Gabel

Seit Tagen sitzt Herr Nipp schon in seiner Lieblingskanzel an. Endlich will er den Gabelbock erwischen. Wie ein Geist taucht er immer plötzlich auf, steht so ungünstig, dass nichts zu machen ist. Nicht ansprechbar nennen das wohl die Jäger. Herr Nipp hat ein passendes Kaliber für den Schuss gewählt, nicht zu groß, nicht zu schwer, er muss ja beweglich bleiben, hat frühzeitig aufgebaut und verhält sich so ruhig, dass er selber staunen muss. Keinen Mux gibt er von sich, bewegungslos sitzt er da. Seit Stunden schon. Allmählich wird das Licht fahler, die Farben blassen aus, doch der Gabler lässt sich nicht blicken. Herr Nipp lehnt sich kurz nach hinten, nimmt die Flasche mit Orangensaft aus der Tasche und trinkt drei große Schluck. Er stellt zufrieden die Flasche ab. Lecker, denkt er. Das hat gut getan. Als er nach draußen schaut, steht dort der junge, starke Bock und scheint ihn höhnisch anzusehen. Langsam hebt Herr Nipp das Schussgerät, visiert an und drückt ab. Nicht ein Schuss löst sich, es ist gleich eine ganze Serie. Er hat die Kamera so eingestellt. Und dieses Mal hat es sich wirklich gelohnt. Tolle Bilder eines fotogenen Rehs. Am nächsten Tag erfährt er, dass der Bock im Morgengrauen von einem befreundeten Jäger zur Strecke gebracht wurde. Zur Fotoausstellung wird es Rehrücken geben.

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Schönes Zuhause

Die Zeitung liegt auf dem Tisch. Ein Artikel über häusliche Gewalt in Zeiten der sozialen Distanzierung. Unscharf im Hintergrund eine Frau auf dem Boden sitzend in fast embryonalen Stellung in die letzte Ecke des Raums gedrängt, auf der linken Seite des Bildes eine männliche Faust. Unterarm freiliegend mit kräftiger Behaarung. Botschaft, Männer sind übel. Sie verhauen Frauen, wenn sie nur Gelegenheit dazu bekommen. Herr Nipp schämt sich ein bisschen für seine Geschlechtsgenossen. Glücklicherweise kann ihm das nicht passieren,denkt er. Neben dem Text eine Anzeige. Zwei Menschen sitzen zufrieden auf dem Sofa, die Hände hinter den Köpfen verschränkt. Sie schauen aus dem Fenster ins Gartengrün. Wie passend zum Leitartikel denkt Herr Nipp, das steht „Für Ihr schönes Zuhause“ und darüber eine Reklame für Schmerzmittel.

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Den Tag nicht vor dem Abend – die Nacht nicht vor dem Morgen

Es ist ihm einfach wichtig, das Gehen durch den Wald, querfeldein, die Wege, die ihm in die Quere kommen, möglichst schnell überwinden, queren. Eben querfeldein. Er geht nicht schnell, das muss wirklich nicht sein. Es reicht völlig, in aller Ruhe durch den Wald zu gehen, ruhig, gespannt und vor allem aufmerksam. Gespannt ist er vor allem auf alles, was er entdecken wird, vielleicht eine Pflanze, die er noch nicht kennt, vielleicht einen Vogel oder die Reste einer Mahlzeit, verbunden mit dem Fund von schönen Federn einer Elster. Vielleicht ist es aber auch ein Stein, der glitzert in der Sonne und bei Näherkommen völlig langweilig erscheint. Er weiß es nie, weiß nie, was passieren kann und wird, aber es ist niemals wie am Tag zuvor. Auch wenn er zehn Mal die gleiche Strecke geht, sie ist für ihn niemals die selbe. Da krabbelt ihm ein Käfer über den Fuß, dort bleibt er vielleicht an der nächsten Wurzel hängen und entdeckt dadurch etwas neues. Meistens geht Herr Nipp aber nicht allein, er nimmt Menschen mit, die nichts dagegen haben, durch Blätterhaufen, Dreck oder Matsch zu laufen, die sich dafür nicht extra anziehen, sondern die, wie sie sind, mitkommen. Ganz spontan, ohne Vorbereitung.

