Der Fleck

Auf dem Daumenfingernagel hat er einen Fleck entdeckt. Nicht erst heute, er beobachtet ihn schon seit Wochen, wie dieser  Makel langsam nach oben wächst. Dieser Fleck ist winzig klein, dunkelrot, fast schwarz war er, nun ist er längst tiefschwarz, er wirkt wie ein Loch, durch den Daumen oder ein Fenster in den Körper. Diese winzige Stelle mag gerade mal einen halben Millimeter im Durchmesser haben. Nicht nennenswert. Und trotzdem, er sieht ihn jeden Tag, manchmal auch mit einer gewissen Sorge, was sicherlich nicht nötig ist. Schließlich kommt so etwas doch sicher öfter mal vor, nur dass er sonst niemals darauf geachtet hat. Wer außer einer Maniküre schaut schon so genau auf die Fingernägel, gerade wenn man es gewohnt ist, mit den Händen zu arbeiten. Wenn die Hände von Zeit zu Zeit die Erde durchfurchen, weil mal wieder Kräuter gezupft werden müssen oder ein rostiges Scharnier gereinigt werden muss. Der  Fleck liegt allerdings so tief im Nagel, dass er auch mit der Feile nicht herauszupolieren ist. Vielleicht hat sich dort irgendein winziges Tier eingenistet, vielleicht aber auch hat er sich versehentlich nachts im Schlaf darauf gebissen. Oder ein Funken vom Schweißen hat sich dort verewigt. Er kann sich dieses Mal nicht erklären.
Tage später, als er herausgewachsen ist, wird er von einer Freundin angesprochen. „Was war das eigentlich für ein Fleck auf deinem Daumenfingernagel?“

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Der Fleck

Da unten sitzen, nur einmal

Er hat wie immer seine Logenkarte gekauft, ganz hinten, ganz oben, möglichst günstig eben. Er hat sein Fernglas mitgenommen, das kleine Opernglas. Er hat auch ein Glas Wein gekauft und in der Tasche eine Flasche zum Nachschenken. Dieses Mal wird ein Symphoniekonzert gegeben. Wundervolle Streicher mit perfekten Einsätzen, die variabel mit den Lautstärken und Harmonien spielen und zuweilen kommt es ihm so vor, als würden die Instrumente ihre Verfolgungsspielchen treiben. Ein geübter Kampf der verschiedenen Gleichheit. Keines der Instrumente ist musikalisch mehr wert, jedes hat seine eigene Farbe. Und ohne die Schlagwerker im Hintergrund wäre alles eine Farce. Ohne die Bläser? Die Streicher wären schön, aber eben nur da. Durch das Glas kann er die Gesichtsausdrücke der Solisten erkennen und plötzlich fasst ihn der Gedanke, doch einmal ganz unten direkt vor der Bühne zu sitzen. Auch wenn der Klang dort vielleicht nicht der beste ist, weil er über den Kopf hinwegzieht, das Piano nicht zur völligen Entfaltung kommen kann. Er möchte diese kleinen Spiele erleben im Gesicht der Musiker, ihre Verzückung und ihr Missfallen, wenn eine falsche Bewegung eine Seite kratzt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Da unten sitzen, nur einmal

zum Wochenende

Da stehen sie alle zusammen und halten ihre kleinen Schwätzchen im klaren Wissen, dass sie bald frei haben. Wochenende, endlich, war eine harte Woche. Jeder hat alles gegeben. Selbst der Vizechef kommt dazu, schüttelt noch freundlich die Hände, verabschiedet sich, murmelt irgendwas von einem Termin. Sie lächeln ihn an, eigentlich ein super Typ. Nicht mehr allerdings, als sie im Gehen in ihre Fächer schauen. Alle gekündigt, fristlos, niemand braucht Montag mehr zu kommen, die Firma ist pleite.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für zum Wochenende

Will gerne Leben

Hab keine Fragen
Fraglos an dich
Kann keine Antwort geben
Kann es nur tragen
Meinung in sich
Will nur gerne leben

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Will gerne Leben

Durchblick

„Da sprechen alle von den Digital Natives und was sitzt da vor mir? Kinder, die noch nicht einmal wissen, wie man die Stecker richtig in den Rechner kriegt. Von PHP und HTML haben sie noch gar nicht gehört und kennen auch nicht den Unterschied zwischen einem Programm und einer Datei!“ „Ja, mir ging es kürzlich auch, dass sie einen Text am Bildschirm schreiben sollten und die wussten noch nicht einmal, dass eine rote Schlängellinie bedeutet, dass an dem Wort etwas nicht stimmt.“ „Wir haben damals wenigstens noch von der Pike auf gelernt, wie man zu programmieren hat und was mit den verschiedenen Sprachen alles anzustellen ist. Wenn ich mir überlege, was wir schon alles mit einem VC20 machen konnten. Und mit dem C64 mit Datasette.“ „Die kennen noch nicht mal mehr die Wörter. Als mein bester Freund sich den ersten CD-Brenner gekauft hat, kostete der Rohling noch 10 Mark. Wir haben am ersten Tag einfach mal so 10 Stück verbrannt, bevor die erste CD funktionierte.“ „Jetzt müssen wir in der Schule schon Kurse einrichten, damit die Blagen überhaupt mal andere Funktionen als Instagram oder Facebook oder Whatsapp nutzen können. Die haben da Rechnerkapazitäten in der Tasche stecken, mit denen man ein Raumschiff zum Mars und zurück navigieren könnte, mit Zwischenhalt auf dem Mond und was machen die damit?“ „Das ist wirklich schrecklich, die wissen gar nicht…“ Es klopft an der Tür des Leherzimmers, ein Kopf schaut herein. Ein elfjähriges Mädchen mit Zöpfen. „Herr Zuckmann-Händerieb, wir warten schon seit zehn Minuten auf Sie. Sämtliche Sicherungen haben wir reinstalliert und und Ihren defekten Rechner mit neuem Bios ausgestattet, außerdem ist ein schnelleres Motherboard drin und alles ist zusammengeschraubt. Wäre jetzt ganz nett, wenn Sie auch mal unterrichten würden!“

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Durchblick