Blasse Heilige

Per Zufall ist Herr Nipp in seiner Schallplattensammlung wieder auf einige schwarze Scheiben der 90er Jahre Band Lush gestoßen. Einige Lieder hören sich in seinen Ohren tatsächlich eher nach den Cocteau Twins an und nachdem er auf den Hüllen recherchiert hat, muss er feststellen, dass tatsächlich einer der Cocteau Twins sich für die Produktion dieser Lieder verantwortlich zeichnet. Die anderen Songs gefallen Herrn Nipp viel besser, weil alle anderen Klanglagen als die sphärischen hier besser zum Tragen kommen und vor allem die schönen Stimmen von Miki Berenji und Emma Andersen, den beiden Frontfrauen der Band ihre verspieltest spielerischen wie herausfordernden Qualitäten zeigen. Er hat sich nach einem Lush-Sonntag dann auch am folgenden Montag noch mal einige Sachen im Netz angesehen und gehört. Eigentlich schade, dass er niemals damals auf einem der Konzerte war, aber immerhin machen es die Algorhitmen der Videoplattform möglich, dass auch weitere Bands aus dem Umfeld angezeigt oder gar gespielt werden. Und da darf dann natürlich die musikalisch viel interessantere Band Pale Saints nicht fehlen, die allerdings, wohl wegen der fehlenden hübschen Frontfrauen in Miniröcken, sondern der kühl und androgyn wirkenden Sängerin, nicht so erfolgreich waren. Aber was ist im Rückblick betrachtet schon Erfolg, eigentlich ist die Musik viel wichtiger. Wieviele richtig gute Bands kennt er, die niemals groß herauskommen werden und trotzdem die wirklich wichtigen Stücke geschrieben haben und produzieren. Früher war es ihm immer wichtig, dass seine Lieblingsbands auch die Anerkennung bekommen, die sie verdienen, jetzt weiß er, dass jegliches künstlerische Geschäft keine Gerechtigkeit kennt. Das macht ihm heute gar nichts.,auch von den heute unbekannten Bands hat er damals, er war noch im Studium, glücklicherweise Tonträger auf Vinyl gekauft und so kann er sich wohlig dem Rausch dieser blassen Heiligen hingeben. Aller Knistergeräusche zum Trotz.

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Traurig

Was schaust du so traurig, ermahnt sich Herr Nipp, als er wieder einmal die Blicke im Garten schweifen lässt. Er weiß, dass das Wachsen dieses Jahres mehr oder weniger vorbei ist. Aber da unten in dem einen Hochbeet tut sich auch jetzt noch was. Er hat vor einigen Wochen dort Feldsalat gesäht und weiß, der wird auch jetzt wachsen, wird über den Winter größer werden und irgendwann stehen dort diese wunderbaren Pflänzchen und er wird mit dem Messerchen hinunter gehen und ernten. Was gibt es im Vorfrühling besseres als Feldsalat aus dem eigenen Garten.

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Beschlagen

Inzwischen kann Herr Nipp nicht mehr so gut ohne Brille auskommen, was früher selbstverständlich noch funktionierte, Texte vor sich ohne zwinkern und andere Hilfstechniken zu lesen, kann einfach nicht mehr gehen, weil er nur noch graue Felder mit Helligkeitsschwerpunkten vor sich sieht. Ab einem Abstand von 70 Zentimetern ist dann alles wieder auf das Genaueste zu erkennen. Zu Hause beim donnerstäglichen Frühlesen seiner Wochenzeitung trägt er folglich auch seine Lesehilfe (er hat einige solcher Gerätschaften für wenige Euro in der Drogerie erworben, die sehen zwar nicht so toll aus, tun ihre Arbeit aber dennoch), wenn er nicht gerade steht und aus der Distanz alles sehen kann. Alles kein Problem, abgesehen davon, dass er noch nie so gerne irgendwelche Dinge am Kopf hatte. Früher benutzte er als einziger seiner Freunde keine Sonnenbrille, auch wenn das als unglaublich „cool“ in den achtziger Jahren galt. Schwarze Tageslichtverfinsterer mit schwarzem Rand, möglichst noch nachts in der Disco. Ein unglaublicher Blödsinn, aber Moden sind nun einmal so. Man frage nicht nach Sinn, der Zweck ist dagegen klar. Er hat sich auch lange Zeit verweigert, wenn es darum ging, eine Mütze oder einen Hut zu tragen. Irgendwie erscheint es ihm als unangenehm, so viele Berührungen an der Kopfhaut. Letztlich aber gewöhnt man sich ja, so sagt das Volk, an alles. Jedenfalls nutzt er diese Erleichterung heutzutage, trägt im Sommer sogar einen Strohhut gegen die starke Sonneneinstrahlung, und manchmal, wenn die Cluster zu arg gewesen sind, muss er sogar eine ordentliche Brille vom Optiker tragen, die extra für ihn ausgemessen und gefertigt wurde, eine solche mit Übergang zwischen Weitsichtigkeit zur Kurzsichtigkeit, eine Gleitsichtbrille, auch außerhalb der Behausung, das ist die einzige Möglichkeit, wirklich klar die Umwelt zu erfassen, nicht unwirklich unklar. Doch jedes Mal, wenn er in ein Geschäft geht, weiß er, dass die Brille da ist, denn dann kann er, wegen der Maske, die zu tragen ist, erstmal gar nichts mehr sehen.

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Stirn

Glücklicherweise schaut man den Menschen nur vor die Stirn, bei manchen möchte niemand wissen, was sie verbirgt.

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Blumentopf

„Damit wirst du keinen Blumentopf gewinnen“, hatte ihm damals sein Vater gesagt, als er zum ersten Mal eigene Bilder in einer Sammelausstellung sogenannter junger Künstler gezeigt hatte. Herrn Nipp hätte das auch nur sehr wenig interessiert, aber es war schon ziemlich geil damals, als er den ersten Platz beim Wettbewerb mit 500 Mark Siegprämie einstreichen konnte. Noch mehr wert allerdings war ihm das ungläubige Gesicht des Vaters gewesen.

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