Diese Nacht hat er gar nicht geschlafen. Er hat sie verbracht. Na, wenn er ehrlich wäre, dann müsste er zugeben, dass er viel geschlafen hat, aber die Traumzeiten sind so dermaßen in Zeiten des Aufwachens, des Wachdaliegens übergegangen, dass er gefühlt wenig geschlafen hatte. All die Sorgen, die er irgendwann beschlossen hatte, niemals mit nach Hause zu nehmen. All die Erlebnisse und Gedanken haben sich also vermischt zu einem dystopisch visionären Strudel, der ihn mitgezogen hatte. In die Tiefe der Seele könnte man sagen. In die Tiefe der Hölle, würde er sagen, wäre die Hölle nicht eine Erfindung der Christen über hundert Jahre nach Christus. Wo Jesus selber nur einen Ort der Düsternis benennt, machen die Apokalypse des Johannes (welcher ist hier gemeint?) und jener apokryphe Texte angeblich nach Petrus, der auch Petrus-Evangelium genannt wird, daraus dann einen Ort unbeschreiblicher Qualen: „27 Dann werden Männer und Weiber an den Ort gehen, für den sie bestimmt sind. Die gegen den Weg der Gerechtigkeit gelästert haben, wird man an ihren Zungen aufhängen. Man bereitet ihnen ein nie verlöschendes Feuer. Ein anderer Strafort ist eine große mit brennendem Schlamm gefüllte Grube. Darin sind Menschen, welche die Gerechtigkeit verleugnet haben. Strafengel foltern sie und zünden das Feuer ihrer Strafe an.
28 Zwei Weiber sind an Nacken und Haaren aufgehängt und in die Grube wirft man sie. Sie hatten sich prächtige Frisuren gemacht, nicht weil das gut aussieht, sondern weil sie so Männer fangen und verderben wollten, indem sie Hurerei mit ihnen trieben. Die Männer, die sich mit ihnen zur Hurerei niedergelegt haben, werden an den Schenkeln aufgehängt in diesem brennenden Ort und sie sagen zueinander: Wir haben nicht gewusst, dass wir in die ewige Qual kommen müssten!“ Und so weiter und so fort. (Nachzulesen auf suspekten Seiten im Netz. Viel Spaß dabei.)
Und nichts zu tun hatten in dieser Nacht die Träume mit den üblichen Kategorien von Fliegen und Fallen, von Verfolgtwerden und Nichtfliehenkönnen. Es waren Bilder, kurze Einblendungen, die farblich durchas mit seinem sonstigen Wahrnehmen in Verbindung zu bringen wären, während er seine Clusterfarben hat. Diese Durchdringung von Realität und synästhetischer Wahrnehmung, die er immer wieder erlebt, wenn die Wörter Klänge sind und Farben, die Berührungen alles auslösen können und er sich treiben lassen kann, bis dann endlich der Schmerz kommt. Ebenso in diesen Träumen, er erwartete geradezu den Schmerz des Clusteranfalls und allles verdichtete sich auch dahin, aber die Erlösung sollte sich jedesmal als Erwachen herausstellen. Natürlich musste er dann aus dem Fenster schauen, die Sterne funkeln sehen und darauf warten, dass der Schlaf ihn wieder übermannen würde. Letztlich hatte er dieses Spiel eines Hinundher abgebrochen, war trotz Dunkelheit aufgestanden, hatte sich frisch gemacht und gefrühstückt. Er hatte am Fenster gesessen, dem Morgengrauen zugeschaut und diesen Frühmorgenhimmel mit seinen Farbspielen als traumhaft wahrgenommen.
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