Die ersten Meter sind die beschwerlichsten, weil man eine Zuwegung sucht. Da muss der vorgegebene Weg genutzt werden, einige hundert Meter vielleicht oder auch einige Kilometer, dann aber geht der eigentliche Spaziergang los, plötzlich wendet er sich nach rechts oder links und steigt in den Wald, überspringt den Seitengraben. Plötzlich steht er in der Natur, oder zumindest in dem, was heute für Natur gehalten wird. Denn seien wir ehrlich, die modernen Wälder haben nicht mehr viel mit Natur zu tun, meist sind sie Monokulturen, entweder Buchen oder Fichten oder andere nützliche Wirtschaftsbäume, wenn sie denn nach zwei dürren Sommern und den verschiedenen Borkenkäferattacken noch stehen, es sind von den einst so reichhaltigen Brotbaumkulturen im Sauerland nur noch wenige übrig geblieben. Manchmal denkt er, dass aus dem Arnsberger Wald ein ehemaliger Wald geworden ist, Freiflächen mit Restbuschbeständen. Aber gerade das macht die Spaziergänge ja so interessant. Wo viel Licht ist, können andere Arten aufkommen, die Reste von vor Jahrzehnten untergegangenen Pflanzenbeständen erholen sich ganz plötzlich. Diasporen keimen.

Dieses Mal jedoch sucht er ausdrücklich keine Pflanzen, der Gedanke ist einfach, er will eine Abwurfstange finden. Nicht um sie zu behalten, er verschenkt solche Fundstücke immer. Ja, er weiß wohl um die Gefahr, in die er sich begibt, denn Abwurfstangen sammeln ist tatsächlich eine Straftat, zumindest, wenn man sie mitnimmt. Es gab tatsächlich eine Zeit, da hat er die knochigen Kopfgewächse an Bäume gebunden oder im Gezweig aufgehängt, welch ein Spaß. Na, es gibt wohl schlimmeres, denn die meisten Jäger haben ehrlich gesagt kein oder kaum Interesse an den Stücken. Und die wenigen Jäger, die wirklich interessiert sind, sammeln sie schließlich selber zeitnah ein.

Fast zwei Stunden haben die beiden nun gesucht. Die Begleitung meint, dass man ja nicht immer was finden könne. Aber plötzlich ragen die weißen Spitzen einer Sikastange aus dem Laub. Welch ein Fund so kurz vor Schluss. Herr Nipp grinst: „Man soll den Tag nicht vor dem nächsten Morgen verdammen.“

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Apfelmann

Gerade ist die Sonne untergegangen, der Himmel leuchtet in Orange, auf einem Foto sähe das kitschig aus, aber die Realität von Naturphänomenen kann nicht kitschig sein. Auch dass das gelbe Feld plötzlich grün geworden ist, weil die Lowenzähne ihre Blüten geschlossen haben, ist bemerkenswert.

Herr Nipp ist gerade losgefahren, hatte seinen Diesel, den er selber liebevoll Trecker nennt, angeworfen und fährt gedankenversunken auf dem schmalen Feldweg. Einmal um das Feld herum fährt er, sonst hätte er wenden müssen und dazu hatte er keine Lust. Den ganzen schönen Nachmittag durfte er auf dem Feld helfen. Willkommene Abwechslung in seiner Coronaalleinsamkeit. Nicht, dass er wirklich alleine wäre in dieser Zeit, aber es tut ihm einfach gut, wenn er mit einem Freund zusammen arbeitet. Mal ganz ehrlich, die meisten Leute halten es nicht lange mit ihm aus. Herr Nipp verabscheut zu sehr den Smalltalk, als dass er sich darauf einlassen könnte, also schweigt er dann lieber als zu sprechen. Und fast niemand erträgt auf Dauer schweigende Menschen. Den meisten ist dauerndes und vor allem inhaltsleeres Gebrabbel lieber.

