Flasche

Klar, die Flasche ist leer. Und tatsächlich ist es eine italienische Flasche. Die gehört auch nicht in den Wortschatz eines Fußballtrainers, sondern ist eines der Andenken von Herrn Nipp. Normalerweise fährt er ja, das ist sozusagen ein Ritual, ins Sehnsuchtsland der Deutschen, nach Italien. Manchmal auch in die Mitte, meist jedoch in den Norden. Rom ist der südlichste Ausläufer, den er auf dem Festland bisher besucht hat, eher aber zieht es ihn schon nach Florenz, am häufigsten war er wohl in Südtirol, das viele Südtiroler nicht als Italien ansehen. Aber auch sie müssen den Realitäten ins Gesicht sehen. Eigenständig wird diese Region wohl so schnell nicht werden. Zu sehr eingebunden ist man in die nationalen italienischen Strukturen. In der besagten Flasche bewahrt Herr Nipp Nägel auf. Im Keller hat er ein ganzes Regal mit solchen Flaschen, in denen er Nägel und Schrauben aufbewahrt, dort sind es Bitterinoflaschen, die er so zweckentfremdet. Im Schlafzimmer in seinem Regal aber steht eine Zitronenlimonadeflasche, deren grüngewellte Oberfläche das Licht reflektiert. Jedes Jahr kauft er sich diese Limonade, die ihm einer der liebsten Menschen, die er kennt, entdeckt hat. Jedes Jahr bringt er sich einige davon nach Hause mit. Leider gibt es diese Limonade in Deutschland nicht, die schmeckt, als habe man den Geschmack und die Sonne einer Zitronenbaumpantage eingefangen und abgefüllt. Die schmeckt. Einfach lecker. Wenn er dann zu Hause eine solche Limonade öffnet, dann ist das wie die Verlängerung des Italienaufenthaltes. Dieses Jahr wird es davon wohl keinen Nachschub geben, aber immerhin besitzt Herr Nipp diese leere Flasche und jedes Mal, wenn er sich auf den Geschmack ganz doll konzentriert, dann ist er plötzlich da und das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. So genau weiß er gar nicht, warum diese Flasche entweder in seiner Bibliothek oder im Schlafzimmer zwischen den Büchern steht, aber er wird sie nicht wegräumen, denn so hat er jeden Tag seinen italienischen Moment.

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Der Tisch

Draußen auf der überdachten Terrasse steht ein Tisch, ein alter Tisch, aus einer Zeit, als Herr Nipp noch nicht da war. Also sehr alt. Der Tisch hatte früher bei seiner Großmutter gestanden. Es war der Küchentisch. Nach deren Tod hatte sein Vater ihn übernommen, klar, der hatte ihn schließlich auch gebaut. Der Tisch ist sehr schlicht, gefertigt aus dem Holz der Ulme. Früher hieß der Baum meistens Rüster in dieser Gegend. Sehr schönes Holz mit regelmäßigen Strukturen. Wer an diesem Tisch sitzt, wird schnell feststellen, dass irgendetwas nicht stimmt. Seine Mutter wollte ihn auf der Terrasse haben und dort standen die alten Sessel, das alte Sofa. Der Tisch war zu hoch. Da konnte es nur die alte Radikalkur geben. Beine ein Stück ab und von den Querstreben musste auch was weg, sonst hätten die Beine wohl nicht drunter gepasst. Da hatte seine Mutter keine Probleme mit. Nie gehabt. Schließlich war das nicht der erste Tisch gewesen, den der Vater zu kürzen hatte. Mit der Handsäge natürlich. Der alten Schreinersäge, ohne Motor, nicht schnell, aber sehr präzise.
Jetzt ist der Tisch eben zu klein und Herr Nipp wird sich über kurz oder lang etwas einfallen lassen müssen, wie die Beine zu verlängern sind. Jeden Tag schaut er seit geraumer Zeit schon auf verschiedenen Tauschplattformen im Netz, ob irgendjemand Ulmenholz zu verschenken hat. So leicht wird das nicht. Rüster ist dieser Tage selten geworden. Spätestens seit der UImenkrankheit.
Wer weiß, vielleicht besorgt er sich auch einfach ein paar alte Sessel und ein Sofa, die sind wahrscheinlich leichter zu bekommen, dann passt es schon.

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Himmelblau

Die Fenster stehen auf Kipp. Die Augen sind seit geraumer Zeit geöffnet. So liegt er im Bett, das Morgengezwitscher ist längst abgeebbt. Nur die Spatzen von gegenüber, zuweilen eine gurrende Taube und natürlich die unermüdliche Amsel lassen noch etwas von sich hören. Auch die große Blüte der Rose vor seinem Fenster ist schon vorüber. In den nächsten Tagen wird er sie schneiden müssen, dann blüht sie vielleicht noch einmal in einigen Wochen. Der Sommer ist da. Er schaut in den Himmel, keine Wolke zu sehen, auch kein Kondensstreifen von Flugzeugen. Kaum ein Flieger ist noch unterwegs. Kein Auto macht sich diesen Morgen auf den Weg. Kein Fußgänger ist bisher zu hören. Er mag diese Zeit kurz vor sechs morgens. Niemand stört ihn in seinen Gedanken und Erinnerungen. Bald wird sein Wecker klingeln. Solange kann er noch liegen und über alles nachdenken. Was heute zu tun ist natürlich, was gestern gut geklappt, was nicht. Wichtiger ist es, über das Gelungene nachzudenken, aber er bleibt meist an dem hängen, was nicht so sehr toll war. Das macht wohl die Erziehung. Er kann sich dem einfach nicht erwehren. Kurz schließt er die Augen, nur kurz und wird eine halbe Stunde später vom Wecker geweckt. Er schaut Heraus, der Himmel ist blau, die Fenster stehen auf Kipp. So liegt er im Bett, das Morgengezwitscher ist längst abgeebbt. Nur die Spatzen von gegenüber, zuweilen eine gurrende Taube und natürlich die unermüdliche Amsel lassen etwas von sich hören. Am Himmel keine Wolke zu sehen.

