Rollatorengang

Vier Rollatoren schiebende Dam- und Herrschaften haben sich unvermutet randalierend am Rande des Vorgartens zusammengerottet. Mit wilden Gesten terrorisieren sie meckernd und keckernd die Nachbarschaft. Als Herr Nipp näher kommt, bemerkt er seine Fehleinschätzung. Da stehen vier nette und begeisterte Senioren und unterhalten sich mit vorsichtigen Fingerzeigen über all die verschiedenen Blumen in seinem grünen Grenzstreifen zur Straße. „Das ist eine bunte Freude bei Ihnen.“ Demütig lächelnd nimmt er das Kompliment entgegen, man sollte nicht immer das Schlechteste vermuten.

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Wahrheit

Dieser Kanal ist nicht der Nabel der Welt, hier werden keine Transfergeschäfte des internationalen Menschenhandels besprochen, auch Rezepte und sonstige Katastrophen des allgemeinen Interesses sucht ein Leser hier vergebens. Politik? Fehlanzeige, wer nicht zwischen den Zeilen lesen kann. Sport! Herr Nipp verweigert sich konsequent der Veröffentlichung seiner Aktivitäten. Wetter aber wenigstens? Das nimmt er hin, reicht doch. All die großen Abenteuer machen andere. Herr Nipp nippt eben, haut nicht auf die Pauke, sondern liebt die leise säuselnden Töne, die sublime Ironie und den Selbstzweifel. Eigentlich schade, denkt der Erzähler, was echt Krasses wäre schon toll. Aber da lächelt der Protagonist verschmitzt, das große, fantastische, verrückte, hippe Leben überlässt er denen, die es brauchen, sein größtes Erlebnis des Tages war die Katze, die neben ihm eingeschlafen ist.

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Regentag

Der Himmel zeigt sein graues Gesicht, Wolken dräuen. Herr Nipp ist im Lieblingsgetränkefachgeschäft seiner Wahl. Dort halten sie extra für ihn und tausend andere Kunden über 50 Biersorten aus gefühlt ganz Europa parat. Er hat sich ein Bayrisches ausgesucht. Vollbier. Heute im Angebot für einen Zehner die Kiste! Läuft wahrscheinlich bald ab. Schmeckt trotzdem. Die etwas unaufmerksame neue Frau an der Kasse hat aber den vollen Preis angerechnet, was erst am Auto angekommen bemerkt wird. Er geht zum Laden zurück und weist freundlich auf das Versehen hin. „Ich muss eben noch zwei Leute abkassieren, dann helfe ich auch ihnen.“ “ Hat keine Eile, bin ja nicht auf der Flucht.“ „Ja, aber gleich regnet es.“ „Das macht nichts, ich liebe Regen.“ Plötzlich wechselt ihr Gesichtsausdruck vom Stress zu überbordender Freundlichkeit. Mit glücklich strahlendem Gesicht lacht sie voller Inbrunst und strahlt ihn selig an: „Ich auch.“

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Auskunft

Hatte nicht der alte Goethe gesagt, du siehst nur, was du kennst, denkt Herr Nipp, auch so eine Floskel, tausendfach widerlegt und doch was Wahres dran. Wenn er selbst spazieren geht, entdeckt er immer Pflanzen, die er nicht kennt, weder mit Vor- noch mit Nachnamen. Dann nutzt er seine Pflanzenerkennungsapp und mit etwas Glück kann diese verlässliche Informationen liefern. Er kennt zwar jemanden, der das noch besser können würde, aber niemand will täglich mehrmals wegen Kinkerlitzchen genervt werden. Diesen Abend kommt ein Anruf herein: „Du, kannst du mir bitte sagen, um was für eine Technik es sich bei dem Bild handelt, dass ich dir digital zugeschickt habe?“ Toll, denkt er, wenn heutzutage noch Expertise gefragt ist. Und natürlich gibt er umfänglich Auskunft.

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Namensgebungen

Er sitzt mit einigen Leuten zusammen, eine der wichtigsten Fragstellungen dieser Unternehmensgründer ist die Frage der Namensgebung für Firmen und Produkte. Ein gewisser Herr B. (Name ist dem Autor bekannt) ist der Meiung, dass der Zufall genauso wichtig ist wie das genaue Kalkulieren auf die Kunden der Zukunft. Sofort steht er im Mittelpunkt des Interesses der anderen Anwesenden. Es sei auch Humor und eine gewisse Selbstironie wichtig. Strategien seien ja schön, aber das Wissen über sprachliche Bedeutungen und Spiele vielleicht noch viel prägnanter. Er habe mit Freunden etwa eine Literaturzeitung gegründet und bei der letzten Redaktionssitzung vor Veröffentlichung habe immer noch kein Name festgestanden. „Wir brauchen einen Namen“, habe er fast flehentlich gerufen und genau in diesem Moment habe ein Freund mit der Frage angerufen: „Hast du einen Dichtungsring?“ Seitdem heiße diese Zeitschrift Dichtungsring.

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