Was auch geschieht

„Er schaut zu, läuft, kauft ein, malt, trinkt Bier oder Wein, meistens aber Wasser und Kaffee. Herr Nipp will sich nicht an alles erinnern, aber erinnert alles, also muss er immer wieder versuchen zu löschen. Die Dateien müssen gereinigt werden. Die Festplatte hat schließlich keine unendliche Speicherkapazität. Er wartet und macht, isst und kocht, meistens umgekehrt. Er reißt Seiten aus den Büchern, um sie zu zerknüllen und wegzuwerfen. Nicht dass er etwas gegen die Bücher hätte, aber so glaubt er, sie auslesen zu können. Er denkt und schläft, versucht immer wieder zu wenden, die Richtung zu wechseln. Er fährt und geht und rollt und steht. In der linken Hand hält er einen Stift. Der Deckel wird aufgeklickt und und zugeklappt. Immer wieder, alles immer wieder. Er spielt mit der Armbanduhr, die er nicht trägt, die in der Schublade des Esstisches liegt. Er sieht Filme, Serien oder Dokumentationen aus Wissenschaft, Natur, Medizin, geht in den Garten, den Wald. Die Kartoffeln dieses Jahres liest er auf, von den Walnüssen hat Herr Nipp eine selbst gebaute Schüssel gefüllt bekommen, die angebrochene Schokolade wird nicht liegen bleiben, sie wird gegessen sein, noch in den nächsten Minuten. Natürlich versucht er das zu vermeiden, aber das wird wie jedes Mal nicht gelingen.“
So einen Quatsch hat er noch nie gelesen, wieder und wieder geht er die Zeilen durch. Das hat er vor einigen Jahren geschrieben. Im Rahmen einer Studie zu Texten, die im Flow und ohne jegliche Vorgabe entstehen, hat er damals diesen Text verfasst. Schon nach wenigen Minuten war er aufgestanden, hatte das Blatt mitgenommen und war gegangen, ohne etwas zu sagen, ohne sich zu verabschieden. Er war in den Aufzug gestiegen und weg gefahren, nicht nach unten. Dann hatte er eine Stunde auf dem Dach gestanden und die Aussicht genossen. Ganz ohne Absicht nahm er das Papier aus der Tasche, las es immer wieder und schließlich fasste Herr Nipp den Entschluss, daraus einen Flieger zu falten. Als er diesen losließ, als das Papierflugzeug die Freiheit spürte, fühlte auch Herr Nipp diese innere Freiheit, es endlich ausgesprochen zu haben. Auf dem Nachhauseweg hatte er den Flieger gefunden, ihn aufgehoben und glatt gestrichen. Der Text liegt seitdem in jedem Buch, welches er gerade liest, als Lesezeichen. Was auch geschieht.

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