Spatz (aus „Waldgedichte für naive Anfänger“)

Ganz oben dort, wo sonst die Amsel sitzt
hat sich ganz frech ein Spatz gesetzt
rotzt sein ohrenschmerzendes Getschilpe
und wie es scheint, sogar etwas verschmitzt
hat diesen alten Platz besetzt
welch ein holpriger Missklang

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Da unten

Fast jeden Tag versucht er die Zeit zwischen halb acht und Betriebsende zu nutzen, um seiner Arbeit nachzugehen. Fast jeden Tag? Na, sonntags und meistens samstags ist er eben nicht da. Manchmal schon, immer dann, wenn er zu Hause keinen Internetempfang hat und seine betriebliche Korrespondenz zu erledigen. Jetzt könnte man auch noch fragen, warum er die Zeit eigentlich nur versuche zu nutzen. Auch da ist es nicht immer ganz so einfach, denn es gibt einfach so viele Ablenkungen, die ein sinnvolles und vor allem zügiges Arbeiten verhindern. Wir wissen ja schon, dass er immer wieder durch die anderen Mitarbeiter abgelenkt, ja geradezu gestört wird, was vielleicht ja auch verständlich ist, denn es gibt ja so viele schwierige Fragen zu klären, ob es zum Beispiel auch möglich sei, mit der Tastatur kleine Buchstaben zu schreiben, wo doch nur große auf die Tasten draufgedruckt sind (Das war früher ja noch ganz anders, als es die mechanischen Schreibmaschinen gab.) und vor allem, wie es mit den Zeichen aussehe, die zum Teil sogar mit drei Aufdrucken versehen sind. „Kannst du mir mal erklären, wie das funktionieren solle, wenn sich der Bildschirm dabei noch nicht einmal anhebt?“ Terminfragen sind an der Tagesordnung: „Hast mal ein paar Minuten Zeit?“ oder „Was machst du gleich?“ und wichtig ist natürlich auch, ob die Unterlagen auf seinem Arbeitsplatz eigentlich wichtig seien oder schon mal in den Mülleimer entsorgt werden könnten. Fragen über Fragen. Wie soll da jemand noch zur Arbeit kommen? Schon wieder so eine Frage. Er hat es sich also angewöhnt, etwas abseits zu sitzen, auf der Galerie, die nur über eine Wendeltreppe zu erreichen ist. Das hat allerdings einen großen Nachteil, über den er vorher nicht nachgedacht hatte: Da oben versteht man einfach jedes Wort, welches da unten so heimlich gesprochen wird.

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Gier

Ja, wie bei fast allen;
wie bei fast allen
nur ein Gesicht mit zwei Augen,
einer Nase, einem Mund und trotzdem;
dieses Wüten entbrennt
einer Sehnsucht Lust.
Ja, wie bei fast allen;
wie bei fast allen
nur ein Körper mit zwei Armen,
Beinen, einem Kopf und trotzdem;
die Bewegungen, ein Rhythmus,
der nur mir gilt.
Der nur hier gilt. Jetzt.
Gier. Ja, wie bei fast allen
und doch einzigartig alles.

