Ganz unten

Die Treppen ist er herabgestiegen. Ganz unten im Technikraum dieses Gebäudes muss er sich durch diverse Spinnwebenvorhänge arbeiten. Hände vor dem Gesicht auseinander ziehen, Gespinstgardinen teilen, damit er nicht nach wenigen Metern wie ein Zombie oder eine Hexe aussieht. Wer weiß, wie groß diese Biester hier unten sind? Als er gestern Abend eine schwarze Winkelspinne aus seinem Schlafzimmer entfernen wollte, musste er erkennen, dass die Spannweite der Beine um einiges über das Wasserglas hinausging. Nein, er hat keine Angst vor den flinken Krabblern, aber manchmal kann auch er sich erschrecken, etwa wenn ein solcher kleiner Gigant abends direkt vor ihm über den Teppich läuft. Natürlich bringt er die Tiere möglichst unversehrt nach draußen… möglichst weit weg, denn angeblich können sie bis zu mehreren hundert Metern zurück „nach Hause“ finden. Hier unten im Keller fühlt er sich ein Stück weit an einen Indiana Jones Film erinnert. Indiana Jones im Tempel des Todes. Dieser Gang mit den vielen Insekten, auf denen es sich läuft wie auf Popcorn. Egal. Er muss da durch, denn das Ventil muss zugedreht werden, sonst wird das Wasser oben ein verheerendes Werk anrichten. Es kommt, wie es sein muss. Natürlich liegt dieser Verschluss ganz hinten in der Ecke, die seit Jahren nicht mehr betreten wurde. Ganz klar, dass dort nicht nur Spinnen ihr Werk vollbracht, sondern offenbar eine gewisse Zeit auch Mäuse gelebt haben. Dann aber lächelt Herr Nipp. In der Ecke liegt auch eine Zeitung aus dem Jahr 1989, einige Tage vor dem Mauerfall, das ist doch mal eine Entdeckung und außerdem hat er sich vorausschauend schon Handschuhe in die Tasche gesteckt.

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Kauen

Einer seiner Bekannten kann eines überhaupt nicht gut haben. Wenn andere Menschen in seiner Gegenwart laut schmatzen. Schon die Geräusche normalen Kauens sind ihm zuwider. Glücklicherwiese kommt er meistens nach dem Essen, denkt Herr Nipp.

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Filme

Neben der beliebigen Massenware der geschichtenlosen Blockbusterlangweiler findet er manchmal auch Filme, die ihn nachhaltig zum Denken anregen. Aber genau die will er heute nicht sehen.

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Klangteppich

Seit früh morgens sitzt er im Wohnzimmer, hat ein Buch vor sich und eine Brille auf der Nase. Er hat eine Scheibe von Aphex Twin aufgelegt, einem, so vermutet er jedenfalls, britschen Künstler, der in schon lange mit diesen seltsamen Rhythmen und Tönen begleitet. Keine CD, das ist klar, die wird es hier nur sehr selten zu hören geben, sondern eine Vniyl. Der Audiokünstler hat seine Songs auf drei Platten verteilt. Sehr großzügig, denn alle zwanzig Minuten muss der Zuhörer aufstehen und wenden, wenn er nicht dieses hochzarte Klack alle zwei Sekunden in Hintergrund haben möchten, weil die Nadel in ihrer Leerrille keinen anderen Klang findet. Gerade hat er ein Kapitel fast beendet, da ist die Scheibe auch schon wieder am Ende angekommen. Mit einem Freund streitet er oft und beharrlich über die Vor- und Nachteile von CDs, Schallplatten und Streaming. Das Wichtigste scheint Herrn Nipp dabei immer dieser ganz besondere Klang, dafür steht er gerne auf, alle paar Minuten, wenn es denn sein muss. Aber letztlich muss ihm der Tonträger oder -vermitteler der Situation angemessen sein, da ist sogar er pragmatisch. Diese Musik von Aphex Twin ist ihm mehr als Hintergrundrauschen, dafür ist sie auch meist zu komplex. Diese Musik hilft ihm dabei, Bilder zu den Texten, die er liest, zu erschaffen. Wald als Wort ist dann tasächlich ein Wald mit knackenden Ästen und all den Geräuschen, die es dort zu hören gibt, obwohl diese elektronische Musik doch so gar nichts damit zu tun hat. Wort und Klangteppich gemeinsam aber schaffen eine Atmosphäre, die er beim Lesen nicht missen möchte. Gleich wird er irgendwann auch die sechste Seite gehört haben, dann wird er das in weißen matten Karton gefasste Werk wieder an seinen Platz stellen, wird eine ganz andere Msuik zum Frühstück auswählen und sich einen heißen Kakao machen, der passt zu diesem frühen, kühlen und klaren Oktoberwetter.

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Zeit

Dass die Zeit relativ ist, weiß jeder. Dass Herr Nipp ständig über das Phänomen Zeit nachdenkt, sollte inzwischen jedem Leser hier bewusst geworden sein. Dass weiterhin dann auch der Raum eine wichtige Rolle spielt, ist zumindest ihm selbst bewusst. Jetzt jedenfalls sitzt er hier und ist wie zuvor ein Tor, wäre lieber der Thor. Die Momente kommen und gehen und er schafft es nicht, in den Gedankenstrom herein zu steigen, um einen dieser Eindrücke zu fassen und zu einem sinnvollen Ende zu bringen. Die Bilder rauschen vorbei, ohne Ziel natürlich. Zeit und Raum bedingen sich, soweit weiß er bescheid. Er hat es begriffen, aber kann nicht verstehen, was dahintersteckt. Die Konstruktion von beidem ist ihm auch nach Lesen einiger physikalischer Bücher fremd geblieben. Plötzlich steht er auf, weiß um die Gegenwart und ihr Bestehen auf Messers Schneide, denkt sich, dass glücklicherweise auch die restliche Menscheit mehrheitlich keine Ahnung hat, und geht raus. Die Luft hier ist gut.

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