Messer

Neben ihm auf dem Küchenschrank liegt eines dieser wunderschönen Messer von Zwilling mit schwarzem Griff, während er ein letztes Glas kaltes Leitungswasser trinkt. Ein unglaublich formschöner, biometrischer Griff und eine Klinge, die nichts anderes sein will, auf das Äußerste reduziert, massiv, lang, scharf und präzise. Er erwischt sich, wie es wäre, jetzt damit Gemüse zu schneiden. Einfach so. Um des Schneidens willen. Ja, er lässt es dann doch bleiben, auch weil es drei Uhr morgens ist und das Gemüse bis zum nächsten Tag geschnitten leidend auf seinen Einsatz warten müsste. Aber, denkt er, so muss ein Messer sein. Ich habe einfach Lust, damit zu arbeiten. Die Form inspiriert dazu.

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Workshopgeflüster

Jeder kennt solche Fortbildungen, die sich gerne auch Coaching nennen, die bei genauer Betrachtung aber letztlich nur teuer zu bezahlende Spielchenrunden sind. Meist nichts sagende Spiele, die mal hierhin, mal dorther abgewandelt werden. Nur der Naive sieht darin einen weiterführenden Inhalt, der das Leben verändern kann. Es hilft aber nichts, manchmal muss auch Herr Nipp durch diese Fortbildungshölle gehen und gute Miene zum belanglosen Spiel machen. Immerhin treten ganz selten auch mal innovative Trainer auf, dann besteht auch einmal die Chance, dass es zumindest Freude machen könnte. Dieser jedenfalls hat sich ausgedacht, die Delinquenten könnten doch Texte verfassen, eigene Texte und später sehr man dann schon, was damit zu machen sei. Zunächst ist die Gruppe von vier Leuten, die von den anderen sechzehn abgesondert worden ist, doch ziemlich gehemmt und zeigt eine gesteigerte Form der hilflosen Sprachlosigkeit, bis einer von ihnen um eine Hilfestellung bittet. Der Dozent spielt eine treibende Musik „Pili Pili“ von Jasper Van`t Hof ab. „Nehmt folgende Worte als Textanfang: Ich liebe es, wenn … Ja, wenn euch nichts dazu einfällt, dann müsst ihr diese Worte einfach immer wieder wiederholen. Wichtig ist, dass ich die ganzte Zeit schreibt.“ Vier Minuten haben sie nun Zeit, sich irgendetwas dazu einfallen zu lassen und jedem ist jetzt plötzlich klar, dass es ziemlich peinlich wäre, immer wieder die gleichen Worte zu schreiben. Also jetzt mal ernsthaft arbeiten scheint er auf den Gesichtern der Partner zu lesen. Er beginnt und ist ganz schnell drin. Vier Minuten schreiben, das sollte doch zu machen sein.

Ich liebe es, wenn ich nachts draußen sitze, der Mond über mir aufgeht und die Kälte langsam unter die Kleidung kriecht. Wenn der Dachs da vor mnir laut knackend die Maiskörner der Kirrung frisst. Icxh liebe es, wenn die Nachbarskatze miauend und vokalisierend herein kommt, kurz schaut, ob der Ofen auch wirklich an ist und sich nach einer peniblen Katzenwäsche daneben legt, um einige Stunden dort zu schlafen. Ich liebe es, wenn sich eine Vinyl auf dem Plattenteller dreht und die in das Schwarz gepressten Töne in den Raum entlässt.

„Stopp!“

Später tragen sie die Texte, auswendig gelernt mit ruhiger Stimme in einem ebenso schmalen wie dunklen Gang den vorbeigehenden anderen Kursteilnehmern vor und am Ende des Seminars wird Herrn Nipp eine Teilnehmerin ins Ohr flüstern, sie habe noch niemals einen solch poetischen Texten im Dunkeln gehört, während sie einem fremden Mann so ganz und gar nah gewesen sei. Auf der Heimfahrt erst versteht Herr Nipp und lächelt amüsiert.

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Wasserfall

Neben sich die Unterhaltung zwischen zwei Frauen. Nein, falsch. Die eine monologisiert ohne Punkt und Komma. Einwürfe zwischendurch der anderen Dame werden übergangen. Die Situation erscheint ihm wie das weiße Rauschen. Herr Nipp nickt ein. Ein Wasserfall ist besser als jede Schlaftablette.

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zu klein, zu dick

Selten nur kommt es vor, dass er richtig sauer wird, heute aber könnte Herr Nipp die Haare raufen, wenn er denn welche hätte. Nichts passt, die Tastenfelder sind zu klein, seine sauerländer Wurstfinger zu dick. Entnervt gibt er auf, er wird abends zu Hause einen Brief schreiben. Mit Füller und Tinte auf Papier.

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Pausen oder Warten

Zunächst sind die Gesichter noch heiter, aber die Zeit zeigt Wirkung. Nach anderthalb Stunden intensiver Wartezeit geht dann auch der letzte Mundwinkel nach unten. Herr Nipp sitzt also mal wieder beim Arzt, Standarduntersuchung, also nix besonderes. Nein, natürlich hat er keine Angst, wozu auch, was sollte denn schon sein, er kann sich einfach nicht vorstellen, dass da etwas wäre – oder doch? Die erste halbe Stunde ist er durchaus amüsiert, kann ja nicht mehr so lange dauern. Die zweite halbe Stunde beschäftigt er sich mit seinem Handy, bis dieses einen sehr geringen Akkustand anzeigt. 4%. Eine dritte halbe Stunde zieht sich in die Länge, auch weil das Gespräch mit der Sitznachbarin nicht so text in Schwung kommt. Kurz vor Ende der zweiten vollen Stunde wird er endlich aufgerufen und zu einem Raum gebracht, in dem er dann eine weitere halbe Stunde ganz allein sitzen darf. Der Arzt lässt auf sich warten. Inzwischen hat er Nipp keine Egalhaltung mehr, fragt sich, ob bei ihm wohl etwas sein könnte, welche Untersuchungen wohl anstehen. Die Tür geht auf. Eine Helferin kommt herein. „Ja, das tut mir wirklich leid, aber da ist ein schwerer Fall dazwischen gekommen. Wollen Sie noch warten – es wird wohl noch einige Zeit dauern – oder vielleicht zu einem späteren Termin wiederkommen?“ Er muss nicht länger nachdenken und geht.

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