Mohn

Natürlich weiß er, dass es auch Schlafmohn gibt, mit dem viel Unheil angerichtet wird und wurde. Natürlich weiß er jedoch auch , dass Schlafmohn auch wunderschön ist, dass er auch als Medizin verwendet wird und vielen Menschen hilft. Herr Nipp aber hat in seinem Garten alle möglichen anderen Mohnarten, Klatschmohn aus den hiesigen Gefilden, gelben Waldscheinmohn, der nicht hierher kommt, auch den bunten Islandmohn, der Farben von fast weiß bis fast rot entwickelt, Küchenmohn aus Österreich mit violetten Blüten. Die meisten Arten werfen ihre Blütenblätter nach ein bis zwei Tagen ab, andere jedoch halten sie auch mal einige Tage länger. Was ihn so fasziniert, kann er eigentlich gar nicht so genau benennen, aber es hat wohl mit der Zartheit zu tun und der gleichzeitigen Widerstandskraft, denn Mohn wächst überall, wenn man ihn nur lässt. Und morgens, vor der Arbeit, wenn er noch mit Hausschlappen und einem Pott Kaffee in der Hand vor dem Vorgarten steht und ganz glücklich die Blütenpracht bewundert, dann leuchten all die kleinen und mittelgroßen Pflanzen, als gäbe es ein Konzert der Farben und plötzlich bekommen die Gräser, die er nicht beschnitten hat, mit ihren Rispen und Ähren, etwas ganz Erhabenes.

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Veränderungen

Nach seinen ausgiebigen Spaziergängen oder auch währenddessen setzt er sich gerne an schöne Punkte. Mal auf einen umgestürzten Baum, manchmal auch einfach nur auf den Boden. Er lässt seine Gedanken im Kopf kreisen und in unregelmäßigen Abständen die Richtung wechseln, ganz nach Picabia. Spannend ist es dann, wenn sie alle paar Sekunden umschwenken. Nicht zielführend, aber ein Abenteuer durch den grauen Klumpen im Schädel. Hier etwa standen vor anderthalb Jahren noch die Fichten, jetzt ist es kahl. Verwaiste Böden denkt man vielleicht. Ein Paradies zur Neubesiedlung. Einschläfernde Idylle, denkt er, und genau in diesem Moment fallen seine Augen zu. Als er wieder aufwacht, sieht er ebenfalls verändert aus. Das Gesicht von der Sonne rot gebrannt. Ach ja, Natur vitalisiert ja so.

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Sonntagsspaziergang morgens

Durch die Wälder zu gehen, ist vielleicht so ein deutsches Ding, denkt Herr Nipp, mit all den Vorurteilen behaftet, die uns von der Romantik eingehaucht wurden. Ja, die erhabenen Wälder, die Eiche, und vor allem diese richtig großen Buchen, mächtige Stämme mit mächtigen Baumkronen. Die Fichten natürlich, ja, …naja, die gab es mal. Vielleicht stehen da noch ein paar gut gewässerte junge Dinger herum, die noch nicht von den Borkenkäfern entdeckt wurden, sonst nur dürre Gerippe und frei geräumte Flächen. Der Harvester als bester Gefolgsmann des Rindenschädlings vollzieht nur noch, was gemacht werden muss, schlägt seine Furchen in den Wald, hinterlässt ein Weltuntergangsszenario, so sein sonntäglicher Begleiter, oder wie er an anderer Stelle so treffend wortspielerisch vermerkte, Walduntergangsszenario, das doch mehr an den Expressionismus des ersten Weltkriegs als die Romantik erinnere. Die Landschaft durchwühlt, die Wunden sind tief geschlagen und doch finden die beiden Freunde Zeichen der Hoffnung. Da sammeln sich Pfützen, kleinste Feuchtbiotope, in den Radspuren, in denen jetzt schon Molche leben. Da keimen neue Pflanzen aus graubraunem Boden, da flitzt eine Unzahl an Kleinstlebewesen herum und wer weiß, vielleicht ist diese Katastrophe ja der Startschuss zu etwas Neuem, zum Umdenken sowieso. Und als die beiden ganz analytisch einen kleinen Waldbereich betrachten, der vor vierzehn Jahren vom Kyrillsturm umgeweht wurde und seitdem ohne Anpflanzung von allein wieder hoch gekommen ist, können sie diesen Spaziergang wirklich hoffnungsfroh beenden. Sie kehren noch kurz auf einen Kaffee bei einem weiteren Freund ein und halten Rücksprache mit ihm, der sich quasi beruflich mit dem Wald beschäftigt. Ja, vielleicht sei es ein Startschuss, nein, allgemein glaube er nicht, dass die Waldbauern vernünftig würden. Einigen denken dann wohl doch: „Einmal Fichte geht noch.“

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Schnecken

Es hat die letzten Wochen mehr geregnet als die letzten Jahre zu dieser Zeit, das hat der Schneckenpopulation in seinem Garten sicherlich ein kräftigen Auftrieb gegeben. Also bleibt ihm nichts übrig, als abends oder morgens einzusammeln. Klebriges Geschäft. Und dann… wohin mit den Tieren? Aber er hat auch einige Helfer im Garten, damit ist nicht dies blaugiftige Schneckenkorn gemeint, er will kein Gift im Garten einsetzen. An keiner Stelle dieses gehegten Kleinlebensraums hat Gift in seinen Augen etwas zu suchen. Bestimmte Schaderreger nimmt er stoisch hin, glaubt, dass sich das schnell wieder selbst einpendelt, meistens klappt das auch. Bei den jungen, selbst veredelten Apfelbäumchen hat es leider nicht geklappt, da hat der Ungleiche Borkenkäfer verheerendes geleistet. Immerhin sind dabei gut 12 Bäumchen zugrunde gegangen. Aber meist renken sich die Dinge von alleine ein, wenn man sie nur lässt. So haben sich etwa die Blau- und Kohlmeisen inzwischen darauf eingestellt, Buchsbaumzünsler zu fressen. Und wenn dann mal einige dieser immergrünen Büsche verschwinden, weil sie an Kahlheit eingehen? Vielleicht sollte sich der Gartenbesitzer mal die Frage stellen, welchen ökologischen Nutzen diese Gewächse eigentlich haben. Ähnlich ist es bei den Schnecken. Die Mitstreiter im Unterdrücken der Weichtiere sind entweder ebenfalls solche, nämlich Tigerschnegel oder eher gefiederter und pelziger Natur, außerdem haben sich seit diesem Jahr wieder Molche im Garten angesiedelt. angeblich fressen auch die in ihrer Nichtgartenteichzeit Schnecken jeglicher Größe. Wie das gehen soll, ist Herr Nipp zwar unklar, aber er möchte es gerne glauben. Klar, einige Gemüse werden wohl Opfer der gefräßigen Schleimspurhinterlasser werden, also nicht der Molche, die schleimen nicht, sondern der Weichtiere, aber dafür bieten sie selber dann irgendwann ein wirklich gutes Futter für andere Tiere. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann kommt nachts vielleicht auch mal wieder der Igel vorbei, der dieses Jahr leider nicht im Garten überwintert hat, obwohl ihm insgesamt vier abäquate Haufen zur Verfügung gestellt worden waren. Und bis das geschieht, wird Herr Nipp auch weiterhin morgens früh aufstehen und einsammeln. Wo er die Tiere tierfreundlich entsorgt, das bleibt sein Geheimnis.

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