Eintopf

Wenn das Feuer den Kamin zum Knacken bringt, weil sich durch die Wärme und folgende Hitze das Metall ausdehnt, an jeder Stelle zu einer etwas anderen Zeit, wenn die Hose langsam heiß wird, weil er davor steht und von Minute zu Minute einige Zentimeter nach vorne gehen muss, um einen Wohlfühlzustand zu erreichen und der ist bei Eichenholz in größerer Entfernung als bei Pappel, wenn die Finger ihre Taubheit verlieren, die über eine Stunde anhielt, wenn die Sachen dann gepackt liegen bleiben, weil er nicht mehr nach draußen gehen will, dann weiß er, dass es wirklich Winter ist. Weiß, kalt und in der Früh noch dunkel, lange dunkel. Dann bleibt der Kühlschrank eben leer. Was bleibt, ist das Aufbrauchen der letzten Gemüse, die eingelagert waren. So schneidet er eine Pastinake, einige Kartoffeln, eine Lauchstange, einige Rosenköhlchen, eine Knoblauchzehe, einige Möhren und eine Rotebeeteknolle in gleichmäßig große Stückchen klein und schmeckt mit Gemüsebrühe ab. Einfaches Essen für kalte Tage. Eintopf. Ach ja, wie immer nicht zu vergessen, jene Prise Curry und einige Löffel Kokoscreme. So schmeckt es unerwartet gut. Auf dem Teller dann noch eine nette Drappierung mit den letzten Kressesprossen, Pinienkernen und einigen Streifen des spanischen Käses, der er geschenkt bekommen hatte.

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Konjunktiv

Wäre ich froh zu wissen
an diesen Tagen
ja, dann wäre ich froh zu wissen
wo ein Anfang je gemacht werden könnte
wo zu suchen ist
wie die richtigen Fragen zu stellen sind
ganz zu schweigen von Antworten
jetzt wäre ich froh zu wissen,

wo genau ich stehe.

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Fäustling

Einer multiplen Persönlichkeit wohnen zuweilen mehr als zwei Seelen „Ach!“ in ihrer Brust.

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Garten

Ganz zufrieden nach Hause gefahren war er abends. Mit Blick über die vom Sonneruntergang beleuchtete Landschaft. Die Bäume hatten sich gestaffelt erhoben und durch die Geschwindigkeit verschoben, als gäbe es keine Übergänge. Solide Landschaftsmonolithen. Immer wenn die Sonne untergeht und hinter den Objekten steht muss das so sein, denkt Herr Nipp, das hat irgendetwas mit dem Licht und der Farbwahrnehmung zu tun. Er wird es sich demnächst auf jeden Fall einmal durchlesen. Dann nämlich, wenn er sich durch die völlig blödsinnigen Gartenratgeber gelesen hat, die ihm wirklich nicht weiterhelfen werden. Schon allein daher, weil diese meist von Ordnungsprinzipien ausgehen, denen er nicht folgen kann. Von Reihen und Abständen, von freiem Boden, der ständig gewässert werden muss. Dort fand er auch die Bezeichnung Unkraut wieder, die wirklich unsachlich war, wurden durch dieses Wort doch gerade Kräuter bezeichnet. Nachher hatte er mit einer guten Freundin im Garten gesessen, die laue Luft genossen, den Fledermäusen zugesehen und sich darüber gewundert, dass es so leise war. Über Alles oder als Floskel über Gott und die Welt hatten sie sich unterhalten. Über Politik auch, über den Garten an sich natürlich, man saß dort ja schließlich, diese wilde Vielfalt, die sich in den letzten vier Jahren entwickelt hatte – aus einem gehegten und gepflegten und teils totgespritzten Grünbetonghetto. Über den sehr speziellen Geruch der blühenden Pflanzen. Die eingefügten Mauern und Hochbeete, das Wachsenlassen, ohne dass der Boden zu sehen war. Die kleinen Tiere, die sich inzwischen angesiedelt hatten, den Beobachtungen, die er immer wieder gemacht hatte. Über die Entdeckungen, die ihn jeden Tag überraschen konnten. Den ständigen Wechsel von Blattfarben und Formen, das Nebeneinander von Gemüse und Kräutern. Unkräuter sah er nicht. Die Obstbäume, in denen die Läuse noch leben durften, um von Vögeln und anderen Insekten gefressen zu werden. Da konnten die Ameisen schützen wie wollte. Das große Problem, welches andere Hobbygärtner darin sahen, wenn Rosen nicht gespritzt werden, wurde eingehend und mit viel Gelächter kommentiert. Wirklich großes Problem, wogegen eigentlich musste unbedingt gespritzt werden? Seine Rosen jedenfalls blühten prächtig. Nur die hochgezüchtete dahinten in der Ecke hatte damit zu kämpfen, dass sie sich ihren Raum selbst erobern musste. Doch auch die würde sich irgendwann mit der Situation arrangieren. Ihm war es immer, als verstünden die Pflanzen sehr schnell, dass das Prinzip dieses Gartens ein Mit- und Nebeneinander ist. Das einzige echte Problem hatte er im Bereich des Bürgersteigs ausgemacht, weil dort die Passanten regelmäßig jene bunten Blumen pflückten, die von den Hunden der Nachbarn, die regelmäßig mit Bunsenbrennern und Salzlohe gegen das üble Grün zwischen den Betonplatten vorgingen,  immer großzügig gedüngt wurden.

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aufwachen

Er dreht sich noch einmal herum, das passiert nicht oft. Durch das Fenster dringen die frühmorgendlichen Laute, einige streitende Amseln, die Stadtdohlen, die sich liebevoll um ihren Nachwuchs kümmern und natürlich, wie übrigens fast jeden Donnerstag, es sei denn, es ist einer dieser Feiertage, die wirklich eine Pause ins alltägliche Einerlei bringen, die Straßenkehrmaschine, die beharrlich ihre Runden dreht, links und rechts. Da allerdings meistens alle Straßenränder zugeparkt sind, nur die Straßenmitte, mal von oben, dann von unten. Der Morgenhimmel ist grau. Diese Feststellung muss er machen. Gerade dann, wenn man es gewohnt ist, von Sonnenstrahlen geweckt zu werden, fällt dieses wohlige Grau besonders auf. Herr Nipp liebt das Grau, zieht es dem Blau des Himmels, sogar den Blütenfarben vor, die doch meist irgendwelche Rotbestandteile aufweisen. Selten mal, dass eine völlig weiß ist, völlig gelb oder gar blau. Grau ist seine Farbe, denn der Kontrast zu allen anderen Farben ist der schönste. Ein kühler Windhauch dringt durch das gekippte Fenster bis zu ihm durch. Berührt sanft streichelnd das Gesicht. Glücklicherweise bildet die gesamte Oberdecke einen geschlossenen Kokon um ihn herum. Wärmeblase. Er dreht sich ein weiteres Mal, sieht auf die Uhr und muss feststellen, dass es schon sechs ist. Wirklich Zeit zum Aufstehen. Leider bricht jetzt auch teilweise die Sonne durch die ansonsten geschlossene Wolkendecke, malt alle Textilien besonders aus. Er steht auf. Mit einem beherzten Sprung aus dem Liegen in den Stand. In der Küche stehen schon Kaffeekocher und Dose bereit. Er schmeißt seine Medikamente ein, spült sie mit zwei Gläsern Wasser herunter. Und genau jetzt fällt ihm ein, was er heute Nacht geträumt hat. Es war das Aufwachen, der Himmel war grau, die Vögel zwitscherten und die Kehrmaschine fuhr…

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