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Reden tuscheln reden

Vor dem Rechner fühlt er sich eigentlich immer ganz wohl, nicht so an diesem Tag. Er kriegt einfach keine Ruhe in sein Tun. Nicht nur, dass alle paar Minuten irgendjemand da steht und ihm über die Schulter schaut. „Du, ich wollte nur mal fragen.“ oder „Kannst du mir mal eben helfen?“ sind die üblichen Sprüche, mit welchen er unterbrochen wird. Manchmal dauert es dann länger, als überhaupt jemand gebrauchen kann. Eigentlich kann das wohl wirklich niemand gebrauchen, nicht einmal er. Wer Arbeit zu erledigen hat, sollte auch das Recht erhalten, sie an einem Stück zu machen, dann ist alles viel schneller und konzentrierter erledigt. Glücklicherweise sitzt er auf einer Galerie, sodass die Kollegen jedes Mal, wenn sie etwas wollen, zu ihm herauf kommen müssen. Das schreckt allein schon die etwas unsportlicheren unter ihnen ab und von denen gibt es einige. Von unten hört er das stete hektische Gebrabbel einiger besonders engagierter Frauen hochschwappen. Ein fast unerträglicher Klangteppich, der zuweilen ins Kakophonische kippt. Vor allem dann, wenn die unglaublich innovativen Smartphonetöne dazukommen. Arbeitsgruppen. Und plötzlich ist es fast still, es wird nur noch geflüstert. Der Chef hat die Bühne betreten, vielleicht wird aber auch über einen Kollegen hergezogen, wer weiß das schon, wer will es denn wissen. Als er aufsteht, nach unten will, um sich dort einen verdienten Kaffee aus der Juramaschine zu holen, frisch aufgebrüht, tassenweise, ist alles still. Also richtig still, mucksmäuschenstill. Sie reden aber immer noch, hinter vorgehaltener Hand, sie tuscheln regelrecht, schauen ihn an und plötzlich beginnen sie zu kichern. Es war wohl nicht der Chef, der hereingekommen war.

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Voller Ernst

Als er seinen Arbeitsraum, jenes Großraumbüro, das ihm fast zur zweiten Heimat geworden ist, betritt, muss er zurückweichen. So eine Stimmung gibt es dort selten. Richtig dicke Luft. Zwei seiner Kollegen in hitziger Debatte, es scheint sich um ein funktionales Problem handeln. Rote Köpfe und angestrengte Blicke, da ist keinem und zwar gar nicht zu Späßen zumute, kein Witzchen könnte diese Atmosphäre auflockern. Auf dem Absatz kehrt er um, da er sowieso noch an anderer Stelle zu tun hat. Lieber erst gar nicht mitbekommen, was da los ist, das bringt mit Sicherheit nur zusätzlichen Ärger und ebensolche Arbeit mit sich. Nein, aus dem, was in den letzten Wochen passiert ist, hat er immerhin etwas gelernt: Halt dich raus, wenn du nicht direkt angegriffen wirst. Halt einfach mal den Mund, auch wenn du etwas zu sagen hättest, denn immer, wenn du einen Vorschlag machst, artet das zu unbezahlten Überstunden aus. Denn wenn du nicht mehr weiter weißt, dann bilde einen Arbeitskreis. Ganz entspannt geht er zurück, macht die anderen Sachen, die eben zu tun sind, pfeift sich dabei sogar ein fröhliches Liedchen. Diesem Ärger ist er durch Antizipieren entkommen, so in etwa wie ein Fußballspieler, der in ungeheurer Spielintelligenz schon vorher weiß, wohin der Ball demnächst fliegen wird. Die ganz großen Stürmer haben dafür ein fast übernatürliches Gespür entwickelt und brauchen dann nur noch den fuß dahin zu halten. Tor. Triumphal, ja so fühlt er sich und kehrt eine viertel Stunde später an seinen eigentlichen Arbeitsplatz zurück. Inzwischen brüllen sich die zwei ansonsten fast vornehmen Herren an. „…du hast doch gar keine Ahnung!“ „…das kann man so nicht machen!“ „Diese Kombi ist doch das Letzte, das kann nur in einer Katastrophe enden.“ „So eine Schwachsinn, damit werden wir noch untergehen.“ „Ach, halt doch endlich mal dein dummes Maul, wenn man keine Ahnung hat, dann sollte man auch nicht mitreden wollen und du bist doch ein inkompetenter Ja-Sager, der allem folgt, was vorgegeben ist.“ „Wie sollen die das denn schaffen,  so ohne Führungspersönlichkeit und ohne internationale Erfahrung, da müssen auch einige von den Älteren mitmachen…“ Jetzt geht Herrn Nipp ein Licht auf. Endlich. Das ist eine typische Unterhaltung von zweien der mindestens vierzig Millionen Bundestrainer kurz vor der Europameisterschaft.

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