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Die Tasche

Sie war ihm geschenkt worden. Einfach so. Mit einem freundlichen Gesicht in die Hand gedrückt. Mit leuchtenden Augen. Ein Stück weit generös. Handgemacht, nicht die Tasche an sich, sondern das Bild darauf. Zwei Hände mit einer Pflanze in ihrer Mitte. Hände, die die Pflanze schützen und leicht anheben, wie zum Gebet. Darüber der Spruch „Lehrer pflanzen Samen des Wissens“.
Das hatte ihn umgehauen. So ein einfacher Text, wenige Wörter und doch in der Lage, sein Denken über Lehrer völlig umzukrempeln. Ja, stimmt. Lehrer setzen keine Bäume, auch keine Wälder, das wäre zu viel für das Kind, das empfindliche und empfindsame Wesen und das wissen sie. Aber die Grundlage schaffen sie, der Boden wird urbar gemacht und besäht. Genau dafür. Damit das beschulte Wesen und später der Mensch, der das Schülersein offensichtlich längst hinter sich gelassen und aufgegeben hat, irgendwann in der Lage ist, Profit aus diesem entstandenen Wald zu ziehen. Verknüpfungen erkennt und später eben ein kleines Stückchen dankbar ist. Für diese Samen, die lange schlummerten, die er längst vergessen hatte zu gießen und die trotzdem gewachsen sind. Ganz unbemerkt und mächtig.
Mit dieser Tasche geht er gerne einkaufen, auch wenn er selbst kein Lehrer ist.

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Deine Geschichten

Zugegeben, in dieser Zeit geht er nicht ganz so gerne in die Stadt, nur wenn er wirklich etwas braucht oder eben wenn es günstiger ist als außen herum zu fahren. Zu viel Gedränge, zu viele Menschen und viel zu viele unmaskierte „istschonnichtsoschlimms“. Normalerweise geht er in die andere Richtung, in den Wald möglichst, aber das weißt du ja sicherlich schon, ist ja nicht die erste Geschichte, die du liest. Da es ja nur dich gibt, der hier reinschaut, weißt du sicher alles über Herrn Nipp. Und tatsächlich geht es ja auch heute um dich ganz persönlich.
Gestern jedenfalls musste er in die Stadt und da ist er dir über den Weg gelaufen. Nein, er hatte durchaus das Gefühl, du hättest ihm aufgelauert. Zufälligerweise weiß ich , dass es ein Stück weit auch so ist. Wer Langeweile hat, der sucht sich eine Bschäftigung. Das ist ja das Schöne, der Erzähler kann das wissen, weil er sich zuweilen herausnimmt in seine Figur hinein zu sehen. Alles wird ja auch nicht ausgeplaudert, aber manchmal ist die neutrale Rolle einfach nicht angebracht. „Das ist ja schön, Sie endlich mal wieder zu sehen. Ich bin ja so froh, dass ihr Blog immer noch existiert.“ Überschlagende Stimme. Lieber Leser, du solltest wissen, dass Herr Nipp es etwas nüchterner mag. Kein Getue, keine Übertriebenheiten, nichts Gestelztes. Er mag es ehrlich und beiläufig. „Und so tolle Geschichten, da kann man gar nicht aufhören. Wann erscheint endlich wieder mal ein Buch?“ „Ein Buch?“ „Ja, so wie damals eben.“ An dieser Stelle, lieber Leser, wäre ich fast sauer geworden. Mal ehrlich, woher soll denn Herr Nipp wissen, dass er lediglich eine Figur ist, die in Blogs und Büchern herumläuft. Stell dir mal vor, ich würde dir jetzt und hier sagen „Hallo Leser, du bist ein toller Hecht, denn ich weiß alles über dich. Ich habe dich erfunden und daher bist du nur eine literarische Figur, nicht einmal eine Matrix!“ Du würdest doch ausrasten. Wer will schon eine Figur sein. „Ihr seid doch alle Individuen.“ heißt es schon bei Brian – oder so ähnlich. Und alle antworten „Ja!“. Nur einer nicht. der sagt „Ich nicht“. So geht es uns eben, die wir hier verfasst werden. Wir scheinen Individuen und sind doch nur erdacht. Also sind Herr Nipps Geschichten letztlich sogar deine Geschichten, denn du bist nur die Fiktion der Buchstaben am anderen Ende der Geschichten, nicht erwähnt und doch implizit immer da. Man man man. Damit hast du nicht gerechnet. Ich weiß wenigstens, dass ich nur Pulp Fiction bin. Das ist mein Vorteil. Jetzt ist mir die Geschichte zwar völlig aus dem Ruder gelaufen, aber das macht jetzt auch nichts mehr. Offenbar wollte das der Autor so, leider kann ich gerade in den nicht hereinschauen oder hineinführen.

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