Gedränge

Früher ist es ihm nicht so aufgefallen, das Gedränge allerorten. Zu manchen Veranstaltungen gehört es einfach, Kirmes, Fußballstadion, Openairkonzert und wahrscheinlich vielen anderen. Es war ihm allerdings nie so bewusst Wie jetzt, dass es Menschen gibt, die es auf Berührungen Und körperliche Nähe anlegen. Menschen, die er nicht kennt, quetschen sich ganz konsequent an Stellen durch, die schon ohne sie zu voll sind. Erst seit covid 19 sieht Herr Nipp dieses Verhalten kritisch. Worum geht es diesen Leuten? Brauchen die den Kick, andere wildfremden Menschen anzufassen oder zu spüren?
Als Kind hat Herr Nipp manchmal gedacht, wie es wäre, bei jeder Fremdberührung einen Tag zu gewinnen. Hunderte, tausende Tage in einem Jahr. Die anderen würden nichts davon merken, wenn ihnen ein Tag am Ende genommen wird. Die meisten wären dann sowieso dement oder so. Kindliches Denken. Peinlich nur, wenn dieser hier zufällig der letzte Tag wäre. Natürlich wäre Herr Nipp dann jeden Tag in Menschenmassen unterwegs gewesen. Die Aussicht, Jahre zu gewinnen wäre verlockend gewesen. Kinder können rücksichtslos und grausam sein, ohne das auch nur ansatzweise zu begreifen.
Demonstrationen mit 20000 Covidioten etwa wären heute sein Tummelplatz. Abseits der Moral, ohne schlechtes Gewissen. Dieser Tage geht es aber wohl um anderes. Jede Berührung, die die anderen herbeiführen, ist eine Art Russisch Roulette. Entweder sie bekommen die Krankheit oder nicht. Entweder sie geben sie weiter oder nicht. Herr Nipp versucht, alles zu meiden und das ist offenbar schwerer denn je.

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Guppy in Gin

Auf der Fensterbank im Wohnzimmer steht seit einiger Zeit ein Glas. Herr Nipp hat es mit Wasser gefüllt, einige Steine reingelegt und kürzlich in einer Gärtnerei Wasserpflanzen erworben, die nun ein schönes Ensemble ergeben. Doch hat sich bereits seit einigen Tagen ein Problem gezeigt, denn an der Wasseroberfläche hängen winzige Larven! Die bei jeder Bewegung, die durch Wind oder anstoßen an das Glas entsteht, sich zuckend nach unten absetzen und erst nach einiger Zeit langsam treibend wieder nach oben kommen. Er weiß seit Tt, daß es sich nur um Mückenlarven handeln kann und wer will diese Tiere schon in der Wohnung haben. Die sind an und für sich wohl schön und sicherlich auch ökologisch nützlich, aber die Stiche sind eben weniger angenehm. Und mal ehrlich, wer weiß schon, welche Krankheiten sie übertragen. Vielleicht sogar Malaria? Herr Nipp ist ganz privat sehr gut darin, sich schlimmste Schreckensszenarien auszumalen. Wenn das bekannt würde und eine Sondereinheit des Bundesgesundheitsamtes mit weißen Schutzanzügen aufläuft, die ganze Nachbarschaft evakuiert, nur um den neuen international bedeutsamen Seuchenherd zu erfassen und eleminieren. Dalekgleich (diese schöne Wortneuschöpfung können nur Dr. Who – Seher verstehen) . Was würde die gesamte Umgebung von ihm denken, die zerreißen sich ja schon ihre Mundwerk, weil der Garten in dieser respektablen Gegend so unordentlich wirkt. Nein, das kann er sich einfach nicht leisten. Wegen dieses Wasserbehälters droht ihm sozusagen nicht nur ein kaum zu beschreibendes gesundheitliches Risiko, sondern eventuell sogar definitive soziale Isolation. Schrecklich. Er muss dringend etwas unternehmen. Im Internet hat er sich bereits in diversen Foren informiert und ist schlussendlich auf einer Seite gelandet, auf welcher wichtige Fragen Guppys betreffend beantwortet werden. Eins ist ihm nämlich sehr schnell klar geworden, gegen die drohende Pandemie, ausgehend aus seinem Wohnzimmer, kann nur besagter Millionenfisch helfen, der in verschiedenen Ländern bereits heute gegen die Malariamücken eingesetzt wird. Und da alle Fragen, die er hat, irgendwo schon einmal gefragt worden sind, egal wie blöd diese auch erscheinen, hat er auch zu seinem neuen Thema einen Beitrag gefunden. Da fragt eine Frau mit dem schönen Decknamen celine96, ob sie zwei gerettete Guppys (wo und warum, wovor gar sie gerettet wurden, erfährt Herr Nipp leider nicht) vorübergehend in einer Vase halten dürfe, weil sie erst in zwei Wochen ein gebrauchtes Aquarium von ihrem Onkel Klaus bekomme, der sich derzeit noch in Amerika zwecks eines Urlaubs aufhalte. Sofort bekommt sie die erwartbaren Antworten. Das gehe ja wohl gar nicht, sie mache sich nach Tierschutzgesetz sogar strafbar. Sie sei eben eine dumme Pute, das habe man von einer Frau auch nicht anders erwarten können (Anmerkung des Erzählers: hier wird in sehr abgemilderter Form abgebildet, was tatsächlich im Netz in solchen Foren besprochen wird. Trolle, die frauenfeindlich argumentieren, gegen jegliche Minderheit sind,vergiften leider an jeder Stelle das Netz, immer dort, wo offen diskutiert werden darf.). Die Debatte dort heizt sich jedenfalls ziemlich schnell und drastisch auf, es geht nicht mehr um hilfreiche Antworten, sondern um tief sitzende Gefühle. Dabei sind die meisten Ratschläge entweder abstrus oder beleidigend. Bis zu dem Punkt, dass jemand zu der Rettung beglückwünscht und einfach mal fragt, wie groß denn die Vase sei. Es stellt sich heraus, dass sie einen Durchmesser von 20 cm habe und 30 cm hoch sei, was schon beachtlich ist. Schnell legt sich der Sturm im Wasserglas und die Community einigt sich gnädig darauf, dass es wohl für zwei Wochen durchaus erlaubt sein müsste, in diesem Gefäß zwei Guppys halten zu können, ohne gleich eine Anzeige wegen Tierquälerei befürchten zu müssen. Herr Nipp atmet auf, gerettet. Die Guppys und die Retterin. Welch ein Drama. Er wird sich überlegen, ob er die anstehende Seuche mit kleinen Zahnkarpfen bekämpfen kann. Ob das überhaupt moralisch vertretbar ist, denn auch sein Behälter ist nicht größer. Und was passiert, wenn alle Mückenlarven gefressen sind? Fallen die winzigen Raubfische dann über einander her? Das ist das Lästige an kleinen Problemen, sie werfen stets neue Fragen auf und werden schnell zum Dilemma. Herr Nipp schüttet sich erstmal einen Gin ein, streckt ihn mit Tonicwasser, das ja früher wegen des Chinins auch gegen die Folgen der Malaria eingesetzt wurde, und gibt Eiswürfel mit Rosmarinblättern dazu. Lecker. Nach dem dritten Glas könnte er sich durchaus vorstellen, wie der Guppy aus dem Kleinbecken ins Ginglas hinüberspringt und ihm den Drink verfeinert. Das aber darf er niemals und nirgendwo erwähnen, die Reaktionen der Mitmenschen wären sicherlich unabsehbar.

