Schnee zögernd

Niemals, das weiß Herr Nipp eigentlich, sollte man bei auch geringfügigem Niederschlag einfach so in den Himmel gucken, ohne die Augen zu schützen. Es ist einfach äußerst unangenehm, wenn dir ein Regentropfen mitten auf die Linse plätschert. Und ganz abgesehen davon kann man vielleicht einige Sekunden gar nichts mehr sehen, weil man die Augen reflexhaft zukneifen muss. Daran hält sich Herr Nipp natürlich, er weiß außerdem, dass das ruckhafte in den Nacken Legen des Kopfes dazu führen kann, dass ihm schwindelig wird. Und es ist ihm einfach peinlich, wenn er plötzlich mit den Armen herumrudern muss und irgendetwas sucht, an dem er sich festhalten kann. In früheren Jahren hätte er vielleicht selbst bei anderen darüber gelacht oder zumindest gelächelt. Aber es ist ja nicht so sehr seine Sache, sich über die Mängel der Anderen lustig zu machen. Als er an diesem Tag jedoch in die Stadt geht, hört er, wie sich zwei Frauen hinter ihm lautstark unterhalten. Da beide ihre Masken vorschriftsgemäß tragen, glauben sie wohl, lauter reden zu müssen, weil die andere nicht so gut verstehen könnte. „Da, schon wieder eine Schneeflocke!“ Er muss sich an den schönen alten Spruch von Peter Meilchen erinnern, der lautete: „Da, schon wieder nichts!“ Und trotz seiner Vorsicht, trotz seines Wissens, schaut er ruckhaft gen Himmel, sieht die ersten Flocken fallen, zögernd und groß. Und eine dieser ersten Flocken landet genau in seinem Auge, er kneift selbiges zu, verliert wegen des unkontrollierten Kopfhebens die Kontrolle und gerät ins Straucheln. Eine der Frauen greift beherzt zu und stützt ihn: „Na, haben wir heute einen zu viel getrunken?“

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winterlich

Kein Lüftchen geht
kein wind sowieso
Schneeregen fällt
leise
völlig senkrecht
Vögel sitzen in Büschen
herum
kein Wagen fährt
als wolle nichts
sich in irgendeiner Weise regen
nur die Wörter drehen sich
im Kopf

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Hybris

Herr Nipp, und das kann er abstreiten, wie er will, schaut nun einmal gerne Dokumentationen, auch Serien und Filme, aber das tut hier nichts zur Sache. Egal ob er sie bei den öffentlichen Sendern findet oder gar bei Streamingdiensten. Egal ob es historische oder ökologische, biographische oder technische Dokumentationen sind, ihn interessieren Natur, Kunst, Technik, Architektur, Geschichte, Archäologie, Länderkunde, Geographie, Aquarienkunde oder auch das Leben von berühmten Menschen. Wenn es nur in irgendeiner Weise, das heißt ansatzweise im Sinne von ansatzweise, interessant erscheint, dann sieht er hin. Gut, er schaltet auch ab, wenn die Dokus unglaubwürdig sind oder schlecht gemacht. Nichts ist schlimmer als offensichtliche Manipulation. Versteckt? Ok, damit muss er leben, denn die meisten dieser Filme arbeiten mit beeinflussender Musik im Hintergrund. Als sei das Wissen und Leben ein Spielfilm. Aber manchmal ist auch das eben so aufdringlich, dass er abschaltet. Das Schlimmste von allem sind allerdings rein kommentierende Beiträge, die nicht mit den Bilder im Einklang stehen. Glücklicherweise gibt es genug bessere Filmchen, so dass er auch bei Abschalten keinen Mangel leidet. Als Herr des Internets, wie er sich ähnlich der meisten „User“ fühlt, kann er in einem fast unendlichen Fundus surfen. Die besten Sendungen findet er natürlich bei Arte, jenem deutsch-französischen Kolaborationssender, der sich unter anderem auf die Fahne geschrieben hat, etwas für die Bildung der Menschen zu machen. Ja, auch bei ARD schaut er gerne mal rein, auch da finden sich gute Beiträge. Letztlich aber sah er bei einem Streamingdienst eine Doku über die Produktion von Trickfilmen, heute meist Animationsfilme genannt. Nicht jene, die zu hundert Prozent am Rechner erstellt werden, quasi als Abfallprodukt der Spieleindustrie. Es handelte sich über einen Film, der aus Ölbildern entstanden war, über den niederländischen Künstler van Gogh, ein gigantisches Projekt, an dem viele Künstler gearbeitet hatten. Wie faszinierend, wenn man die Originalbilder van Gogh „einfach“ animiert. Er hatte den Film selber in einem kleinen Kino in Lippstadt gesehen und war damals völlig baff nach Hause gefahren, überwältigt von der Bilderflut. Jetzt hat er sich vorgenommemn, selbst einen Film zu machen. Gleichzeitig zu erstellen, die Regie zu führen, zu produzieren, eigentlich alles, vielleicht auch die Musik, wahrscheinlich auch den Text zu sprechen, den es noch nicht gibt. Die Idee ist da, ist das nicht? Dazu hat er 648 Holzklötzchen bemalt, jeweils mit einer Farbe. Er wird außerdem einen Filmtisch mit Stativ bauen und dann die nächsten Jahre Foto für Foto seinen Film realisieren. Und ja, sein Ziel ist es natürlich, dass dieser Film irgendwann in einigen Programmkinos zu sehen ist. Und wer weiß, vielleicht fällt ihm ja auch noch eine Geschichte ein, bis alles fertiggebaut ist.

