Von der Zwecklosigkeit

Warum er das macht, was er macht, ist ihm eigentlich nie so richtig klar geworden. Woher sollte er auch wissen, wer und was er eigentlich ist. Nun könnte der Erzähler ihm natürlich eine Eingebung verpassen. Er könnte ganz gemein sagen, dass Herr Nipp letztlich lediglich eine Figur ist. Dass alles, was er jemals dachte, von anderer Stelle quasi vorgemacht wurde. Aber wie traurig wäre das für einen Menschen, sei er auch lediglich Figur, zu erfahren, dass er nichts anderes als ein entsprungener Gedanke der Fantasie eines anderen Menschen ist. Viel geringere Dinge sind durchaus in der Lage zum Kern oder Fundament einer schlimmen Depression zu werden. Wie aber sollte ein Mensch reagieren, der ganz plötzlich erfährt, dass seine ganze Sinnsuche ein vergebliches Unterfangen ist, da alle Versuche, Sinn zu erhalten oder zu verstehen, eben nicht dem eigenen Denken entspringen. Der Erzähler muss sich seiner Verantwortung bewusst sein. Andererseits käme es im Falle der Aufklärung der Verhältnisse vielleicht zu einer Emanzipierung der Figur vom Erzähler. Aber auch das würde nichts nützen, denkt genau in diesem Moment Herr Nipp und der Erzähler kann es einfach nicht verhindern, vielleicht auch, weil der Gedanke an die Virtualität an sich schon eine unverschämte Verdrehung des realen Mächtespiels darstellt. Wenn nämlich der Erzähler ja gar nicht mein Erfinder ist, sondern auch der nur von einem Autor inthronisiert wurde, dann hat der auch nichts zu sagen. Herr Nipp könnte jetzt natürlich sowohl den Erzähler als auch den Autor ansprechen und eine Klärung der Verhältnisse einfordern, aber lässt der Autor natürlich nicht zu, der sich seiner Macht bewusst ist. Aber auch der unterliegt ja Regeln, deren er sich nicht erwehren kann.
Ja, denkt Herr Nipp, du kleiner Erzähler, du absolut kleiner Autor, ihr könnt mir mal den Buckel runterrutschen. Ich bin ich. Und sobald ich denke, bin ich.

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Stein sein

Als er zum vierten Mal an diesem Tag die selbe Strecke fährt, jede Kurve nimmt, wie sie kommt und dabei auch noch die gleiche Musik von my bloody valentine hört, fühlt er sich wie im multiplen Delirium. Die Beifahrerin döst vor sich hin, die Strecke fährt sich fast von allein, einzig der rote Mazda mx5 rf ist verschwunden. Er weiß auch nicht mehr, ob die letzte Fuhre Steine ausgeladen wurde. Vielleicht, denkt er, ist der Wagen auch schon wieder neu beladen. Wer weiß das denn schon. Sie kommen jedenfalls an der Stelle an, wo irgendwer die Steine abgekippt hat. Sie beladen den Transporter und fahren wieder los. Als Herr Nipp neben sich blickt, ist der Platz leer. Ja, denkt er, die hat das Tor aufgehalten. Und fährt weiter.

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Morgens

Die Sonne ist vor einiger Zeit aufgegangen, es kann allerdings nicht lange sein, sie scheint noch nicht ins Zimmer. Draußen ist gerade der Wagen vorbeigefahren, der die Säcke mit Plastikmüll eingesammelt. Herr Nipp war noch schnell aufgesprungen, um seinen Müllsack herauszubringen, hatte es aber nicht mehr rechtzeitig geschafft. Normalerweise legte er seine Säcke einen Tag vorher heraus, aber er hatte es einfach vergessen. Naja, denkt er, da kann man nichts machen, der nächste Termin kommt bestimmt. Zu spät.

Aber wo er einmal aufgestanden ist, setzt er den Kaffe auf, stellt die silberfarbene Maschine auf den Herd und macht die kleinste Platte an. Er duscht schnell und als er fertig ist, hört er schon das sprudelnde Geräusch. Er zieht sich an und läuft rechtzeitig barfuß in die Küche.

