Die Korrekturen

Ein ganzer Haufen Hefte liegt da vor ihm. In dreitägiger Arbeit korrigiert, über 30 Stunden, bis die Augen tränten und die Ohren rauschten. Beim Eintragen der Noten bemerkt er, dass der Stapel wohl einem Kollegen gehört, die Namen sind ihm fremd.

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Das Buch

Auch auf der Toilette oder besser gesagt im Badezimmer auf der Fensterbank hat er immer ein Exemplar liegen. Immer griffbereit, denn das Buch der Bücher sollte jeder einmal gelesen haben. Auch wenn einige Passagen doch eher mühsam sind. Er liest sie trotzdem gerne. Meist in einer Einheitsübersetzung, manchmal auch ziemlich umstrittener Versuch, lediglich die Lutherfassung besitzt er nicht mehr. Die hatte er wohl irgendwann einmal verliehen und nie wieder bekommen. Wem, wüsste er nicht mehr zu sagen. Es muss aber noch zur Zeit seines Studiums gewesen sein. Egal jetzt, die Einheitsübersetzung tut es auch, auch wenn nicht alle Stellen so leicht verständlich sind. Denn meistens bleibt er an solchen Fragmenten hängen. Aber zuweilen sitzt er im roten Ohrensessel, den er von einer lieben Freundin einst geschenkt bekam, vor dem Kamin. Blickt dem Verlauf der Flammen hinterher, versonnen und lässt sich die Wörter auf der Zunge zergehen und muss doch auch manchmal grinsen, wenn er etwa liest: 6.1 Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, 2 sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter  waren, und wie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel. 3 Da sprache der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit 120 Jahre betragen. 4 In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer.

Komisch denkt er dann, das wurde in den Gottesdiensten nie gelesen, erst die Geschichte Noachs, die danach beginnt.

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Umstrukturierung

Als er in das Zimmer kommt…Nein, so kann man nicht anfangen als Erzähler, denn das hieße ja, dass die eigentliche Vorgeschichte, der Ursprung des Problems sozusagen, nicht in die Erzählung aufgenommen wird. Also zurück zum Anfang.

Seit einigen Wochen hat er das Arbeitszimmer, welches in der Zeit vorher zur reinen Rumpelkammer verkommen war, nicht mehr betreten. Er weiß, welche Arbeit sich da auftun wird. Abgründe oder besser Berge, deren Erklimmen fast unmöglich erscheint, wollte man nicht in Gefahr geraten, unter Lawinen von Zetteln und Belegen, von Büchern und Heftern, von Ordnern oder besser Unordnern begraben werden. Er weiß um seine Erfahrungen mit diesem Zimmer, das vor Urzeiten so ordentlich war. Auf irgendeine unüberschaubare Art ist es zu einen Dschungel degeneriert. Er hat sogar Angst, dass die Akten inzwischen als Lianen von der Decke wachsen und ihn erwürgen werden, wenn dieser Raum nur betreten wird. Allen Mut aber hatte an diesem Morgen zusammen genommen, mit aller Kraft die Tür aufgedrückt und feststellen müssen, dass es gar nicht so schlimm aussah, ja, da lagen einige Papierstapel, da stapelte sich auch einiges an Büchern, aber alles musste tatsächlich nur schnell umstrukturiert werden. Die Bücher in die Regale geordnet, die Zettel gelocht und abgeheftet. Und ebenso tatsächlich ist die Arbeit schon nach anderthalb Stunden getan. Der Raum sieht arbeitsfähig aus, nein, sogar geleckt. Der Schreibtisch ist geleert, ja, sogar das Sideboard macht einen ordentlichen Eindruck. Nerr Nipp geht kurz in die Küche, kocht sich einen Kaffee und verzehrt dazu einige Haferplätzchen, die viel zu süß aber lecker sind.
Da hört er ein Poltern, kein Geist ist das, eines der Regale ist unter dem neuen Gewicht zusammengebrochen. Es wird Monate dauern bis er den Raum wieder wird betreten können. Herr Nipp, nicht der Geist.

