Schneeblau

Er öffnet die Augen, dreht sich herum und schaut aus dem Fenster, nur das Dach gegenüber erscheint in einen goldenen Ton, da es von der Sonne bestrahlt wird, alles Andere erscheint ihm als ein Blau, Schneeblau. Er liebt diese glücklichen Momente und kann davon den ganzen Tag zehren.

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Übung

Neben ihm liegt ein Blatt Papier, den ganzen Morgen über hat er darauf herumgekritzelt und tatsächlich ist sogar etwas dabei heraus gekommen. Erst hat er zehn Rechtecke und Quadrate, die ja letztlich auch Rechtecke sind, darauf gezeichnet und dann daraus parallelperspektivische Kuben gezaubert, was nicht so schwierig ist, vor allem, wenn die sich in alle möglichen Richtungen in den Raum positionieren. Etwas schwieriger erscheint ihm da schon die Staffelung, welche die räumliche Wirkung noch verstärken soll. Er hatte dann mit Schraffuren alles atmosphärisch schattiert und staunt nicht schlecht, als er später in aller Ruhe das entstandene Werk betrachtet. Es sieht so aus, wie die möchtergernbauhäuslerischen Neubauprojekte wenig fantasiebegabter Architekten.

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Einhörnchen

„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Mitten im tiefsten Winter sitzt im Vogelhäuschen, das eigentlich dafür aufgestellt wurde, dass die Vögel ohne Angst vor den Katzen picken können, ein Eichhörnchen. Es hat sich breit gemacht und lässt seit über einer halben Stunde niemanden mehr herein. Die Finkenbrut sitzt auf dem Schnee und nimmt die Reste auf. Herr Nipp lächelt. Das ist ja wohl aus seiner Perspektive Idylle pur. Jetzt könnte er sich gut vorstellen, dass auch noch ein geflügeltes Einhorn durch den Garten segelt.

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Ofenstellung

Während er da steht, läuft im Hintergrund eine der beiden Platten, die er zuletzt zum Geburtag geschenkt bekommen hat. Dieses mal nicht die geniale „Bossanova“ von den Pixies, sondern die nicht weniger gute „3“ von der Formation Violent Femmes. Herr Nipp fühlt sich bei dieser Musik immer in eine gute alte Zeit zurückversetzt. Damals Schule und Studium und irgendwie gab es überall so viel zu entdecken und erleben. Da konnte er abends oder nachts mit Freunden in den Wald gehen und plötzlich standen Militärpolizisten mit angeschlagener MP vor ihnen, nur weil sie versehentlich zu nah an das Raketenlager gekommen waren, von dem sie natürlich nichts wussten und von dem damals auch niemand wissen durfte oder ein Hirsch röhrte nur wenige Meter entfernt, was wohl daran lag, dass sie im nahe gelegenen Wildwald herumstreunten. Oder sie erfuhren beim Durchsteigen einer wirklich gefährlichen Passage in der nahe gelegenen Tropfsteinhöhle, dass in der vorigen Woche dort jemand verunglückt sei. Überall lernte er damals neue und vor allem spannende Menschen kennenn, von denen manche ihn in späteren Jahren nicht mehr kennen wollten. (Nur weil sie Karriere gemacht hatten und er nicht? Oder lag es daran, dass andere das Angebot einer Dissertation angenommen hatten, das allerdings für ihn nie in Frage gekommen war? Lag es vielleicht daran, dass er Familie gegründet hatte? Heute ist ihm das eigentlich auch egal. Grübeleien bringen nämlich überhaupt nichts. Karriere war nicht seins, ist es auch heute nicht, in dem Wissenschaftssystem einer Uni zu arbeiten wäre wahrscheinlich auch nichts für ihn gewesen. Auch wenn er ein paar Mal daran ernsthaft gedacht hatte.) Er denkt lieber an die schönen Dinge zurück, die guten Erlebnisse oder die kleinen Abenteuer seines Lebens, von denen es eben nicht zu wenige gegeben hat. Daran klettern zu gehen und später mit dem besten Freund auf der Wiese zu sitzen oder zu liegen, in den Sonnenuntergang zu schauen, eine Zigarette zwischen den Fingern und dazu gute Musik zu hören. Was hatten sie die Violent Femmes geliebt. So hört er also auch heute wieder deren Musik und steht, während es draußen bitterkalt ist und die Vögel ihre Körner picken, am Kaminofen und hat seine Stellung gefunden: Er lässt sich den Hintern wärmen, trinkt guten Kaffee der Rösterei Hase / Münster und ja, erhört Musik von der alten gebrauchten Schallplatte, die ihm seine Söhne mit Anhang geschenkt haben. Danke dafür!

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Fische

Wenn der Tag zu Ende geht, dann findet er den Weg in die oberen Stockwerke. Um genau zu sein, er findet den Weg in das oberste Stockwerk, wo ein Aquarium steht. Er setzt sich dann davor, das Licht bleibt im Zimmer gelöscht, damit die kleinen Tiere ihn nicht sehen können. Er öffnet eine der kleinen Dosen, entnimmt eine Fingerspitze voll Futter und schaut dabei zu, wie die Guppys, Kardinälchen und Welse und auch die Garnelen sich darüber hermachen. Und meist nach einer halben Stunde wendet er sich ab, völlig beruhigt. Ja, Fische sind seine Methode der Meditation.

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