Prägungen

Was ihn denn wohl geprägt habe, hat der Freund gefragt, der sowieso gerne Fragen stellt. Herr Nipp muss überlegen, aber nicht lange. Die Frage sei doch eher, was ihn nicht geprägt habe oder nicht? Zum einen die Familie mit den Eltern und Geschwistern natürlich. All die kleinen und großen Gespräche, die Streitsituationen und jene der Eintracht. Wichtig war es aber auch zu verstehen, wie all die Tanten und Onkels ticken. Wie er gelernt hatte, zu klassifizieren. Da waren der Egoist, der Zurückhaltende, der Distanzierte, die Oberflächliche, der Herzliche, der Helfer durch und durch, die Mütterliche und all die anderen nahen Verwandten. Da waren die Cousins und Cousinen, denen er sich immer etwas fremd gefühlt hatte. Und nicht zu vergessen hatten ihn die Freunde geprägt. Die aus der Nachbarschaft, mit denen er jeden Tag gespielt hatte damals. Auch die ganze Nachbarschaft sicherlich, das religiöse Leben. Ja, was war denn wichtiger? All die Bücher, die er gelesen hat? Die Musik oder die Kunst, die er kennenlernen durfte? All die Stunden, die er in der Natur verbracht oder in denen er im Garten gearbeitet und gestaltet hat? Die Schulen, die er besuchen durfte? Vor dem Kaminofen zu stehen und sich den Hintern zu wärmen? Klettern zu gehen in den Alpen oder im nahen Klettergebiet? Einfach die Tage zu vertrödeln? Die ganze Stadt vielleicht? So eine kleine Frage, denkt er, so viele Antwortmöglichkeiten. Letztlich gibt Herr Nipp eine ganz kurze Antwort, die ehrlich gemeint ist: Das ganze Leben.

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Kälte

Kaum ist er aufgestanden und steht im Badezimmer, merkt er auch schon, wie kalt es draußen sein muss. Über Nacht hatte er versehentlich vergessen das Fenster zu schließen und da er die Heizung immer noch nicht angestellt hat und nur mit dem Kaminofen im Wohnzimmer heizt, macht sich das fast schmerzhaft bemerkbar. Er trippelt auf den Füßen und ist fast versucht wieder ins Bett zu gehen, aber das ist jetzt wirklich nicht möglich. Früher, als er noch Schüler war, hätte er sicherlich anders entschieden, aber heute geht das einfach nicht mehr, außerdem mag er seinen Beruf. Also entkleidet er nach dem Schließen der Fenster sich, stellt die Dusche auf die richtige Temperatur ein und stellt sich unter den heißen Wasserstrahl, seift sich ausgiebig ein und genießt das Duschen. Was er wirklich hassen kann, das ist der Zustand zwischen Duschen und Abtrocknen, wenn der Körper plötzlich erkaltet und sich das Zittern und Klappern der Zähne schnell einstellt. Dann muss alles wahnsinnig schnell gehen. Abtrocknen, anziehen und zum Ofen huschen. Leider bleibt er dieses Mal ungünstig in der Hose stecken und kippt um. Zu blöd aber auch, denn der Boden in seinem offenen Duschraum ist nass. Naja, es gibt Schlimmeres, denkt er, zum Beispiel keine Dusche zu haben.

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Mahnmal

Er ragt in den Himmel, ein mächtiger Stamm der uralten Fichte, die schon in seiner Kindheit riesig war. Da half auch das fleißige Gießen vieler Helfer nichts, im Sommer wurde diese Fichte erst krank, dann braun. Die Käfer vollbrachten ihr Werk, sie starb. Und vor einigen Tagen hat ein mutiger Mann (in diesem Fall keine Frau) unten beginnend alle Äste bis auf dreißig Zentimeter Länge abgesägt. Da Solitärbäume kräftige Äste ausbilden, hat er die nach und nach entstehende Leiter genutzt, sein Werk bis in die Spitze fortzuführen. Ein ganzer Samstag Arbeit. Jetzt, diesen Sonntag, steht der entstandene Leiterbaum da wie ein stacheliger Phallus. Herr Nipp fragt sich, wie wird die Umgebung in Zukunft wohl ohne dieses Strukturelememt aussehen. Hoffentlich bleibt der Stamm, zumindest solange es irgendwie geht, erhalten. Als Mahnmal.

