Wissen

Vieles von dem, was wir zu wissen glauben, ist nichts weiter als eine tradierte Vorstellung, die jeglicher Überprüfung ledig ist.

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Nacht draußen

Da es an diesem Herbsttag so wunderbar lau ist, folgt Herr Nipp der Einladung eines Freundes und verbringt die Nacht im Wald. Er friert nicht, hat eine Decke dabei, denn nachts wird es kalt.

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Sudoku

Normalerweise trinkt Herr Nipp bekanntlich zum Aufwachen seinen starken Kaffee, setzt sich an den Tisch und liest Zeitung. Heute hat er seinen härtesten Bleistift mit dem Magnesiumspitzer zu einem gefährlichen Werkzeug manipuliert. Er hat sich schließlich vorgenommen, das letzte Sudoku in seinem Buch zu lösen. Seite 200, besonders anspruchsvoll. Die ersten Zahlen sind schnell gefunden. Das macht Hoffnung, nein, das gibt Hoffnung. Dann beginnt eine dreiviertelstündige Suche nach der richtigen Kombination. Ja, es ist uns allen schon klar, natürlich muss er scheitern, dazu scheint er geboren. Aber weit gefehlt, durch eine glückliche Fügung reiht sich eine Zahl an die nächste, plötzlich kommt Herr Nipp einer Lösung nah. Dann jedoch klingelt es an der Tür, ein Postbote samt Einschreiben. Darüber vergisst unser Alltagsheld sein Sudoku. Er wird es erst drei Tage später lösen. Genau eine Minute braucht er dann noch.

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Fremde Freunde

Vielleicht ist das auch ganz normal, das muss an dieser Stelle ja gar nicht geklärt werden. Herr Nipp bleibt an diesem Gedanken kurz hängen als stolpere er über eine vorwitzige Wurzel im Wald. Aber um ehrlich zu sein, er bewundert die meisten seiner Freunde, entweder wegen ihres Wissens, ihrer Intelligenz, ihrer Bildung, ihres Könnens oder letztlich wegen der Freiheit ihres Denkens und Tuns. Einer von ihnen, der gefühlt jede Pflanze und jedes Tier erstens erkennt und zweitens auch noch beim wissenschaftlichen Namen rufen kann, als sei er damit aufgewachsen oder habe dieses Wissen mit der Muttermilch aufgenommen, meinte dieser Tage, nachdem Herr Nipp wieder einmal über den Zustand des Waldes lamentiert und gehadert hatte, er müsse sich immerhin bewusst sein, dass er zur letzten Generation gehöre, welche diesen unglaublichen Fichtengeruch im Wald hier wahrnehmen könne. Das hatte ihn zum Schweigen gebracht und zum Nachdenken. Ja, die Welt verändert sich und wir haben die Aufgabe, an das Vergangene zu erinnern, wenn es soweit ist. Auch das ist wichtig; die fremden Perspektiven der besten Freunde schätzen zu lernen.

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Abendstimmung

Von wegen Ruhe, nichts als Rumoren und Lärm. Herr Nipp ist echt genervt. Allumfassend Enervierung, wenn man so will. Aber wer ist dann „man“? Den ganzen Tag hat er gearbeitet, erst bei einem Freund, dort die Kühlschranktür verkleidet, was angesichts der eher spärlichen Beschreibung nicht ganz einfach war, daraufhin bei einer Freundin eine Wand entfernt. Keine Rigipsplatte, eine echte alte Mauer. Nicht mit Fäustel und Meißel versteht sich, die Zeiten sind vorbei. Zwar hat er diese beiden Helfer zu solchen Gelegenheiten immer griffbereit da liegen, die werden allerdings nur gebraucht, wenn der Bohrhammer festhängt und das passiert selten. Eine ganze Wand hat er weggestemmt, Ziegel für Ziegel, so, dass sie noch zu verwenden sind. Nachhaltigkeit nicht nur denken, sondern auch so handeln. Eine anstrengende, aber durchaus erfüllende Arbeit. Herr Nipp ist gar nicht so alleine, wie er immer tut. Eigentlich sieht er fast jeden Tag irgendwelche Menschen. Und sei es nur, dass sie „einfach mal eben hereinschauen“ oder ganz unerwartet fragen, ob er mitessen wolle. Was dann meistens zur Folge hat, dass bei ihm drei bis fünf Leute am Tisch sitzen. Und solche Abende sind schön, werden aber oft lang. Da nach den Abbrucharbeiten wirklich jeder erdenkliche Winkel seiner selbst verstaubt war oder sich mit Putzbröckchen gefüllt hatte, war er kurz, aber heftig duschen gegangen, hatte die Wandersachen angezogen und war in den Abend marschiert und das ist an dieser Stelle wirklich nicht militärisch zu verstehen. Weder hat er eine Waffe geschultert, noch muss er mit jemandem im Gleichschritt laufen. Ab in den Wald. Ruhe nach dem Spektakel, dem Lärmen und Dröhnen. Die täglich angepeilten 10.000 Schritte tun. Und jetzt? Der Wald dröhnt ebenso. Dort werden mit dem Harvester Minute für Minute die Bäume gelegt, hier im schwierigen Gelände machen es einige Waldarbeiter im Schweiße ihres Angesichts mit der Kettensäge. Wohin er sich auch wendet, überall Maschinen. Er kann an diesem Tag dem Krach wohl nicht entrinnen. Er weiß, hier wird bis 22 Uhr mit Flutlicht weiter der Wald gemäht. Die Toten Fichten müssen einfach weg. Auch wenn kein Geld mehr damit zu verdienen ist. Er wird wohl auch kein wildes Tier mehr sehen, kein Reh, kein Sika und schon gar keinen Fuchs. Alle haben sich verschreckt verzogen. Da kommt ihm die Idee, er setzt sich auf den nächsten Baumstamm, kramt seine „im-Ohr-Kopfhörer“ aus der Tasche, was er normalerweise nie macht, denn er will ja gerade die Natur hören, verbindet sie mit dem tragbaren Kommunikator und hört Musik. Ghosteen von Nick Cave. Sein Gesicht entspannt sich, die Seele baumelt. Das ist genau die Herbststimmung, die er jetzt braucht. Was gäbe es besseres? Wald, Sonnenuntergang, rieselnde Blätter und die sanfte Stimme des Meisters im Ohr.

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