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Gewohnheiten

Die einen sagen dazu Rituale, Herr Nipp benennt sie lieber als Gewohnheiten, manchmal auch etwas abwertend Marotten. Ja, es gehört zum Aufstehritual, dass der Ofen befeuert werden muss, die Bialetti darauf plaziert wird, der nach der Morgenhygiene dann fertige schwarze Kaffee, eine Schüssel Müsli, das Morgenprogramm des Deutschlandfunks und der tiefe blick in den Garten. Manchmal zugegeben auch etwas verträumt. Im Wissen dieser Tage auch, dass genau jene ab jetzt wieder länger werden. Das zwischendurch Lesen in einem Buch oder in der Zeitung gehört ebenso zu diesen Marotten, egal ob es ein Arbeitstag ist oder Wochenende. Er genießt den sonntäglichen Spaziergang mit einem Freund und will diese Ausflüge in das heimische Umfeld, die sich in den letzten Wochen ritualisiert haben, nicht missen. All die kleinen Gewohnheiten des Täglichen wie Wäschewaschen, Nüsseknacken, Bierbrauen, Texteschreiben, Essenkochen und so weiter könnte er tatsächlich auch Rituale nennen, aber das erscheint ihm zuviel.

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Datingplattform

Das hat er noch niemals erzählt bekommen, aber immerhin, er hört es sich mal in aller Ruhe an. „Es mag ja mag entrückt klingen, aber ich nutze ein Kleinanzeigenportal als Datingplattform. Und das geht so: Zunächst stelle ich ein Möbelstück ein, das nachprüfbar zu teuer ist, also in diesem Möbelhaus mit den vier Buchstaben für 10 oder 15 Euro weniger verkauft wird. Neu natürlich, was ich dagegen gebraucht verkaufen möchte. Eigentlich will ich das natürlich nicht, es ist aber inzwischen so ein kleiner Tick geworden. Normalerweise regen sich einige Nutzer darüber maßlos auf, das sei doch ein Frechheit. Aber einzelne bleiben auch ganz freundlich. Da war zum Beispiel letztens eine Sabrina, sie mag auch Sabine oder Silene geheißen haben, der Name tut ja hier auch nichts zur Sache. Die schrieb mir ganz nett und freundlich, das Regal sie viel zu teuer und sie rechnete mir das anhand des online-Katalogs präzise auf den Cent aus. Mein Preis liegt 15 euro darüber. Na gut, dafür hat das Möbelstück ja auch eine Geschichte und meine Aufbauleistung habe ich schließlich eingepreist. Das ist doch nur fair, finde ich, dass meine Mühe mit bezahlt wird. Aber darum geht es eigentlich ja gar nicht. Sie fragte ganz vorsichtig, ob mein Preis wirklich eine Verhandlungsbasis sei oder er einfach nur fiktiv sei. Ich habe darauf natürlich sehr freundlich geantwortet und letztlich gesagt, dass ich den Preis für fair halte. Die Frau hat daraufhin wieder geschrieben und mich für meinen sehr freundlichen Schreibstil gelobt. Sie würde mir sogar gerne positive Bewertungspunkte geben, weil sie sich so gefreut habe. Im Laufe des weiteren Gespräches, das sich natürlich online per Tastatur abspielte, haben wir uns dann gut kennengelernt und plötzlich bekamen die Wörter eine andere Bedeutung. Was zum Beipiel sollte ich darunter verstehen, wenn sie von meiner „Schmerzgrenze“ beim Preis sprach? Oder wenn sie flirtend unseren „harten Kampf“ bei der Verhandlung erwähnte? Inzwischen haben wir zwar diese Unterhaltung abgebrochen, weil mir ihre Vorstellungen mit Begriffen wie „unterlegen“ und „unterwürfigst“ zu weit gingen, aber seitdem nutze ich ich die Handelsplattform eben als Datingportal und du glaubst nicht, wieviele einsame Menschen das auch machen. Ich hatte schon so nette Bekanntschaften seitdem.“ Zunächst hält Herr Nipp dies noch für völlig unglaubwürdig, bis ihm die Chats gezeigt werden. Da weiß er plötzlich, wo die Zukunft des Datings liegt.

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