Von wegen Ruhe, nichts als Rumoren und Lärm. Herr Nipp ist echt genervt. Allumfassend Enervierung, wenn man so will. Aber wer ist dann „man“? Den ganzen Tag hat er gearbeitet, erst bei einem Freund, dort die Kühlschranktür verkleidet, was angesichts der eher spärlichen Beschreibung nicht ganz einfach war, daraufhin bei einer Freundin eine Wand entfernt. Keine Rigipsplatte, eine echte alte Mauer. Nicht mit Fäustel und Meißel versteht sich, die Zeiten sind vorbei. Zwar hat er diese beiden Helfer zu solchen Gelegenheiten immer griffbereit da liegen, die werden allerdings nur gebraucht, wenn der Bohrhammer festhängt und das passiert selten. Eine ganze Wand hat er weggestemmt, Ziegel für Ziegel, so, dass sie noch zu verwenden sind. Nachhaltigkeit nicht nur denken, sondern auch so handeln. Eine anstrengende, aber durchaus erfüllende Arbeit. Herr Nipp ist gar nicht so alleine, wie er immer tut. Eigentlich sieht er fast jeden Tag irgendwelche Menschen. Und sei es nur, dass sie „einfach mal eben hereinschauen“ oder ganz unerwartet fragen, ob er mitessen wolle. Was dann meistens zur Folge hat, dass bei ihm drei bis fünf Leute am Tisch sitzen. Und solche Abende sind schön, werden aber oft lang. Da nach den Abbrucharbeiten wirklich jeder erdenkliche Winkel seiner selbst verstaubt war oder sich mit Putzbröckchen gefüllt hatte, war er kurz, aber heftig duschen gegangen, hatte die Wandersachen angezogen und war in den Abend marschiert und das ist an dieser Stelle wirklich nicht militärisch zu verstehen. Weder hat er eine Waffe geschultert, noch muss er mit jemandem im Gleichschritt laufen. Ab in den Wald. Ruhe nach dem Spektakel, dem Lärmen und Dröhnen. Die täglich angepeilten 10.000 Schritte tun. Und jetzt? Der Wald dröhnt ebenso. Dort werden mit dem Harvester Minute für Minute die Bäume gelegt, hier im schwierigen Gelände machen es einige Waldarbeiter im Schweiße ihres Angesichts mit der Kettensäge. Wohin er sich auch wendet, überall Maschinen. Er kann an diesem Tag dem Krach wohl nicht entrinnen. Er weiß, hier wird bis 22 Uhr mit Flutlicht weiter der Wald gemäht. Die Toten Fichten müssen einfach weg. Auch wenn kein Geld mehr damit zu verdienen ist. Er wird wohl auch kein wildes Tier mehr sehen, kein Reh, kein Sika und schon gar keinen Fuchs. Alle haben sich verschreckt verzogen. Da kommt ihm die Idee, er setzt sich auf den nächsten Baumstamm, kramt seine „im-Ohr-Kopfhörer“ aus der Tasche, was er normalerweise nie macht, denn er will ja gerade die Natur hören, verbindet sie mit dem tragbaren Kommunikator und hört Musik. Ghosteen von Nick Cave. Sein Gesicht entspannt sich, die Seele baumelt. Das ist genau die Herbststimmung, die er jetzt braucht. Was gäbe es besseres? Wald, Sonnenuntergang, rieselnde Blätter und die sanfte Stimme des Meisters im Ohr.
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