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Tür auf

Sobald er die Terrassentür öffnet und die frische Morgenluft einatmen kann, weiß er, warum es sich lohnt, auf dem Land zu wohnen. Die kleine Stadt, die er sich dazu ausgesucht hat, ist zwar keine historische Schönheit, vor allem weil die Einwohner nie deren Besonderheit verstanden und alles Historische abgerissen haben und immer noch abreißen, aber trotzdem sehr lebenswert. Leider verdichtet sich die Bebauung zunehmend. Aber wenn man einen Garten sein eigen nennen kann, dann ist es schön. Herr Nipps Augen leuchten beim Anblick der floristischen Vielfalt. Kommt aus euren Buden, denkt er, geht raus und atmet. Türen auf!

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Stein

Manchmal, denkt Herr Nipp, reicht nur ein Wort, ein Geruch oder eine Berührung und schon entsteht ein ganzer Roman. Nicht geschrieben, klar, aber er ist dann da. In Gedanken, wird plötzlich verglichen mit den Erfahrungen, mit Begegnungen und Menschen, von denen er gehört hat. Die Beziehungen schälen sich deutlich heraus und die Verwicklungen. Dieses Mal ist es ein Stein. Die Maserungen und kristalline Strukturen lassen ihn an damals 1981 denken, als er in jenem Wildbach spielte. Gerade 12 Jahre alt und immer wieder versuchte, Forellen mit der Hand zu fangen. Irgendwann wusste er genau, wie es ging, man musste eine Forelle finden, die unter einem Stein ruhte und sie gegen eben diesen von unten drücken. Kalte Erfahrungen in den sextener Dolomiten. Auch damals war im beim Bau eines kleinen Teiches am Wildbach ein dicker Stein auf den Fuß gefallen. Erst als die Füße wieder warm wurden und er Gefühl bekam bemerkte er die waren Auswirkungen. Heute merkt er den Schmerz sofort.

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Schwarmverhalten

Es mag etwas gewagt sein, sich abends in der Nähe eines Gewässers aufzuhalten. Überall lauern oder schwirren Schwärme von kleinen Blutsaugern. Vampire mit durchsichtigen Flügeln. Sie verwandeln ihre Opfer in Beulenmonster für einige Tage. Da hilft nur ein Mittelchen zum Aufsprühen. Welche Gifte da auch immer drinstecken, egal, das von Herrn Nipp bevorzugte Präparat wirkt. Im Grunde reines Waffenöl. Den ganzen Abend sitzt er mit Freunden draußen und kann nur lächeln, wenn sich eines der saugenden Flugwesen nähert. Er wehrt es nicht ab, es ändert von selbst die Flugbahn. Als es gegen zwölf wird, geht er zu Bett, duscht noch eben und legt sich auf das sommerliche Lager. Er schläft schnell ein. Tief und fest. Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist sein linker Arm geschwollen. Zehn Stiche. Eine Horde rabiater Stechmücken hat ihr Werk vollbracht und sich zu einem Saufgelage getroffen. Nach dem Duschen zeigt auch Waffenöl keine Wirkung mehr.

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