Kontrast

Eigentlich denkt er, sollte ein Baum doch vor einem weiß verhangenen Himmel besonders stark hervortreten, der Kontrast zwischen schwarz und weiß ist schließlich der stärkste Hell-Dunkel-Kontrast, den es gibt. An diesem Tag aber hat er einen blätterlosen Baum vor strahlend blauem Himmel fotografiert. Er ist überrascht, wie gut dieser Kontrast funktioniert. Nicht der Helligkeitsunterschied ist entscheidend, denkt er, sondern die ästhetische Qualität, die sich aus dem Zwischenspiel von schwarz und blau ergibt. Glücklicherweise gibt es keine solche Koalition, kommt es ihm in den Sinn.

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Molch

Als sie im Garten eine Mauer bauen, wird ein Bergmolchweibchen entdeckt. Herr Nipp nimmt es vorsichtig in die Hand und setzt das träge Tier mit dem Schwanz voran in den Teich, so dass der Kopf aus dem Wasser ragt. Nach einiger Zeit, hat sich das recht ausgetrocknete Wesen von selbst ganz ins Wasser begeben und nur eine Stunde später bewerben sich drei blauschwarze Männchen mit schwarz gelbem Rückenstrich und rotem Bauch um die Dame. “ Die hält sich einen ganzen Hatem“, meint die Hausmitbewohnerin lakonisch.

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Tattoo

Dieser Tage hat sich Herr Nipp bei der Gartenarbeit versehentlich einen Schnitt im Arm zugefügt. Nicht wegen der falschen Anwendung eines Werkzeuges, sondern aufgrund einer Scherbe, die eine in den Vorgarten geworfene Flasche dort positioniert hatte, musste er sich also versorgen. Da das Blut dunkelrot lief, hatte er jetzt keine Angst, nur eine Vene, ging in aller Ruhe ins Badezimmer, holte den Verbandskasten aus dem Schrank, linke Seite hinter dem vierteiligen Spiegel bewahrt er alles auf, was er für etwaige Verletzungen oder Blasen oder was auch immer gebraucht. Neben Verbandszeug auch sterile Pflaster, Desinfektionsspray, Pinzette, Schere und was eben so alles benötigt wird. Selbst ein Verhitzungsgerät gegen Insektenstiche jeglicher Art, eine Zeckenkarte und ein Einmalrasierer finden sich dort. Man kann sich ja kaum vorstellen, was so alles bei der Gartenarbeit oder im Wald passieren kann. Und Insektenstiche hatte er im vergangenen Jahr zuhauf. Beim Untersuchen der Wunde am rechten Arm, ob sich dort irgendwelcher Schmutz in die aufgeritzte Haut geschoben hat, oder andere Fremdkörper wie etwa Splitter dort verblieben sind fällt ihm etwas anderes auf, das er fast völlig vergessen, man kann sagen, aktiv verdrängt hatte. Insgesamt fünf blaue Punkte bilden zwischen den zwei deutlich heraustretenden Sehnen des Unterarms ein winziges Kreuz. Als Kind hatte er mithilfe einer Stecknadel und Wasserfarbe aus Unglauben, dass das Konsequenzen für das gesamte Leben haben könne, ein Kreuz gestochen. Sozusagen die einfachste Form des Tattoos überhaupt. Auch nach fast fünfzig Jahren scheint sich das Bild erhalten zu haben. Darum prüfe, denkt er bei sich, was man sich in die Haut stechen lasse.

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Märchenerzählerin

Mit riesigen Augen erzählt die ihm völlig unbekannte Frau einer ganzen Bande von Kindern ihre Märchen. Völlig gebannt schauen und hören die Kinder, die vielleicht nächstes Jahr nicht mehr so da sitzen würden, zu. Sie erzählt ohne Buch und manchmal baut sie offenbar Dinge ein, die ihr bei den Kindern auffallen. Sie zeigt auch immer irgendwelche Gegenstände, die mit den Märchen zu tun haben. Eine Flasche, in der angeblich die Träume einer Prinzessin sind, eine Kiste mit den gläsernen Tränen einer anderen Königstochter. Wer weiß schon, was davon wahr ist, denkt Herr Nipp, er würde gerne daran glauben.

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Holzstapel

Viewiele Jahre hatte er echte Probleme damit, gute Holzstapel zu stapeln, immer wieder waren sie dank der Schrumpfungsprozesse während des Trockenens in sich zusammengebrochen. Erst als er sich ernsthafte Gedanken über flexible Statik gemacht hatte, wurden die Ergebnisse besser. Wie müssen Stapel gespaltenen Holzes, deren Stücke meist nicht viel länger als 35 Zentimeter sind, in verschiedenen Situationen geschichtet werden, damit die keine so großen Lücken und damit Unstabilitäten entstehen lassen? Herr Nipp hat anhand alter Architekturen gelernt, hat sich Strategien abgeschaut und irgendwann begriffen, dass Verbindungen geschaffen werden müssen, die nicht starr sind, dass Brücken immer flexibel sein müssen. Seit einigen Jahren sind ihm inzwischen keine Stapel mehr einfach so umgekippt oder ineinander gebrochen. Selbst freistehendes Holz in dieser Größer bleibt stabil. Besonders geeignet scheint ihm in diesem Fall die Rotunde, die auch die frühen , angeblich ach so primitiven Kulturen verwendet haben und immer noch verwenden. Ein Prinzip, das man sich auch von Bienen, Wespen und Hummeln abschauen könnte. Stapel in den Hütten sollten wiederum die Lagen, die Schichtungen in der Richtung wechseln lassen. Grundsätzlich sollten Holzstapel allerdings niemals höher als 2 Meter gebaut werden, weil sie sonst unhandlich werden. Der Erbauer sollte auf jeden Fall ohne Tritthilfe an jedes Stück bequem herankommen. Solche Gedanken beschäftigen ihn, während er die jüngste Fuhre Erlen- und Eichenholz hackt. Stück für Stück, nicht daran denkend, dass er irgendwann fertig werden will und muss, immer in Konzentration auf das Stück, das er gerade sozusagen lesend auf den Hauklotz stellt. Ausrichten, indem er schaut, wo schon feinste Risse zu sehen sind, wo eventuell Äste das Spalten verhindern könnten. Genau wie beim Stapeln heißt es zu antizipieren und nicht drauf los zu arbeiten. Vorteile an dieser Arbeit: Sie zeigt echte greifbare Ergebnisse, stärkt die Konstitution und macht ab und bis zu einem gewissen Punkt auch noch richtig Spaß. Er kann sich beim Hacken wie beim Stapeln über alles Mögliche Gedanken machen, ist an der frischen Luft und weiß, dass in zwei drei Jahren die Bude warm wird. Das Beste aber ist, das Beides ein gewisses Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt.

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