Frage

Ganz vorsichtig stellt sie ihre Frage, zeigt einen scheuen Blick, als erwarte sie, von ihrem Gegenüber niedergemäht zu werden. Eine Blume im rauen Wind der Zeit. Und er schaut herab, entzückt von ihrer Erscheinung, wird sie nicht pflücken, sondern blühen lassen in ihrer wundervollen Einfachheit. Er wird ihr antworten, ganz vorsichtig, als habe er Sorge, sie verletzen zu können.

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Die Schönste

Es gibt keinen Zweifel für ihn, sie ist es, sie ist die schönste von allen. Nichts kommt an sie heran. Ihr Blick, dieser Augen, in die er immer wieder zu fallen glaubt. Ihre Figur, die perfekt scheint. Ihr Geruch und nicht zu vergessen die Stimme. Sie ist intelligent, weiß sich durchzusetzen und wirkt immer so gepflegt. Ja, er mag diese Lieblingsmilchkuh und wird sie nie nie verkaufen.

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Missgriffe

Als Herr Nipp ein kleiner Junge war, konnten einige Worte gesagt werden, für die man heute mit giftigsten Blicken getötet würde, zumindest sozial. Heute weiß auch er, dass viele von diesen durchaus rassistisch verstanden werden können, wenn man nur will, andere sind es immer gewesen. Gemein und abwertend oder nazistisch und ausgrenzend. Zumindest wirken viele Begriffe offenbar heute so, gewollt oder ungeahnt. Darf eigentlich noch ein Mensch, der seinen Körper vegan ernährt, Veganer genannt werden? Ist das nicht auch irgendwie stigmatisierend, weil dieser Mensch auf eine Sache reduziert wird? Und steckt in Vegetarier nicht auch Arier? Huh. Das sollte hier nun wirklich nicht stehen. Aber es handelt sich ja schließlich nur um die Gedanken einer Figur, die ein Erzähler formuliert. Fraglich ist dann allerdings, welches Wort überhaupt noch artikuliert werden darf, denn er weiß wirklich nicht, wie wer welches Wort mutwillig missverstehen will. Und so schweigt er in der Runde bestimmter Menschen lieber, weil er befürchtet, eigentlich wären alle Wörter, die ihm zu den dort besprochenen Themen einfallen könnten, Missgriffe. Und er möchte wirklich niemanden verletzen, dass passt einfach nicht zu ihm. Er beißt dann lieber in seinen Schokokuss oder isst eine Wurst, die nach Bewohnern des Maingebietes benannt wurde. Aber, sind nicht auch das Missgriffe, irgendwie?

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Blicke

Natürlich, denkt er, natürlich ist es immer wieder gleich, ich schaue dem Anderen in seine Augen und sehe ihn doch nicht, nutze das Erfassen eines Blickes nur als Simulationsfläche eigener Gedankenspiele. Und wenn ich dann angesprochen würde, was allerdings wahrscheinlich nie geschieht, wüsste ich nicht, warum.

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Vorlesung – eine Erinnerung

Als er in den Raum kommt, beachten die Anwesenden ihn mit bewusster Nichtbeachtung. Er wartet, fühlt sich sicher sicher genug, sie auflaufen zu lassen. Früher wäre das vielleicht anders gewesen, in seiner Anfängerunsicherheit hätte er sich genauso sicher irgendwie bemerkbar zu machen versucht und damit dieses Machtspiel qua Automatismus bereits vor Beginn verloren. Früher hätte er sich wahrscheinlich noch geärgert, vorgeblich über die Anderen natürlich, eigentlich jedoch über sich selbst; niemand wird geärgert, er ärgert sich letztlich selbst. Auch das weiß er. Er waretet also ab, steht da vorne wie unbeteiligt, immerhin einige Minuten lang hält er dieses Spiel aus. Irgendwann kehrt schon Ruhe ein. Ja. Irgendwann kehrt tatsächlich Ruhe ein. Er wartet dann noch, bis auch der Letzte sein Murmeln beendet, bis auch die Letzte ihre albernes Kichern ersticken lässt. Das macht die wahre Macht, sie hat Geduld. Sie hält die Situation aus und erst wenn es notwendig wird, im Sinne von notwendig, schreitet sie mit Härte ein. Als er beginnt zu sprechen, ist das so leise, dass niemand es wagt, die eben abgebrochene Unterhaltung mit dem Nachbarn, das nette Schwätzchen mit der Nachbarin fortzuführen, jegliches Flirten über Reihen hinweg kommt zum Erliegen. Er blickt auf seine schlichte Armbanduhr, ein Erbstück seines Lieblingsonkels, der ihm damals, als er noch jung war und naiv, die Liebe für das Wort vermittelt hatte. „Sie haben“, erobern die Worte sanft, freundlich und eindringlich den Raum, „mich gerade fünf Minuten warten lassen.“ Er blickt in den Runde und gefühlt jedem kurz dabei in die Augen. „Sie wissen, dass jeder nur einmal die Chance hat, einien ersten guten Eindruck zu hinterlassen. Meiner von Ihnen ist dementsprechend.“ Er wird nicht laut, seine Stimme bleibt sanft und freundlich und wirkt, kriecht durch die Gehörgänge unter die Hirnhaut. Und jetzt lächelt er ins Auditorium und die Zuhörer sind verblüfft, als er verkündet, dass seine Vorlesung und die verlorene Zeit zusätzlich auch nach hinten gekürzt wird. „Ihnen scheint mein Vortrag so wenig wert zu sein, dass Sie lieber die zentralen Aspekte des Themas selbst herausarbeiten möchten. Die Literatur dazu finden Sie natürlich im Semesterapparat. Haben Sie auch dazu keine Zeit, brauchen Sie zur nächsten Vorlesung erst gar nicht mehr zu erscheinen.“ Die Vorlesung ist inhaltsreich, scharf konturiert und unglaublich unterhaltsam. Irgendwann schaut er wieder auf seine Uhr, die Max Bill entworfen hat. Er geht fünf Minuten früher, wie zuvor angekündigt.
Als er zur nächsten Vorlesung erscheint, ist der Hörsaal voller als zuvor, und die Studierenden verstummen wie auf Knopfdruck.

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