losgehen

Hat er alles bei sich? Herr Nipp überprüft noch einmal seine Sachen und muss feststellen, dass noch ein Apfel fehlt. Ohne Apfel geht es einfach nicht. Morgens pflückt er sich noch schnell einen oder gleich mehrere vom Baum, dann geht es los. Flott, aber innerlich beruhigt. Und irgendwie hat er dann den alten englischen Spruch im Kopf: „An apple a day keeps the doctor away.“

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Türöffner

All seine Schlüssel klimpern in der Tasche. Vor vielen Jahren hatte er darüber einmal ein Gedicht geschrieben. Damals im Studium, als er jeden Tag von der Uni den steilen Berg absteigen musste, denn diese lag ganz oben oberhalb der Stadt und dann auf den anderen Seite des Tals wieder hinauf musste, denn auch dort lag seine Wohnung ein ganzes Stück weit oben. An manchen Tagen hörte er bei jedem Schritt dieses Klappern und Klimpern, manchmal konnte er das allerdings auch gut ausblenden. Wenn er durch den Herbstmatsch stapfte etwa oder wenn er durch die Stadt ging. Immer irgendwie auf der Suche nach irgendetwas, immer mit dieser Unzufriedenheit gestraft, die sein gesamtes Leben begleitet. Nicht Unglücklichkeit wohlgemerkt. Glücklich war er eigentlich immer gewesen, konnte Glück bei den kleinsten Ereignissen empfinden und gleichzeitig diese rastlose Unzufriedenheit. Es musste raus, irgendwas musste er machen und schaffen, irgendwas musste entstehen. Was es genau war, konnte er nicht erklären. Und immer war er froh, nach Hause zu kommen, zumindest für ein paar Stunden, dass er sich ins Zeichnen, Lesen oder Musikhören versenken konnte, dass er mit seinen Freunden reden konnte. Nur einmal hatte er damals irgendwo seinen Schlüssel liegenlassen und niemand konnte ihm öffnen, da hatte er in einem kleinen Raum in der Uni übernachtet und war glücklicherweise nicht erwischt worden.

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das Dunkel sehen

Seien wir ehrlich, die meisten Fernsehserien sind sowohl ihre Geschichte betreffend als auch die schauspielerische Leistung eher ein Fliegenschiss auf einem Rattenschwanz denn Kunst. Sie werden runtergedreht und wenn die Einschaltquoten stimmen, dann geht es in eine nächste Staffel. Einige Serien schaffen es als tägliche oder wöchentliche immerhin über Jahre zu bestehen. Die schlimmsten Zeitdiebe sind dabei Liebestragödien, die allerdings auch die meisten Fans haben. Wer selbst keine Liebesgeschichte hat, will wenigstens die anderer sehen. Herr Nipp hat eine Freundin, die tatsächlich jeden Tag irgendwann diesem Wahn erliegt, natürlich schaue sie nur auf einer Metaebene, haha.
In seiner Studienzeit hatte er selbst eine Hausarbeit über eine Fernsehserie verfasst, den Ort besucht, wo sie gedreht wurde, mit Schauspielern und Ausstattern und dem Produzenten gesprochen. Mehrfach war er dorthin gefahren und wurde irgendwann von den dort Arbeitenden mit vornamen begrüßt. Ja, er hatte damals sogar das Angebot bekommen, dort zu arbeiten. Das hatte er allerdings abgelehnt. Im Nachhinein vielleicht ein Fehler, wahscheinlich aber nicht. Das Leben hätte andere Bahnen annehmen können. Im Nachhinein würde er selber allerdings nicht an seinen Entscheidungen ändern. Auch wenn es manche Sackgasse gab, aber das ist jetzt egal. Er will nicht mit Groll nach hinten schauen, das passt auch ehrlich gesagt nicht zu seiner Lebenseinstellung, das überlässt er lieber anderen. Ihm ging es damals darum, zu erfahren, inwieweit die an den Wänden hängenden Bilder in den Wohnungen denn wohl die Charaktere spiegeln würden und tatsächlich hatten sich die Ausstatter darüber eingehende Gedanken gemacht. Wenn auch anders, als er sich das hätte vorstellen können. Dort waren Bilder in Kathegorien gefasst worden. Die Bilder sind für Spießer, die für Innovative, die für Chaoten, die für biedere Hausfrauen und so weiter. Natürlich gehört in einen bieberen Haushalt eine Gebirgslandschaft und ein impressionistisches Kalenderbild. Natürlich hat die Intelligenzia abstrakte Werke an der Wand, die irgendwie bekannt scheinen und doch den Originalen nachempfunden sind, denn sonst könnte es ja vielleicht irgendwelche Forderungen geben, weil die Künstler noch nicht seit über siebzig Jahren verstorben sind.
Zur Zeit schaut er selber eine Serie bereits zum zweiten Mal, die es ihm irgendwie angetan hat. Auch wenn dort die Sonne scheint, wirkt es irgendwie düster, in den Wohnungen und Häusern ist zu wenig Licht, definitiv. Und trotzdem wirkt es irgendwie echt. Seien wir ehrlich, viele unserer Häuser sind wirklich so düster, vielleicht weil wir immer noch heimliche Höhlenmenschen sind. Auch die Figuren werden erst nach und nach gezeichnet, zeigen viele Facetten, unerwartete Vergangenheiten und nie weiß man so ganz genau, wo und wann wann die Geschichte spielt, zumindest nicht im ersten Augenblick. Nichts ist sicher. Und ist nicht ihre Tochter auch gleichzeitig ihre Mutter? Dort wird mit Träumen des gleichzeitig antagonistischen Protagonisten Verwirrung erzeugt, einerseits, andererseits tritt seine protagonistische Antagonistin gleich in vier verschiedenen Versionen auf, wenn man die Tote hinzunimmt, sogar in fünf. Wer wer ist und was will? Worum es eigentlich geht? Sicherlich handelt die Geschichte vom Determinismus der Welt. Alles ist vorbestimmt und egal, was jemand macht, es verändert nichts, weil alles schon geschehen ist, auch die Zukunft. Vielfach. Wann etwas ausgelöst wurde, ist unsicher, was eine Handlung auslösen wird, ebenfalls. Vielleicht auch das Gegenteil des Beabsichtigten? Es geht zu wie auf dem Aktienparkett, auf- und abwärts innerhalb weniger Augenblicke, alles kann etwas bedeuten oder verursachen, jede Aussage könnte die Zukunft bestimmen, aber so richtig versteht keiner, worum es eigentlich geht. Und am Ende?

