Ein Spiel

„Als er mit den anderen noch spricht, fängt der kleine Junge vor ihm schon an zu spielen. Da rastet Herr Nipp aus, weil er sowas scheinbar nicht gewohnt ist. Niemand konnte das vorhersehen, dass er wirklich so reagieren würde. Er gilt doch schließlich als eher ruhiger Vertreter, der jeden Schritt erst abwägt, bevor er ihn wirklich geht oder sich eben entscheidet, ihn nicht zu gehen. Alle sind sind so erstaunt, dass sie plötzlich schweigen. Sie verhalten sich ganz leise, damit sie nicht such noch angebrüllt werden. Doch er schaut nun alle zornig an, obwohl das völlig überflüssig ist. Sie fühlen sich sämtlich verunsichert, dadurch dass er seinen Blick ganz starr auf sie richtet. Dann lässt er ihn ganz langsam wandern. Die Gruppe ist wie gelähmt. Das bei Herrn Nipp? Ist der etwa gestört? Während aber alle noch bibbern vor Angst, spielt der Junge einfach weiter. Die ganz Gruppe das Gefühl, als ob es ihn nicht interessiert. Und dann fällt ihnen plötzlich wieder ein, wo sie sich gerade befinden. Im Theater.“

Herr Nipp ist richtig stolz auf seinen kleinen Textbeitrag, denn er hat tatsächlich alle Möglichkeiten von Adverbialsätzen untergebracht. Solche Spiele liebt er. Und sein Autor, der ihn erschaffen und seinen Erzähler mit ihm, schmunzelt.

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Kultur

Unsere Kultur ist eine der Subkulturen. Jegliche Einheitlichkeit wäre schädlich, so ist zu vermuten. Es gibt die Musiker, die Künstler, die Autoschrauber, die Jäger, Sammler, die Tänzer und Traumtänzer, die verschiedenen Religionen. Da sind die Politiker, die das alles gerne anders sähen und sehen. Da gibt es die Segler, die Jäger, die Motorradfahrer, die Historiker und Hobbyforscher. Auch die Ornitologen haben ihre eigene Kultur, vor allem die Pommologen. Da gibt es die Verschwörer und deren Theoretiker, die nicht glauben können und doch zu wissen glauben. Da stehen die Kleinkriminellen draußen auf der Straße oder im Hinterhof, wo sie dealen und hehlen. Er sieht die Migranten, die Schwulen und Lesben, die Journalisten und Manager, die Juristen und Leser. Ja, wir müssen die ganzen Berufsgruppen nicht aufzählen, die meinen, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Auch die Gesunden, die Umweltschützer, die Bauern und Kaffeetrinker. Keine Gruppe ohne eigene Kultur, keine Musik ohne Kultur. Und wer glaubt, es gäbe nur die eine Hochkultur?

