Jeder Tag eine Folge

Normalerweise wacht der Mensch auf, geht seinen Routinen nach und irgendwann wird er vor Müdigkeit nicht drumherum kommen, auch wieder ins Bett zu gehen. Anders verhält es sich mit Figuren. Meist bekommt man es nicht mit, dass diese auch mal schlafen müssen. Sie agieren 72 Stunden durch. Welch eine Leistung. Ein Ideal, das dem normalen Menschen zur Schau gestellt wird. Ein krankhaftes Ideal, das zur Krankheit führt. Herr Nipp hat das vor Jahren für sich erkannt. Sieben Stunden braucht er mindestens. Wenn mehr geht, dann auch mehr. Auch eine neue Erfahrung für ihn war, dass er gerne schläft. Jede Nacht geht es schließlich weiter. Die Träume liebt er wie die Realität, was ihn früher erschrak, nimmt er heute an. Als seins. Nur wach im Bett herumliegen, das schafft er bis heute nicht. Dann steht er auf, geht eine Runde durch den Garten, kocht sich einen Kaffee und dreht eine zweite Runde. Früher einmal mit Kaffee und Zigarette, heute manchmal sogar mit Pfefferminzteee und natürlich ohne Zigarette. Er wundert sich immer mal wieder, dass das Älterwerden ihn so verschieden zu früher gemacht hat. Aber eines ist geblieben, die Sehnsucht, die er sich oft nicht erklären kann. Als würde er etwas erwarten, was kommen wird, als Folge von gestern, es kommt, immer.

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Pflaumen

Gestern hatte er noch vor dem stolzen Baum gestanden und überlegt, wie er nächstes Jahr zu beschneiden sei. Jetzt hat sich das erledigt, der Hauptstamm ist gebrochen. Zu viele Pflaumen. Ja, denkt er, Hochmut kommt vor dem Fall.

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Keiner

Glücklicherweise liest niemand, was ich schreibe, dachte Herr Nipp, also schrieb er weiter. In der Öffentlichkeit versteckt es sich am leichtesten.

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Wind und Wolken

Der Wind geht, dreht und wendet die Blätter, bewegt die Äste und Zweige und lässt alles rauschen. Er sitzt am Schreibtisch, schaut nach draußen und ist völlig gebannt vom steten farblichen Wandel der Bäume im Garten. Grün, bläulich, silbern, gelb, sogar einige Rottöne kann er ausmachen. Nur die Baumstämme sind niemals braun, sondern tragen alle Farben auf sich, von Reihergrau bis Flechtengelb. Da tun sich plötzlich Lücken auf und lassen in die Nachbargärten schauen, nur um sich Momente später wieder zu schließen. Seine Nase ist verstopft, das passiert ihm in letzter Zeit häufiger, gleich wird sie beginnen zu laufen. Er holt sich ein Küchenpapiertuch und schnütet. (Wahrscheinlich ist das Wort „schnüten“ des Sauerlandes Lokalkolorit, vermutet er). Die Augen beginnen zu tränen. Wieder steht er auf, öffnet die Schiebetür zum Garten und lässt sich den Wind um die Nase wehen, wie man so schön sagt. In diesem Fall durchaus wörtlich gemeint. Er spürt den Wind auf der Haut und fröstelt. Nein, warm ist es beileibe nicht. In allen Ecken kann man noch sehen, dass es nachts wohl wieder geregnet hat. Auch wenn er gerne blauen Himmel hat, er weiß doch, dass es momentan wohl besser ist, wenn es regnet. Er macht seinen täglichen Gartenspaziergang, bleibt hier und dort stehen, betrachtet, wundert sich wieder einmal, dass die Schnecken so aktiv sind. So eine Fülle von Leben aus Haut, Muskeln und Innereien. Ja, er freut sich sogar daran. Auch die Pflanzen haben über Nacht alle Energie darein gelegt zu wachsen. Als wollten sie Herr Nipps Theorie auf Deibel komm raus bestätigen wollen, dass ein Garten dieser Größe jeden Tag mindestens 10 Kilogramm Biomasse produziert, ob bewirtschaftet oder nicht. Tatsächlich muss er jeden Tag durchschnittlich eine solche Menge entfernen, um überhaupt noch eine Chance zu haben, seine Runden zu drehen. Da rümpfen verschiedene Menschen schon einmal die Nase. Aber dieses Thema ist hier schon oft genug besprochen worden. Wir wissen doch inzwischen, warum er diesen Garten jedem Feinschliffhort mit Beton und englischem Rasen bevorzugt. Besser hätte Herr Nipp einen Pullover angezogen, wieder treibt der Wind Schauer über den gesamten Körper. Die Haare auf den Armen stehen senkrecht. Da durchbricht für wenige Sekunden die Sonne die ansonsten geschlossene Wolkendecke, für einen Moment ebbt der Wind ab und schon spürt er, welche Kraft sie hätte, wären die Wolken nicht. Er muss lächeln. Ein Glück, denkt er, dass die Wolken und der Wind da sind. Diese Wärme könnte er jetzt nicht ertragen.

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Sehen

Da stand die Staffelei in der Ecke, darauf ein Bild von einem Jungen. Und je näher Herr Nipp heranging, desto weniger von dem Jungen war zu sehen. Erst im Zurücktreten sah er wieder ein Ganzes, einen Jungen auf einem Platz. „Wir können nur spekulieren, was ist. Niemand kann wissen, solange wir nicht kontrollieren, was wir sehen, welchen Bestand wir wahrnehmen können. Nur eines ist klar, wir irren und irrlichtern.“ stand auf einem Zettel neben dem Bild. Herr Nipp schaute sich auch den Rest der Ausstellung an. Skulpturen, die der Realwelt entnommen schienen, Bilder, die lediglich auf dem Effekt von Farbe beruhten. Er sah Zeichnungen, die so völlig neue Welten erzeugten und eine Installation, deren Sinn er nicht verstehen konnte. Und plötzlich begriff er etwas. EGAL was er in dieser Ausstellung zu sehen bekommen würde, egal was er draußen in der Realität sehen würde in Zukunft, es hatte sich ein Bruch ergeben. Was ist was und wo endet der Raum, wie sehen wir? Kunst ist letztlich nur etwas in einem bestimmten Kontext. Kunst ist nur Kunst im Rahmen von Kunst. Realität ist nie real und da alles real ist…

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