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Traumhaft

Diese Nacht hat er gar nicht geschlafen. Er hat sie verbracht. Na, wenn er ehrlich wäre, dann müsste er zugeben, dass er viel geschlafen hat, aber die Traumzeiten sind so dermaßen in Zeiten des Aufwachens, des Wachdaliegens übergegangen, dass er gefühlt wenig geschlafen hatte. All die Sorgen, die er irgendwann beschlossen hatte, niemals mit nach Hause zu nehmen. All die Erlebnisse und Gedanken haben sich also vermischt zu einem dystopisch visionären Strudel, der ihn mitgezogen hatte. In die Tiefe der Seele könnte man sagen. In die Tiefe der Hölle, würde er sagen, wäre die Hölle nicht eine Erfindung der Christen über hundert Jahre nach Christus. Wo Jesus selber nur einen Ort der Düsternis benennt, machen die Apokalypse des Johannes (welcher ist hier gemeint?) und jener apokryphe Texte angeblich nach Petrus, der auch Petrus-Evangelium genannt wird, daraus dann einen Ort unbeschreiblicher Qualen: „27 Dann werden Männer und Weiber an den Ort gehen, für den sie bestimmt sind. Die gegen den Weg der Gerechtigkeit gelästert haben, wird man an ihren Zungen aufhängen. Man bereitet ihnen ein nie verlöschendes Feuer. Ein anderer Strafort ist eine große mit brennendem Schlamm gefüllte Grube. Darin sind Menschen, welche die Gerechtigkeit verleugnet haben. Strafengel foltern sie und zünden das Feuer ihrer Strafe an.
28 Zwei Weiber sind an Nacken und Haaren aufgehängt und in die Grube wirft man sie. Sie hatten sich prächtige Frisuren gemacht, nicht weil das gut aussieht, sondern weil sie so Männer fangen und verderben wollten, indem sie Hurerei mit ihnen trieben. Die Männer, die sich mit ihnen zur Hurerei niedergelegt haben, werden an den Schenkeln aufgehängt in diesem brennenden Ort und sie sagen zueinander: Wir haben nicht gewusst, dass wir in die ewige Qual kommen müssten!“ Und so weiter und so fort. (Nachzulesen auf suspekten Seiten im Netz. Viel Spaß dabei.)
Und nichts zu tun hatten in dieser Nacht die Träume mit den üblichen Kategorien von Fliegen und Fallen, von Verfolgtwerden und Nichtfliehenkönnen. Es waren Bilder, kurze Einblendungen, die farblich durchas mit seinem sonstigen Wahrnehmen in Verbindung zu bringen wären, während er seine Clusterfarben hat. Diese Durchdringung von Realität und synästhetischer Wahrnehmung, die er immer wieder erlebt, wenn die Wörter Klänge sind und Farben, die Berührungen alles auslösen können und er sich treiben lassen kann, bis dann endlich der Schmerz kommt. Ebenso in diesen Träumen, er erwartete geradezu den Schmerz des Clusteranfalls und allles verdichtete sich auch dahin, aber die Erlösung sollte sich jedesmal als Erwachen herausstellen. Natürlich musste er dann aus dem Fenster schauen, die Sterne funkeln sehen und darauf warten, dass der Schlaf ihn wieder übermannen würde. Letztlich hatte er dieses Spiel eines Hinundher abgebrochen, war trotz Dunkelheit aufgestanden, hatte sich frisch gemacht und gefrühstückt. Er hatte am Fenster gesessen, dem Morgengrauen zugeschaut und diesen Frühmorgenhimmel mit seinen Farbspielen als traumhaft wahrgenommen.

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Ungerechtigkeit

Wer nur über die Ungerechtigkeit lamentiert, wird niemals etwas verändern.

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