ganz anders

Ganz anders, ja, das weiß er natürlich, ganz anders als das Gegenüber, das alles Planbare plant und alles nicht Planbare eleminiert. Mit der Kunst des Ignorierens und Ausblendens. Herr Nipp schreibt viele Texte ohne Wissen gar. Ein Wort fordert das nächste ein und misst sich mit ihm, freundet sich an, bildet mit anderen Kolonnen, die Sinn ergeben, sich amüsieren oder ganz gehässig abstoßen und hinterher wundert er sich mamches Mal, dass dieser Text mal harmlos, auch mal ungeschlacht aus seiner Feder kommen soll.

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anders

Alles Andere, sagt der Freund bedächtih, wäre wahrscheinlich einfacher gewesen. Er könne jetzt auch am Schreibtisch sitzen und Pläne für Bauvorhaben zeichnen oder Gärten entwerfen. Oder Gutachten für Organisationen schreiben. Aber dann hätte er die Freiheit aufgegeben, Herr über das eigene Handeln zu sein. „Und das ist wichtiger als ein fettes Gehalt.“

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jahreslang

Es kommt die Zeit, und davon ist er fest überzeugt, da beginnt jeder Mensch nach und nach sich aufzugeben. Es gilt diesen Punkt soweit als möglich hinaus zu schieben.

Vor allem durch den Willen zu leben und die Neugier darauf..

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Waldregen

Das Schönste, denkt er in diesem Moment, ist es, hier mit den besten Freunden, die ich mir vorstellen kann, bei diesem Sommerstarkregen im Wald zu stehen und zu atmen. Und wenn wir uns dabei anschauen, dann lächeln alle beseelt.

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Textbaustein für einen Roman IV

Die meisten solcher Textfragmente entstehen quasi im Vorübergehen, in Situationen des Wartenmüssens. Das kann etwa an einer Bushaltestelle oder auf dem Bahnsteig sein, vielleicht aber auch manchmal früh am Morgen, wenn er mal wieder viel zu früh aufgewacht ist und es völlig sinnlos wäre, noch einmal ins Bett zu gehen. Dann schnappt er sich das schwarze Buch, das er sich vor einiger Zeit zugelegt hatte und beginnt. Notate seiner Beobachtungen, manchmal auch Befindlichkeiten, die allerdings nicht den Impetus eines Tagebucheintrages haben. Das wiederum hat er vor einigen Jahren so mir nichts, dir nichts aufgegeben. Tagebücher sind zu intim und legen die Vergangenheit zu sehr fest.
Irgendwann hatte einer seiner Dozenten, damals als er noch studierte, einmal davon erzählt, dass ein Professor der Germanistik mit anderen den Versuch gestartet hatte, aus ersten Sätzen von Romanen einen neuen Roman zu verfassen, ohne diese zu verändern. Vielleicht waren es auch erste Sätze einer Novelle, die zu einer neuen Novelle werden sollten. Wen wundert es, dieses Vorhaben war natürlich grandios gescheitert. Aber der Versuch zählte. Durch Aneignung und neue Kontextualisierung etwas wirklich Neues erschaffen. War das nicht das Prinzip unserer Kultur? Wir nehmen uns Bausteine unserer Vorgänger, setzen sie in einen neuen Zusammenhang und erschaffen. Hatten nicht die Barockkünstler schon mit ihren Vanitasstillleben ähnlich gearbeitet. Ja, die Renaissance war schon namentlich ohne die Antike nicht denkbar. Hatten nicht auch die Römer von den Griechen Elemente übernommen! Ohne kulturelle Aneignung kein Fortschritt. Besteht nicht unser gesamtes Leben aus Bruchstücken, die wir ständig neu ordnen müssen? Wir bewerten unsere eigene Vergangenheit täglich nach der neusten Erfahrung und konzipieren sie stetig um, erfinden sie wahrscheinlich zu unseren Gunsten oder, wenn es den nutzt zu unseren Ungunsten. Es soll ja Menschen geben, die aus ihrer schlimmen (erdachten oder schräg erlebten) Vergangenheit Kapital schlagen.
Herr Nipp fand zu jener Zeit schon allein die Idee zum ErsterSatzRoman ziemlich grandios und das zählte. Tatsächlich hatte er dann auch einige Seminare bei diesem Herrn besucht. Irgendwie anders, irgendwie inspirierend dieser Gelehrte, der so gerne Künstler gewesen wäre, es ohne zu wissen vielleicht mehr war als andere. Und so mag es der Leser vielleicht verstehen, dass der Gedanke entstehen kann, mal wird er irgendwann aus all den Stücken ein Ganzes konzipieren, man muss dann nur noch die Lücken füllen und ganz nebenbei einen Stoff finden, ein Thema, welches alles zusammenhalten kann.
Er hatte sich an diesem Tag unter das Vordach eines größeren Gebäudes geflüchtet, wie auch einige andere Leute und es sich auf der Treppe bequem gemacht, hatte sein Buch heraus geholt und begonnen zu schreiben:

„Als der große Regen, der sich seit Stunden in dieser drückenden Stauhitze angekündigt hatte, endlich kam, war er rechtzeitig unter dem eigenen Dach angekommen und sah mit Genugtuung, wie sich zügig erst größere, dann sehr große Pfützen auf der Straße bildeten. Heute würde er die vielen Töpfe mit Pflanzen, die er im Garten aufgestellt hatte, nicht mehr gießen müssen. Er setzte sich auf den schwarzen Ledersessel und schlief glücklich erschöpft über das regelmäßige Regengetrommel und Rauschen, das durch die geöffnete Terrassentür zu ihm hereindrang, selig ein. Regen mit seinem spontan entstehenden Duft gab ihm immer so etwas kindlich Wohliges, ganz entgegen der Sommerhitze, die ihm Energie klaute und Lebenskraft. Er wachte auf, fühlte er sich wieder stark und sehr motiviert, ging in die Küche und kochte sich einen Kaffee.“

Eine neben ihm sitzende Frau sprach ihn auf die Notizen an und er las ihr einfach vor, ohne sich über irgendwelche Auswirkungen bewusst zu sein. Ein Text verändert das Denken anderer Menschen, vielleicht zum Guten, wahrscheinlich aber eher im Kleinen. „Das ist ja ganz schön, aber finden sie es nicht seltsam, einfach eine ganz andere Situation zu beschreiben, als man gerade erlebt?“ „Im Gegenteil, ich nutze ja die Situation jetzt und schaffe daraus etwas Neues. Ob es wirklich diese Terrasse oder jenes Ledersofa gibt, ist völlig egal, ja selbst die Figur. Wen interessiert, ob die Töpfe wirklich gegossen werden müssen? Sie sind jetzt vorhanden. In Ihrem Kopf, oder sollen wie uns duzen?, existiert all das jetzt. Das Rauschen und die entstehenden Gerüche kennst du doch aus deiner Erfahrung oder jetzt zumindest wirst du darauf achten und vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben zu schätzen lernen.“ „Vielleicht sollte ich auch mal schreiben, genug Blödsinn spukt ja in meinem Kopf herum. Sollen wir gleich einen Kaffee trinken? Da drüben ist ein Cafè.“ Kurzentschlossen liefen beide los, durch das Geprassel und kamen durchnässt, aber glücklich an. Ein schöner Nachmittag.

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