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Was auch geschieht

„Er schaut zu, läuft, kauft ein, malt, trinkt Bier oder Wein, meistens aber Wasser und Kaffee. Herr Nipp will sich nicht an alles erinnern, aber erinnert alles, also muss er immer wieder versuchen zu löschen. Die Dateien müssen gereinigt werden. Die Festplatte hat schließlich keine unendliche Speicherkapazität. Er wartet und macht, isst und kocht, meistens umgekehrt. Er reißt Seiten aus den Büchern, um sie zu zerknüllen und wegzuwerfen. Nicht dass er etwas gegen die Bücher hätte, aber so glaubt er, sie auslesen zu können. Er denkt und schläft, versucht immer wieder zu wenden, die Richtung zu wechseln. Er fährt und geht und rollt und steht. In der linken Hand hält er einen Stift. Der Deckel wird aufgeklickt und und zugeklappt. Immer wieder, alles immer wieder. Er spielt mit der Armbanduhr, die er nicht trägt, die in der Schublade des Esstisches liegt. Er sieht Filme, Serien oder Dokumentationen aus Wissenschaft, Natur, Medizin, geht in den Garten, den Wald. Die Kartoffeln dieses Jahres liest er auf, von den Walnüssen hat Herr Nipp eine selbst gebaute Schüssel gefüllt bekommen, die angebrochene Schokolade wird nicht liegen bleiben, sie wird gegessen sein, noch in den nächsten Minuten. Natürlich versucht er das zu vermeiden, aber das wird wie jedes Mal nicht gelingen.“
So einen Quatsch hat er noch nie gelesen, wieder und wieder geht er die Zeilen durch. Das hat er vor einigen Jahren geschrieben. Im Rahmen einer Studie zu Texten, die im Flow und ohne jegliche Vorgabe entstehen, hat er damals diesen Text verfasst. Schon nach wenigen Minuten war er aufgestanden, hatte das Blatt mitgenommen und war gegangen, ohne etwas zu sagen, ohne sich zu verabschieden. Er war in den Aufzug gestiegen und weg gefahren, nicht nach unten. Dann hatte er eine Stunde auf dem Dach gestanden und die Aussicht genossen. Ganz ohne Absicht nahm er das Papier aus der Tasche, las es immer wieder und schließlich fasste Herr Nipp den Entschluss, daraus einen Flieger zu falten. Als er diesen losließ, als das Papierflugzeug die Freiheit spürte, fühlte auch Herr Nipp diese innere Freiheit, es endlich ausgesprochen zu haben. Auf dem Nachhauseweg hatte er den Flieger gefunden, ihn aufgehoben und glatt gestrichen. Der Text liegt seitdem in jedem Buch, welches er gerade liest, als Lesezeichen. Was auch geschieht.

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Umsatzstark

An seinem Rechner sitzt er gerade, hat sich auf der Datenbank eingelockt und stolpert, unerfahren, wie er nunmal mit solchen Sachen ist, im Backendbereich über die Anmerkung, dass noch niemals Umsätze generiert wurden. So ein Mist, denkt er, noch keine Umsätze. Aber wovon, verdammt noch mal, soll er denn seinen Lebenswandel finanzieren. So kann es doch nicht weitergehen. Ist er bereits im Minus? Immer nur für lau gelebt und jetzt bekommt er die Quittung? Er schaut genauer hin und bemerkt, dass er ja gar kein Geschäft eingerichtet hat und eigentlich gar nichts zu verkaufen hat. Es geht hier doch gar nicht um seinen Beruf, nur um die netten kleinen Texte, die er zuweilen ins Netz stellt. Nicht weil es so viele Menschen interessieren würde, sondern weil es einfach Spaß macht zu schreiben. Umsatzstark, das mögen andere besser können, das ist nicht seins. Und seien wir ehrlich, Herr Nipp braucht ja auch gar kein Geld. Da er nach wie vor nur digital existiert, so wie das große Geld der Welt, kann er sich davon nehmen, jederzeit soviel er braucht, denkt er, nimmt das Bündel 100 Euro-Scheine aus der linken Hosentasche, das eben noch gar nicht da war, entzündet das Feuerzeug und hält es darunter. Seitdem das Geld lediglich auf dem Glauben der Menschen daran beruht, ist es flüchtig geworden und kann jederzeit real werden.

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Rascheln und Rauschen

Der Wind geht. Blätter werden fast vorsichtig von den farbigen Bäumen gefegt. Angenehmes Rascheln. Herrn Nipp scheint es geradezu idyllisch, an solchen goldenen Herbsttagen durch die Baumplantage zu laufen, welche von einigen Menschen auch als Wald tituliert wird. Tausende Buchen, einige richtig alte Eichen und randständige Somderarten wie Kirsche, Ahorn, Elsbeere und Kastanie. Unter einem der wirklich seltenen Esskastanienbäume sammelt er einige Früchte. Einige wird er in die Kahlschlagflächen werfen. Wenige nimmt er mit nach Hause. Er wird sie vielleicht später essen. Ein wunderbares Gespräch über die allmähliche Veränderung der Landschaft entspinnt sich zwischen ihm und einem seiner besten Freunde. Was wird aus diesen Wirtschaftswäldern? Die Blätter auf den Wegen bewegen sich vor dem Wind und erzeugen weißes Rauschen. Auch Herr Nipp wird später ein Rauschen in den Ohren haben. Die Aufregung, die das Gespräch erzeugt hat, manifestiert sich im Bluthochdruck.

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