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Du müsstest

„Darüber müsstest du mal schreiben!“, ist das Erste, was ihm eine Kollegin bei der Arbeit sagt und pocht mit einem halbempörten, halbbelustigtem Blick auf einen Zeitungsartikel. „Hm“, denkt Herr Nipp, ja, das könnte er sich durchaus vorstellen. „Warum schreibst du nicht einmal darüber?“, fragt er zurück. Es ist ihm schon klar, dass sie nicht darüber schreiben wird, aber manchmal muss das doch einfach gesagt werden. Nicht immer nur herumnöhlen, sondern selbst aktiv werden. „Wenn du regelmäßig meine Rundmails lesen würdest, wüsstest du, dass genau dies bereits vor zwei Monaten thematisiert wurde. Aber natürlich kann es auch ein zweites Mal aufgegriffen und vertieft werden.“ In aller Ruhe setzt er sich an seinen Arbeitsplatz, schnappt sich den inzwischen ausgeschnittenen Artikel der Lokalzeitung und muss unwillkürlich lachen. Ja, darüber sollte er wirklich schreiben, nicht das Thema des Artikels interessiert ihn dabei, sondern die Masse an inhaltlichen Fehlern, welche der Autor gemacht hat, wahrscheinlich weil weder wer wissentlich gefälscht hat, noch weil die Informationen nicht zu beschaffen gewesen wären. Dieser Artikel ist ein Zeugnis von Unkenntnis, Ahnungslosigkeit und Fehleinschätzung. Problematisch wird er nicht durch die Themensetzung, sondern durch das naive Vergleichen von Äpfeln und Birnen. Von Demokratie mit Diktatur, von Freiheit mit Rücksicht, von Vernunft mit Egoismus, von Werten mit Konsum. Und sogar Kants kathegorischer Imperativ wird hier missverstanden. Offensichtlich sind dem Autoren sogar die von Kant gebrauchten Wörter inhaltlich völlig fremd. „Ja“, denkt er laut,“Egal was dieser Autor da über unsere Demokratie behauptet, unsere Gesellschaft muss und wird es aushalten, dass so ein Schwachsinn veröffentlicht werden darf.“

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Leergut

Auf dem Tisch steht seine Flasche Kefir. Jeden Tag wieder steht da eine Flasche Kefir. Früher hat er lieber Buttermilch getrunken, zwischendurch auch mal Ayran ausprobiert, aber das Saure im Kefir hat ihn letztlich überzeugt. Einige Kollegen lästern natürlich und ziehen ihn damit auf, dass der Trunk ja Alkohol enthalte (übrigens in etwa soviel wie der Joghurt, denn sie in den Pausen in Mengen in sich hineinschaufeln) und er wohl schon für den Abend vorglühe. Das aber macht Herrn Nipp so gar nichts aus, er kann und will sich nicht über alles ärgern. Meistens denkt er sich, der Kefir ist immer noch besser als andauernder Kaffeegenuss alle halbe Stunde. Ja, auch er hat diese Studie gelesen, dass Milchprodukte gar nicht so gesund sind, wie früher immer behauptet wurde, aber er kann sich ja nicht in allem einschränken. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, heißt es doch. Und die Flaschen lassen sich nach Gebrauch diskret entsorgen. Nur über eine Sache kann er sich wirklich ärgern, nämlich dass Milchgetränke, Säfte und weitere trinkbare Flüssigkeiten nicht dem Pfandgesetz unterliegen, denn immer wieder findet er am Arbeitsplatz an allen möglichen Stellen leere Flaschen einfach abgestellt und die sind definitiv nicht von ihm.

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