Herr Nipp muss diese Serie einfach noch einmal durchleben, denn sie ist wie ein gutes Buch. Wie eine Literatur, die den Leser in eine eigene Welt zieht. Herovrragend durchdacht, ebenso gespielt und vor allem nach drei Staffeln abgeschlossen. Und wer weiß, vielleicht hilft es ihm, seine eigene Welt ein wenig besser zu verstehen, denn auch er hat schon immer mal Fehler in der Matrix entdeckt.

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Kaminofen

In seiner Wohnung, die er seit einiger Zeit bewohnt, gab es früher einen wuchtigen Kaminofen mit Stahlklappen. Der war aus mineralienhaltigen Bruchsteinen gemauert, die sein Vater, er selbst und sicher auch seine Brüder damals in den verschiedenen Steinbrüchen der Umgebung gesucht hatten. Einige besondere Steine kamen auch aus anderer Quelle, zum Beispiel aus einem Bach in den Loferer Steinbergen, ein Ammonit mit beträchtlicher Größe hatte der Vater damals gekauft, so auch einem Bergkristall. Herr Nipp hat diesen Kaminofen abgerissen, er war ihm einfach zu wuchtig und nahm zu viel Platz weg. Die schönsten Steine hat er verschenkt, die anderen nutzt er im Garten. Jetzt steht da ein kleiner Irondog, ein Gussstahlofen, der mit Sicherheit wesentlich effektiver ist. Und das ehemalige Kaminzimmer, in dem er als Kind immer sehr gerne mit Legos gespielt hatte, ist nun eine kleine Bibliothek geworden, dorthin setzt er sich heute noch gerne und liest ein gutes Buch, heute war es mal wieder, dass er einige Seiten in „Das steinerne Floß“ von Jose´ Saramago gelesen hat, dabei musste er unwillkürlich darüber schmunzeln, wie verschachtelt dieser Autor seine Sätze strukturiert. Auch das muss man erst einmal können.

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Aus dem Fenster schauen

Wenn er im Wohnzimmer sitzt und von der Postion des schwarzen Sessels aus dem Fenster schaut, kann er die Menschen nicht sehen, die sich vor dem Haus bewegen.. So hoch ist der Horizont der Fensterbrüstung. Manchmal huscht aber ein Fahrradhelm vorbei, das sieht dann aus wie bunte Käfer, die man manchmal draußen auf einer artenreichen Wiese findet.

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