Der Apfelmann allerdings nimmt das hin. Viele Arbeiten laufen so aneinander vorbei, etwa das Verteilen der Bambusstäbe in den Apfelbaumreihen, da kommt man sich nicht zu nahe und jeder kennt seine Arbeit, die Handgriffe sind automatisch. Da braucht man nicht zu reden. Nur wenn sie bestimmte Arbeitsschritte gemeinsam machen müssen, etwa das Stäben, dann stehen sie beisammen und reden. Nicht so sehr Herr Nipp. Eher der Andere. Spannende Geschichten aus der Vergangenheit. Der Zeit beim Zuviel-Dienst etwa, dem Studium damals, Vorbildern, dem Jahr im Ausland auch. Aber vor allem genießt Herr Nipp es, unglaublichen Input zum Thema Natur zu bekommen. Tiere, über das Abwehrverhalten von Ringelnattern zum Beispiel, und Pflanzen, Veredeln von Obstbäumen kommt ihm dabei sogar manchmal zu kurz, von Cryptogamen und Pilzen. Manchmal thematisieren sie auch die Politik oder die Strukturen verschiedener Organisationen. Vor allem aber wird drei bis sechs Stunden lang das Thema Corona ausgespart. Dieser Mann ist eine Fundgrube an Wissen. Und Herr Nipp hört gerne zu. Da kann es dann eben auch passieren, dass es auf dem Feld später wird. Jedes Mal aber, wenn sie die Blüten der Apfelbäume entfernen, weil die jungen Bäume ja keine Energie zu verschenken haben, dann muss sich Herr Nipp überwinden bei diesem Frevel mitzumachen.

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Schallplattenspieler

Es gibt Worte, die so aus der Zeit gefallen sind, dass ihre Schönheit kaum noch zu sehen ist. Für Herrn Nipp ist es unter vielen anderen das Wort Schallplattenspieler. Er fragt sich, was er heute dazu sagt. Verbunden mit dem Wort Schneewittchensarg ist der Schallplattenspieler direkt nicht nur ein Wort, sondern die Erinnerung an eine vergangene Zeit. Vielleicht sogar eher das Versprechen einer vergangenen Zeit an die mögliche Einheit von Schönheit und Qualität, von Lebensgefühl und Modernität.
Seine Tante hatte ein ähnliches Modell besessen, Rosita Stereo Kl 460, leider eben nicht von Brauns genialen Designern Dieter Rams und Hans Gugelot, ein weißer Korpus und ein durchsichtiger Kunststoffdeckel, darin viel Technik, aber ein bisschen der Versuch einer Nachahmung. Damals, so kann er sich erinnern, war der Klang wirklich toll. Wenn er dort, oben in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung, seine Siegfried-Platte hören durfte, sein Lieblingsheld aus den Nibelungen, dann konnte er sich in der Zeit verlieren. Meist malte er dann verloren mit billigen Buntstiften auf gebrauchtem Büropapier oder legte sich einfach auf den Teppichboden, schaute zur Decke und versuchte die Unebenheiten der Raufasertapete zu Bildern zusammenzuziehen. Als er dieser Tage mal wieder Vinylscheiben im Wohnzimmer hört, wie jeden Tag, allerdings mal mit Besuch, denn er hat seine Jugendschätze eben nicht in den Keller geräumt, sondern lebt mit ihnen, hat stattdessen seine CD-Sammlung verbannt, sagt ein Freund dieses alte Wort. „Schallplattenspieler“ und sofort muss Herr Nipp an das alte Gerät seiner Tante denken. Am gleichen Abend noch durchstöbert er den Keller und tatsächlich, da steht dieses Wunderwerk der Technik noch. Er wird es entstauben und in seiner Wohnung wieder in die Gänge kriegen und dann seine Klassikplatten auf der Rosita hören. Das verspricht er sich. Und wer weiß, vielleicht findet er auch noch irgendwo die alte Schallplatte mit der Geschichte von Siegfried.

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