Auch nebenan

Das Heulkind steigert sich wie täglich in sein Ichwillabergeheule. Ziemlich laut über eine halbe Stunde schon. Irgendwann wird die Terrassentür geschlossen, die Mutter hat wohl Mitleid mit der Nachbarschaft. Ruhe, ah, nur Vogelgezwitscher zu hören, fast unerträglich, aber zum Glück wirft wahrscheinlich gleich jemand den Rasenmäher an.

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Lesung

Lesungen findet Herr Nipp sehr spannend, weil man dort häufig die Gelegenheit hat, mit der Autorin oder dem Autoren zu sprechen und Sachverhalte aus dem Kontext zu erfahren. Diese Lesung zum Buch Schmieds Katze von Johannes Schmidt und hervorragend gelesen von Kai Mönnig aus Gummersbach hat es Herrn Nipp besonders angetan, dort geht es um seine Stadt und die nähere Umgebung. Ja, es soll um den Begriff gehen, der von allen möglichen politischen Richtungen vereinnahmt wird. Heimat. Mal rechts, mal links, mal mittig. Das Gespräch nach der eigentlichen Lesung pendelt zwischen Zeit und Ort, Sprache und Menschen. Neheim sei ja irgendwie auch komisch, als habe sie gar keinen Neheimer Kern. Als Herr Nipp behauptet, all das Beobachtete komme daher, dass immer schon Menschen von außen hinzugekommen sind und ihre Heimat mitgebracht haben. Das wird verneint. Irgendwann fragt Herr Nipp einfach mal so in die versammelte Zuhörerschaft und die vielen Mitsprechenden, wer von denen, die hier über Neheim schwadronieren und die angebliche Verschlossenheit, Unfreundlichkeit, den behauptet fehlenden Mut , das mangelnde Selbstbewusstsein und den leider leider fehlenden Dialekt, die Frage, ob diese Stadt überhaupt sauerländisch sei, in Neheim geboren ist. Außer ihm selbst melden sich nur zwei.

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Kleine Besucher

Kinder bekommt Herr Nipp sehr gerne, aber leider nur selten zu Besuch. Mit denen kann er, wenn sie schlau sind, Sprachspiele machen und sei es nur, sich ständig zu versprechen bei Namen oder wichtigen Verben oder Nomen . Die einen bringt das zur Weißglut, die anderen spielen irgendwann einfach mit und verdrehen auch einzelne Buchstaben. Aus Buchstaben werden Bachstuben, aus Kirschsaft Karschsift. Oder aus Marlene wird Melone und Jonathan heißt plötzlich Janothan. Seine heutigen Besucher jedenfalls haben mitgespielt und manchmal sind dabei Worte in die Welt geschleudert worden, die auch Herrn Nipp rat- und sprachlos, vor allem aber hilflos dumm haben aussehen lassen.

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Pulp

Plötzlich und unerwartet steht er in einer Fabrik für Wellpappen. Ein unglaublich freundlicher Mitarbeiter hat Herrn Nipp mit kräftigem Händedruck begrüßt. „Wow“, meint der Besucher, „so hatte ich mir das in etwa vorgestellt. Riesig groß.“ Leider können die Produktionsstätten nicht besichtigt werden. Nur einen kleinen Teil des riesigen Lagers bekommt er zu Gesicht. „Mit dem Material hier würde ich gerne Möbel bauen. Möbel auf Zeit, die jederzeit recycelt werden könnten.“ „Nehmen Sie sich was mit, wer weiß schon, vielleicht ist das ja die Zukunft für Messen und Veranstaltungen.“ Jetzt überlegt er wirklich, ob er vielleicht in seinem Alter noch einmal neu anfängt und faltbare Leichtmöbel auf Zeit entwickelt.

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Gur Kirschen essen

In einer Papiertüte hatte er sich einige Hände voll mitgenommen. Nun sitzt er an einer der Waldschadensflächen, radikal freigeräumt vom Borkenkäfer, mit freier Sicht in die Landschaft. Hier hatte glücklicherweise jemand nicht genug Geld zum Aufforsten oder selbiger traut den selbstheilenden Kräften der Natur über den Weg. Mutig und schön. In aller Gemütsruhe hat Herr Nipp die üppige Portion Kirschen neben sich auf die Bank gelegt. Er schaut den Mitwanderer mit Aufforderung an und schon geht das Essen los. Bittersüße Geschmacksexplosionen wechseln mit herbsüßen Nuancen ab. Die Kerne flitschen sie mir Daumen und Zeigefinger den Hang hinunter. Wer weiß, vielleicht ist einer der Kirschenwildlinge demnächst ein Beitrag für die Vielfalt eines echten Waldes, der dann keine Plantage ist.

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