Zeitung

An solchen Tagen, wenn die Sonne scheint oder es bedeckt ist oder aber es fies nieselt, muss Herr Nipp nach draußen, also jeden Tag. Er braucht das freie Atmen, die Sicht in der sich stetig verändernden Landschaft, die bei jedem Licht so anders wird. Wenn Schnee liegt, die blaue Spiegelung des Himmels oder der golden leuchtende Sonnenstrahl zwischen den Bäumen. Bei Regen das nasse Grün des Mooses, welches die Baumstämme umhüllt, ob Blätter dran sind oder nicht. Bei grau verhangenem Himmel fallen ihm gerade die vielen Brauntöne der Landschaft auf. Jedes Wetter ist ihm im wahrsten Sinne des Wortes reizvoll. Manchmal leiht er sich zum Spazieren einen Hund aus. Man sollte die Möglichkeiten, die sich als einzelner Gänger ergeben, nicht unterschätzen. Alle paar Minuten begegnet man anderen Hundeführern und schnell kommt man ins Gespräch, weil die Hunde den direkten Kontakt suchen. Man soll es nicht glauben, aber die meisten Hunde kennen sich sehr gut, ohne sich je betroffen zu haben. Wenn er mit der Hündin also seinen Weg geht, läuft sie mal voraus, manchmal allerdings bleibt sie auch zurück. Bemerkt Herr Nipp dies, steht sie meist an einer Stelle und schnüffelt sehr genau. „Ach, liest du schon wieder die neusten Nachrichten in der Zeitung?“ Und das Tier schaut ihn manchmal so an: „Ja, das weißt du doch. Ich kann auch noch nicht weitergehen, muss all die Kommentare zum Hauptartikel noch lesen.“

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Tauwetter

„Was die Stadtverwaltung in einer Woche nicht schafft, nämlich die Straßen vom Schnee zu befreien, das macht ein Tag mit Tauwetter in wenigen Stunden“, meint einer seiner Freunde mit süffisantem Lächeln. Worauf Herr Nipp lakonisch antwortet: „Ja, und das Wetter nimmt dafür noch nicht einmal Gebühren.“

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Duschen

Wie wohl fast jeder andere liebt Herr Nipp das Duschen. Unter diesem wunderbar warmen Wasserstrahl stehen und genießen. Klar, das dabei Waschen ist genauso wichtig. Aber Herr Nipp steht niemals so lange darunter, wie es andere vielleicht tun. Nicht weil er es nicht genießen würde, sondern aus einem anderen Grund. Da sein Badezimmer meist nicht so extrem vorgeheizt ist, wird es immer sehr kalt, sobald er dem Wasserstrahl entspringt und dann beginnt er oft zu zittern und weil er das gerne schnell hinter sich haben möchte, dauert das Duschen eben nicht so lange. Anders ist das bei Baden, damit kann er Stunden verbringen. Ein gutes Buch, etwas zu trinken, etwa ein großes kaltes Glas Wasser, und im wahrsten Sinne abtauchen.

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Holz

Da er die Wohnung meistenteils mit dem Kaminofen heizt, heißt das auch gleichzeitig, dass Herr Nipp in unregelmäßigen Abständen in den Garten zur Holzhütte muss, um Nachschiub zu holen. Dann schnappt er sich eine Bananenkiste, die schön stabil ist, zieht sich die dicken Wanderschuhe an, die gutes Profil haben und steigt hinunter in den Garten. Dazu muss er zunächst eine Treppe und dann einen Hügel hinab. Bei dem derzeitigen Schnee ein kleines Abenteuer, wenn man kein Profil hat. Besser wären natürlich Steigeisen für diese Expedition in die Tiefen des riesigen Anwesens. Zum Nordpol und zurück ist dagegen sozusagen ein Hüpfer. So allerdings muss jeder Schritt geplant und abgewogen werden. Er hat es nicht einfach im Leben, aber leicht hat es ihn. Unten angekommen zu sein, ohne ausgerutscht zu sein und sich vor der ganzen Nachbarschaft blamiert zu haben, ist ein Erfolg. Die letzten Tage ist ihm dies nicht gelungen, jedesmal lag er mindestens einmal da. Aber er ist ja lernfähig und hat sich mit dem Farbspray sehr deutlich markiert, wo es so glatt ist, dass jeder Versuch einer Überquerung zwangsläufig scheitern muss. Er ist diesen Stellen ausgewichen, was von oben wahrscheinlich aussah wie der Zickzacklauf eines Hasen in Zeitlupe. Er hat die Kiste voll gepackt, immerhin vierzehn Stücke. Zwölf findet er immer etwas affig und der Dreizehn misstraut er, auch wenn er niemals zugeben würde, abergläubisch zu sein. Auch der Rückweg ist in seiner Choreographie vielleicht etwas holperig, aber immerhin eleganter als der nächste Sturzflug in den Schnee. Auf dem letzten Meter des Hügels gerät er dann doch endlich ins straucheln, verliert das Vertrauen in seine profilierten Wanderschuhe und wie in Zeitlupe verliert er das Gleichgewicht, lässt vorsorglich schon mal die Kiste fallen und im nächsten Moment küsst er den weichen entgegengekommenen Schnee. Ja, er wird die Holzkloben einsammeln, sich wieder ins Haus quälen und eventuell darüber nachdenken, entweder im Sommer die Hütte zu versetzen oder mit Erdgas zu heizen.

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Taube im Baum

Seit drei Stunden beobachtet Herr Nipp nun schon die Taube, die da unten im Garten oben im Walnussbaum sitzt. Sie hat sich aufgeplustert gegen die Kälte und bewegt sich kaum. Das ist Wahnsinn. Nur manchmal, wenn eine zweite Ringeltaube sich heranmacht, scheint sie so etwas wie Leben zu zeigen, öffnet empört eines der Augen und das reicht zur Abschreckung. Tauben können so herrlich ehrlich sein. Direkt und ohne Kompromisse sagen sie mit einem Augenblick: „Ich mag dich nicht!“ oder eben „Ich bin total verliebt und das für den Rest aller Zeiten bis zur nächsten Paarung.“ Herr Nipp hat den Vogel noch nicht aus den Augen gelassen und fragt sich, wie er wohl das Gleichgewicht halten kann. Selbst im Schlaf nicht von Baum zu fallen, fällt sogar den Baumprimaten schwer. Als er später zum Füttern in den Garten geht, staunt er nicht schlecht. Die Taube sitzt dort ganz ruhig auf einem Bein. Bisher dachte er immer, das machen nur Flamingos, aber im Winter können das wohl auch die Vögel des Nordens.

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