Der Kaffee schmeckt gut, stark und weckt so richtig auf. Das Müsli kann ihn nicht so recht überzeugen, zu viele Kokosraspeln und das frische Obst fehlt ihm. Aber er hat nur noch einen angeschrumpelten Apfel da liegen, der macht nicht gerade Appetit, ist allerdings perfekt für einen Apfelpfannkuchen geeignet. Eher lustlos schaufelt er das Müsli in sich herein. So richtig Spaß am Essen hat er seit einigen Tagen schon nicht mehr. Unvorsichtigerweise hatte er sich vor einer Woche auf die Waage gestellt. Verheerendes Ergebnis. Seitdem er im vergangenen Jahr das Rauchen aufgegeben hatte, war der Appetit auf Süßes wohl über die Maßen gestiegen. Aber noch ist ja Zeit, bis zum nächsten Urlaub das angestrebte Traumgewicht zu erreichen. Durch die Viruspandemie dieses Jahres wird ein Urlaub auf Korsika ja immer unwahrscheinlicher. Und bis zum nächsten Jahr muss es rechtzeitig zu schaffen sein. Es sind ja nur zehn Kilogramm zu viel. Wer in acht Monaten zehn Kilo zunimmt, kann in zehn Monaten auch elf Kilo abnehmen, findet er. Er muss nur noch lernen, das unbedachte Essen einzustellen.

Nach dem Frühstück denkt er an die anstehende Internetkonferenz und schaltet den portablen Kleinrechner ein, offensichtlich treibt sich außer ihm niemand auf dem Portal herum, er wartet einige Zeit und langsam beginnt er sich zu ärgern. Das kann doch nicht sein, dass niemand kommt. Er blickt auf die Uhr und beginnt unwillkürlich zu lachen. Er ist drei Stunden zu früh.

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Wolke

Über dem Feld steht eine Wolke, bewegt sich seit einiger Zeit nicht vom Fleck, verändert nur die Form und scheint langsam zu wachsen. Inzwischen sieht sie aus wie ein überdimensionaler Tropfen. Ja, Regen käme jetzt gelegen, sagt der Apfelmann. Sie haben sich gerade von ihrer Steinbank am Feld erhoben, die Pause beendet, die so wichtig für die Feldarbeit ist. Trinken gegen den stechenden Stern. Herr Nipp und der Apfelmann sprechen dann über die Entwicklung des Krautbewuchses zwischen den Obstgehölzreihen. Was erwünscht ist, was nicht. Welche Leguminosen und wie hoch der Bewuchs sein darf. Natürlich keine verholzenden Pflanzen und keine Quecken, das ist mal klar, auch die Hirse ist nicht erwünscht, aber Weißklee. Herr Nipp schlägt Ergänzungen durch blühende Pflanzen vor, die den Insekten nützen. Wenn überall die Natur weggespritzt wird, dann muss man einige Flecken schaffen, wo sich Tiere und Pflanzen wohlfühlen dürfen. Was nützt es schon, Insektenhotels aufzubauen, wenn die kleinen Flieger nichts zu fressen haben. Ja, das stimmt wohl, aber der Apfelmann hat seine eigenen Vorstellungen, es muss auch zu seinen Gehölzen passen. Er arbeitet sich in stiller Stunde die perfekten Mischungen aus. Leider versteht Herr Nipp zu wenig von den wissenschaftlichen Namen, die dann genannt werden. Aber er hört sie gerne und versucht sich einige einzuprägen, die er zu Hause dann nachschlagen kann. Die Wolke ist ein Fragezeichen, ganz deutlich. Immerhin hat Herr Nipp die Erlaubnis bekommen zwischen zwei Baureihen Kürbisse anzubauen. Und anderes Gemüse. Ja, regnen müsste es, denkt er, es beginnt schon zu stauben. Der Feuchtigkeitshorizont sinkt. Die Wolke hat inzwischen die Form eines Ausrufezeichen angenommen. Es ist immer wieder schön, Wolken zu verdinglichen, denkt er. Sie gehen wieder auf das Feld, bewaffnet mit Knebelgummis zum Anbinden der kleinen Bäumchen und einer Schere zum Entasten, falls nötig. Jeder nimmt sich eine Reihe vor, jeweils rund 110 Pflanzen. Meist schweigend geht die Arbeit gut voran, beim Anbinden entwickeln sich Automatismen. Manchmal fliegen Worte hin und her. Die Wolke ist dunkler geworden. Nach getaner Arbeit sitzen die beiden noch zusammen, der eine raucht eine selbst gestopft Zigarette, der andere Trink den letzten Kaffee. Kaltwasseraquarien werden thematisiert. Die Wolke scheint mitreden zu wollen und entleert sich. Plötzlich und heftig. Endlich Regen! Der Apfelmann lacht.

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Original und Fälschung

In der Kunst gibt es Vorbilder und Nachbilder, die sich ernsthaft mit ersteren auseinander setzen, denkt Herr Nipp. Und die Nachbilder haben eine eigene Qualität, so eigen, dass der Vergleich lohnt! Solange jedenfalls, als die Nachbilder den Vorbildern nicht nacheifern. Warum, fragt er sich dann, will das in der Filmindustrie einfach nicht gelingen?

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