Erdnüsse

Auf dem Tisch steht rechterhand eine Schale, gefüllt mit extragroßen Erdnüssen in der Schale. Herr Nipp sinniert. Nicht kaputtgeröstet, sondern genau den richtigen Zeitpunkt haben die Röster abgepasst, natürlich zwecks einer optimalen Entwicklung des vollen Aromas. Es gibt auch die Billigerdnüsse, die ob ihres Geschmacks und ihrer Erscheinung kaum erträglich sind, sie munden, riechen einfach nicht gut. Auch optisch bleiben sie weit hinter dem gewünschten Optimum zurück. Sobald der Genießer, der versehentlich in einem schlecht sortierten Supermarkt eine solche Tüte zu 99 Cent für 400 Gramm erwischt hat, die Hülse öffnet, schlägt ihm eine Wolke des Geruchs zu heiß und zu lang gerösteten Erdnussfetts entgegen. Dann wird er den Rest ganz schnell beseite schieben, vielleicht voll schlechten Gewissens im Vogelhäuschen oder im Futterkasten für die Eichhörnchen entsorgen. Er wird, wenn noch kein Ladenschluss abzusehen ist, noch innerhalb der gleichen Stunde zum Gemüse- oder Feinkosthändler seines Vertrauens herübergehen und eine ordentliche, vielleicht wieder einmal zu große Portion der unterirdisch reifenden Hülsenfrüchte erwerben. Diese Nüsse aber, die kann er genießen, ohne Ende. Schlimm ist nur das Wissen, dass jede dieser Nüsse sich unweigerlich rund um die Hüften anlagern wird, fein verteiltes Fettpolster.

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Jon

Es erscheint ihm in mehrfacher Hinsicht intelligent, sein Kind Jon zu nennen. Das J kann genausogut als I gelten, das Lateinische unterscheidet nicht. Es wird so ausgesprochen, leicht verschliffen, dann hätte dieser kurze einsilbige Name gleichzeitig auch zweisilbig seine Existenz. Ein Spiel also mit Zahlen, das in ihm angelegt ist, eins und zwei, aber  auch römisch I und o im Verhältnis zu n. Wie ist das zu verstehen? Gleichzeitig ein Spiel mit Bedeutungen, kommt Jon/Ion doch aus verschiedenen Kulturen, verschiedenen Ecken des kulturellen Lebens. Jon ist mit Johannes verwandt, dessen Kurzform, eine der vielen, neben Jo, John, Johann und Hannes, Hennes und Hans, wer weiß, welche Namen sich noch alle von diesem Ursprung ableiten, welche mit ihm verschwistert (die weiblichen Formen hier nicht benannt) und verbrüdert sind. Johannes, einst im alten Isreal der Verkünder des kommenden Messias und gleichzeitig geliebter Freund eben dessen, aber ein anderer als erster. Nicht zu vergessen jener griechisch gebildete Evangelist, auch jener Schreiber einer der vielen Apokalypsen. Verschiedene Figuren, mit denen man sich identifizieren könnte, an die Dichter und Erfinder nicht zu denken. Gleichzeitig ist das Ion der Physik oder physikalischen Chemie entnommen, ohne dieses wären unsere salzigen und basischen Verbindungen nicht denkbar, damit auch das Leben nicht, wessen wir frönen. Jon, dieses Pardoxon an Namen steckt in jedem von uns, denkt Herr Nipp.

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Weiß

unglaublich leicht
dass es alle Farben enthält
dass es alles bleicht
als eigner Charakter gefällt

du hellst alles auf
machst vieles dichter
gibst dich dann ganz auf
zugunsten der Lichter

es ist absolut
auch keine Farbe
doch kann man es sehen
die Höhung der Narbe

ich will nicht gefallen
bin einfach da
im klaren Wissen
eigener Macht

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Kunstgenuss

Der Weg war an sich sicherlich nicht ungebedingt einer der interessantesten, asphaltiert, vorausschaubare Biegung. Aber die Landschaft drumherum konnte ihn immer wieder begeistern. Seit vor einigen Jahren diese immer wieder debattierte Renaturierung der kleinen Flüsse eingesetzte hatte, gefiel dieser Weg. Überall wucherte die Natur endlich wieder, ließ einige Flecken von Kiesstrand frei, auf denen die Kinder Kinder sein durften, mit Steinen spielten und Dreckklümpchen lustvoll zerdrückten, Hunde gerne herumtollten und ganz nebenbei ihre Notdurft verrichteten. Vorbei an einigen Kunstwerken, die sich ganz harmonisch in die Landschaft einfügten,  Die allgemeine Entwicklung abbildeten, denn man hatte beschlossen, Plastikstelen, die normalerweise als Anzeiger von unterirdischen Gas- oder Stromleitungen dienten, als naturgegeben hinzunehmen. Quasi als Kommentar darauf, dass sich auch in den fließenden Gewässern an allen möglichen und unmöglichen Stellen Plastiktüten und seltsam verformte andere Polimerteile verfingen. So konnte man in Trockenzeiten solche Wasserstandsanzeiger schließlich wie lustig winkende Fähnchen in allen Bäumen finden, die sich auf kleinen Inselchen inmitten der Fluten befanden. Als freundlichen hinweis auf die Frühlings- und Herbstüberschwemmungen, die es unmöglich machten, diesen Weg zu benutzen. Diese Kunst, und hier sind eben nicht die Flutreste in den Bäumen gemeint, die das Intellektuelle behauptete, ohne es jedoch auch nur im entferntesten einzuhalten, hatte genau in dem Moment nur noch wenig Spielerisches oder gar Ironisches, wenn ein Radfahrer einem freilaufenden Hund, der doch nur spielen wollte, ausweichen musste und in solchen Stelenkaskaden hängen blieb, aber das wäre sicherlich auch in einem Baum nicht besonders schön. Und was sollte es, dass man am Flussufer auch noch durchbohrtes Altholz zu Stapeln aufgehäuft hatte? Ja klar, durch die Löcher konnte man sich Ausschnitte der Landschaft anschauen. Besser gesagt, hätte man können, hätte man sich anschauen können, wenn nicht in regelmäßigen Abständen, das heißt vor allem nach durchtrunkenen Wochenenden, ebenjene Trinker ihre leeren Flaschen und die Überreste der Junkfoodexzesse dort zielsicher und vor allem fest hineingestopft hätten. Tatsächlich bildete sich so ein unerwartet natürlicher Anblick, der uns seit Jahrzehnten an allen Flüssen dieser Republik begeistert, ja geradezu euphorisiert und immer wieder zu romantisierenden Bemerkungen wie „Saustall“ hinreißen ließ, dieses Wort eine fast sehnsüchtige Hinwendung zur Landwirtschaft. Hier bildete sich eine Einheit von Kunst und Müll, wie man sie in jeder mittelmäßigen Galerie für viel, für sehr viel Geld erwerben konnte. Hier zeigte sich also an den Ufern der noch jungen Ruhr, dass die Menschen des Sauerlandes sehr wohl etwas von der Kunst verstanden, die Trinker verschafften einfachen Objekten den beuysschen Nimbus der Sozialplastik.

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Ruhe finden

Wo andere zu lesen
suchen
Wo andere zu hören
neigen
Wo andere zu finden
trachten

abschalten
Ruhe finden

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