Kaum hatte er sein linkes Bein aus der wohligen Wärme des Bettes in Richtung des kalten Bodens ausgestreckt, trat er in eine unglücklich dort liegende Walnussschale. (Wer dieses Gefühl noch nie erlebt hat, weiß nicht, wovon hier die Rede sein könnte. Versuchen Sie es doch einfach mal. Knacken Sie sich eine Nuss, lassen die Schalen auf den Boden fallen und dort, ja dort auf dem Boden auch liegen. Am besten ist es, wenn die Schalen sich an einer Position befinden, die mitten in den Laufwegen liegt. Dann nachts darauf zu treten, ist eine helle Freude, aber nur für die andere, die so etwas beobachten würden.)
Damit nicht genug, auf dem Weg zur Toilette, den er hinkend wie blutend überwand, er suchte schließlich nach einer Pinzette, um sich den tief sitzenden Splitter halbfachmännisch zu entfernen, und einem Heftpflaster, blieb er mit dem rechten kleinen Zeh am Türrahmen hängen. Mit viel Anstrengung konnte er den Schrei, der sich unweigerlich in seiner Kehle fast schon geformt hatte, gerade noch verkneifen. Nicht aber die Tränen, die sofort wie auf Kommando aus den Augen liefen. Er fühlte sich wie ein Mädchen, dabei halten die angeblich viel stärkere Schmerzen aus, da wo Jungen schon lange heulend und keifend um sich schlagen.
Dabei hatte die Nacht doch wirklich schön begonnen, gestern, als er lesend im Bett lag und per SMS eine mit halberotischen Anspielungen gespickte Konversation mit einer attraktiven Frau führte. Aber bereits kurz nach dem Einschlafen irgendwann hatte sein Kopfschmerz zugeschlagen, ein fieses Stechen halbseitig mit immerhin beeindruckenden Farbexplosionen und wahnsinnig coolen Soundeffekten, was an dieser Stelle für ihn eine ganz neue Erfahrung war.
Im Badezimmer verarztete er sich notdürftig, stellte sich aus alter Gewohnheit auf die Waage, schaute aber versehentlich einfach mal hin. Das hätte ihm schon den Rest geben können. Andere Männer hätten an dieser Stelle wahrscheinlich echte Selbstmordgedanken gehabt, sie hätten sich vielleicht auch das nächste Messer geschnappt, um ein Stück Schwarte abzutrennen, er aber sollte sich auf den Weg zur Küche machen, ein auf dem Schrank stehendes Glas mit Milch umwerfen und sich fast schon gleichgültig ob dieses Starts ganz ruhig den dringend benötigten Frühstückskaffee kochen. Dass er sich dabei die linke Hand verbrannte, wäre eigentlich vorauszusehen gewesen. Mit Blick auf die Uhr sollte er feststellen, dass er wohl verschlafen hatte und jetzt schon zu spät kommen musste. Also in Hektik zum Auto laufen, das natürlich bei diesem feuchtkalten Wetter nicht anspringen sollte und letztlich tatsächlich viel zu spät zur Arbeit kommen.
Ein wirklich schlechter Tag voller stinklangweiliger Arbeit und unerträglichen Mitarbeitern sollte folgen, eingezwängt in Konventionen und Besprechungen, die nicht ganz so spannend waren. In etwa vergleichbar vielleicht mit dem Treffen eines Hausfrauenvereins, der sich einen tollen Namen gegeben hat, aber letztlich nur das billige Ziel verfolgt, sich regelmäßig in einer mittelmäßigen Kneipe zu treffen und einmal im Jahr zum Sauerlandstern zu fahren, um dort für eine Nacht mit fremden Männern anzubandeln.
Sogar der abendliche Wein stellte sich als ungenießbar heraus. Die Verabredung sagte ab, die DVD funktionierte nicht und das Wasser in der Wanne blieb kalt. Immerhin dies: der nächste Tag würde nur besser werden können.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für tageweise

Liste abarbeiten

Erst beim zweiten oder dritten Blick hatte er diese Notizen auf einem eingerissenen Schmierzettel überhaupt verstehen können. Dreistellige Buchstabenkombinationen, dahinter einige Zahlenkolonnen. Werte. Vor einigen Jahren hatte er sich einmal notiert, welche Aktien er als Kauf als sinnvoll erachtete. Eine Kaufliste zum Abarbeiten. Dabei auf verschiedene Aspekte geschaut, die Entwicklung der Wertpapiere einerseits, dann das Kurs-Gewinn-Verhältnis und natürlich die ausgeschüttete Effektivdividende, die angekündigte oder von Analysten eingeschätzte Entwicklung, die verschiedenen Kurven über 100 und 200 Tage, die Umsätze. Tatsächlich hatte er sich immer wieder damit auseinandergesetzt, hatte über Monate hinweg Aktualisierungen vorgenommen und geplant irgendwas zu kaufen, geplant – für die Zukunft. Über diese Planung hatte er den Kauf dann tatsächlich völlig vergessen. Die Liste stand als Forderung im Raum, er knüllte sie zusammen, warf sie in den Ofen, abgearbeitet.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Liste abarbeiten

Ein Paar

Inzwischen hatte der wirklich sehr dicke, nein überaus voluminöse Mann, dem man sicher zugetraut hätte, irgendwann einmal zu platzen, eine grün gestreifte Trainingsjacke übergezogen. Welche Größe mochte sie haben? Gab es wohl solche Größen, bei denen  das X potenziert wurde? xxx³l. Seine zartkleine leicht gebeugte Frau mit dem Hund an der Leine stand hinter ihm, keifte hässlich ihre ebensolchen Lebensansichten in die Welt. Dies beobachtend war Herr Nipp froh, dieser Tage unabhängig zu sein. Das Denken ist eben ein stetes Auf und Ab auf den Wellen des barocken Lebensschiffes.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Ein Paar

Im Sehen

Der Regentropfen, die sich in Rinnsalen sammeln
der Insekten, die durch die Luft tanzen
der Bäume, die den Wind bewegen
sich bewegen lassen

der Farben, die sich in Dämmer vermischen
der Töne, die sich aus dem Ganzen herausschälen
der Gerüche, die mich umgeben
oder die ich sind

der Berührungen, die auf der Haut Bilder werfen
und im Sehen gefangen
immer wieder
immer wieder
der Versuch
die Welt erschließen

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Im Sehen