Nebelbilder

Wenn er zu dieser wundersamen Herbstzeit im Wald sitzt, weil es Abend wird und dieser langsam in die Nacht gleitet, steigt in diesem Tal oft der Nebel. Allmählich verschwinden die gedachten Konturen und das Ungefähre, das Unsichere wird zu einer möglichen Gewissheit. Dabei mögen sich tierische und menschliche Gestalten ergeben, die nicht zu fassen sind, Trugbilder, die zuweilen ins Mythische abdriften, wenn er Gedanken und Vorstellungen freien Lauf lässt, wenn er sich ein Treiben der Möglichkeiten gestattet. In dieser Schememhaftigkeit des Äußeren versteht er nach und nach, warum Künstler wie Turner oder Friedrich sich malend mit diesem Zwischenzustand beschäftigt haben. Da wird die Darstellung oder Nachahmung der Natur zu einer Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Farbmaterie, des -vermögens und der Farbigkeit an sich. Und jedes Foto, das er mit seinem Handy machen würde, könnte nur scheitern.

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Hokaido

Eben noch lag der orangefarbene Kürbis in der Schale mit dem anderen Gemüse. Mit dem großen Messer hat Herr Nipp ihn schnell in kleine Stücke geteilt, dank Krallengriffs ist das ohne jegliche Blessuren abgelaufen. Die Stücke in kochendes Brühe geworfen, Kartoffeln dazu und nach einigen Minuten teilweise püriert, ein sämiges Vergnügen. Er hat einige gefrorene Erbsen dazugegeben, später, damit keine braune Tunke entsteht. Mit Salz und Knoblauch abgeschmeckt. Jetzt ist für ihn der Herbstbeginn perfekt. Die nächsten zwei Tage wird er die Suppe genießen können und jeder Gast ist ihm dazu willkommen. Er hält kurz in seinen Gedanken inne und grinst in sich hinein. Nein, doch nicht.

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Schnurren

Halb dösend liegt er mehr als zu sitzen auf dem Sofa. Die Katze der Nachbarsfamilie ist zu Besuch und hat sich schnurrend tief in die Decke neben ihm eingegraben. Kein Stück ihres leopardierten Fells ist mehr zu sehen. Nach zwei Minuten ist auch schon kein Schnurren mehr zu vernehmen. Das Kätzchen schläft tief und fest. Eigentlich hatte sie wohl draußen schlafen wollen, war dann aber zügig ins Haus gehuscht. Herr Nipp hatte die Etagentür geöffnet und ab ging es nach oben zu seiner Mitwohnerin. Für eine Weile wird er dort wohl sitzen bleiben und später wieder herunter gehen. Ihm schmerzt ein wenig die Backe, da der Arzt dort heute operiert hatte. Aber das Katzenschnurren musste er sich noch mitnehmen, er hat mal gehört, das es die Heilung fördert. Na wenn es doch hilft.

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Birnensaft

Früh morgens hat er bereits seine Runde über den Wochenmarkt gedreht. Hier am Stand Käse, dort Eier und Gemüse, da wieder Blumen gekauft. Verschiedenfarbige Landrosen. In dieser Kleinstadt kennt man sich. Freundliche Begrüßungen allenthalben, an zwei Stellen ein netter Plausch. An solchen sonnigen Herbsttagen genießt Herr Nipp das Wochenende. Kurz nach sieben ist es noch nicht so voll . Er hat Brötchen und Brot in der Dinkelbäckerei auf dem Rückweg eingeholt, dort noch einen alten Bekannten mit seinen zwei kleinen Kindern getroffen, launiges Schwätzchen. Da das Frühstück noch auf sich warten lassen wird, sitzt er nun im Garten auf der Liegebank, neben sich ein Glas mit selbst gemachten Birnensaft und liest in einem Roman über die japanische Nachkriegszeit von Kazuo Ishiguro. Er möchte dieses Werk in aller Ruhe genießen und hatte sich vorgenommen, nicht mehr als fünfzig Seiten pro Tag zu lesen. Das macht sechs Tage bei 270 Seiten. Dummerweise begreift er zu spät, dass schon wieder 100 Seiten vorüber sind. So sehr hat ihn die langsame, beinahe vorsichtige Erzählweise in Beschlag genommen. Sogar den Birnensaft hat er völlig vergessen. Jetzt hebt er das große Glas zum Mund und trinkt es in einem Zug leer. Besser kann der Tag kaum beginnen, denkt er. Von oben ein Ruf: „Können im Garten frühstücken?“

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Goldkettchen

An manchen Tagen passiert so viel, man weiß gar nicht, was das Wichtigste ist, schießt es ihm durch die Gedanken, während er die Gläser in den Schrank räumt. Den vorerst letzten schönen Tag hatten sie fast komplett im Garten zugebracht und trotzdem war es spannend. Eigentlich hatten sie nur kurz den einen Komposter leeren wollen, um danach eine Stunde auf der Schwalbe, die wartend in der Garage steht, zu fahren. Für Herrn Nipp wäre es eine echte Übungsstunde gewesen, da er sich noch nicht so recht an das kleine Maschinchen traut. Dann aber hatte sie den ganzen Garten winterfest gemacht und er beide Komposter geleert, gesiebt, die Beete mit Kompost gedüngt und gegraben. Den einen hölzernen Kompostbehälter wieder mit frischem Material hefüllt. Bei der ganzen Buddelei waren zwei unerklärliche Goldkettchen aufgetaucht. Die wurden in ein Wasserbad gelegt. Sie hatten Besuch von einer Freundin bekommen und Kaffe getrunken, viel geredetund gelacht, auch über ernste Themen, weiteren Besuch von einem Freund mit „grauen Mäusen“ (das sind superleckere Rote Weinbergpfirsiche), viel geredet und dabei über die Vermehrung der Sumpfgladiole gefachsimpelt. Er hatte irgendwann zwischendurch Gelierzucker gekauft und Konfitüre gemacht. Herr Nipp liebt diesen ganz eigenen Geschmack des völlig roten Brotaufstrichs. Danach ging es an die Weitergabe des Obstes. Solche seltenen Früchte müssen gegessen werden, dürfen nicht verkommen. Abends also noch mal Besuch, drei lustige Abholer, Schwester, Nichte , Neffe, wovon letzte aber mehr am Teich interessiert schien. „Ich möchte auch einen haben.“ „Musst du viel graben.“ „Habt ihr das von Hand gemacht?“ „Uns hat ein Hubschrauber geholfen.“ “ Sehr lustig.“ Später abends noch eine Party. Jede Minute des Tages war sinnvoll gefüllt. Selten gibt es so glückliche Tage. Nur die Goldkettchen stellten sich als unecht heraus.

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