Vergessen

Abends, wenn er vor dem Spiegel steht und sich die Zähne putzt, also kurz bevor er seine Knirschschiene einsetzt, etwas länger bevor er sich zu Bett begibt und vielleicht, aber das ist selten geworden, noch einige Seiten in einem Roman liest, den er noch nicht kennt, der ihn überraschen kann, mit einer neuen Geschichte etwa oder richtig guter Sprache, aber das kommt noch seltener als etwa früher vor, weil er in seinem Leben eben schon so viele Romane gelesen hat, die wirklich gut waren und natürlich noch mehr richtig schlechte, so dass er meistens schon nach 100 Seiten solche Bücher an die Seite legt und schnell vergisst oder zu vergessen trachtet, weil eben das Meiste doch in seinen Windungen irgendwie verhaftet bleibt, so nimmt er ein neues Buch, das ihn einsaugen kann, wie zuletzt im Roman “Trottel“ von Jan Faktor, dann überlegt er, was denn tagsüber wirklich wichtig war, was vielleicht auch erzählenswert erscheint und ihm kommen viele kleine Gelegenheiten und Begebenheiten, Erlebnisse und Beobachtungen in den Sinn, die er natürlich nicht aufschreibt, immer in der Anmaßung gedacht, er sei ja so klever wohl noch, das bis morgen früh nicht zu vergessen und er macht sich dann eben keine Notizen und am nächsten Morgen hat er höchstwahrscheinlich auch keine Zeit dafür, weil er in irgendeiner Zeitung liest und nebenebei auch noch seinen Deutschlandfunk hört und völlig vollgestopft mit wichtigen Informationen über das Vergehen der Zeit und Welt macht sich nun einmal niemand Notizen, das ist dann die spätere Ausrede, dass er alles das, was gestern noch so interessant und wichtig schien, letztlich im Vergessen verschwindet.

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Frau

Es ist schon ein Phänomen, denkt er, heute ist Welttag der Frau oder Weltfrauentag oder internationaler Tag der Frau oder einfach Frauentag. Es soll Länder geben, in denen dieser Tag gesetzlicher Feiertag ist. Seien wir ehrlich. Wenn Männer sich gebärden, als sei an allen anderen Tagen des Jahres Weltmännertag, dann muss ihnen zumindest einmal im Jahr ein Spiegel vorgehalten werden. Wenn es nach Herrn Nipp ginge, dann brauchte es keinen Welttag der Frau, weil beide Geschlechter und auch die vielen anderen Menschen, die sich keinem dieser beiden zuordnen mögen, sich gegenseitig respektieren würden. Solange aber die Männer so tun, als gehöre ihnen die Welt und alles, was sich darauf befindet, das heißt auch die Frauen und Kinder, ist dieser Tag wichtig. Da ist er letztlich humorlos.

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Manchmal immer

Und wenn er das Gesicht sieht oder den Gedanken an ihn in sich hat, dann kann er gar nicht anders als zu denken: „Ich hab ihn lieb.“ Woran das liegt, kann er gar nicht sagen, vielleicht liegt es daran, dass „ihn“ sein Sohn ist und dann geht es nicht anders und er muss weiter denken, den Gedankenstrom weiterfließen lassen und wieder kommt dieses verrückte Gefühl, das irgendwo als Kribbeln im Bauch entsteht und er weiß, es ist echt und richtig: „Ich hab dich lieb.“ Und auch das liegt bestimmt nicht nur daran, dass das der andere Sohn ist. Und auch in den Wochen, wenn er sie beide nicht sieht, hat er sie bei sich, immer. Und dieses Gefühl (eigentlich wollte der Autor hier „dieses warme Gefühl“ schreiben, aber weiß gar nicht, ob das in dieser überhitzten Gendersprachenzeit noch statthaft oder gar zu kitschig ist.).

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Herr Nipp genießt es keineswegs, einen Text, den er einmal geschrieben hat, zu überarbeiten. Das würde ihm niemals in den Sinn kommen. Er glaubt an seine Genialität, vor allem wenn es sich um Einkaufszettel handelt.

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Schreiben

Um zu schreiben, musst du erleben und ausprobieren und fühlen und scheitern und stolpern und siegen und schreiben und wegstreichen und übriglassen und ergänzen und vergessen und wissen und recherchieren und fragen und lesen und verzweifeln und noch weiter leben und dich nicht zurückziehen und Freunde treffen und hadern und viel lachen und im Wald spazieren gehen und im See tauchen und dich selbst überraschen und nichts daran glauben, was dir die anderen raten und Flaschen drehen und Flaschen leeren und hinterfragen (vor allem, was du selbst verfasst hast) und ersetzen und stauchen und neu zusammensetzen und abkürzen und vollstopfen und Rad fahren und irgendwo auf einer Bank in der Natur ( egal wo) sitzen bis es dunkel wird und in das Großstatdleben abtauchen und dich wundern können und blau und blau unterscheiden und nicht auf die eigenen Finger schauen beim Schreiben, sondern ihnen ihren Lauf lassen und Schmutz und Material unterscheiden können und überhaupt unterscheiden können und lernen, wie man echte Gespräche baut und alles kurz und klein hauen und dich genau darüber ärgern, weil du nun alles wieder zusammenfügen musst und endlich die stark riechende Lilie aus deiner Umgebung entfernen, weil sie dich sonst noch kirre macht und die Fische füttern, weil sie sicherlich schon wieder Hunger haben und manachmal in den Spiegel gucken und die Schallplatte herumdrehen, weil die Musik schon wieder aus ist und aufhören in der Nase zu popeln, du bist doch schließlich kein Mukovore und endlich diesen nervigen Splitter aus dem Finger entfernen und mal eben gucken, ob noch Holz im Ofen liegt und den Blick einfach mal schweifen lassen und nicht daran glauben, dass es Fehler gibt und alles alles als Material anerkennen, vielleicht wirst du es noch einmal brauchen und auf keinen Fall solltest du Texte wie diese lesen.

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