Schreiben, geschrieben haben, schreiben werden

Wie wundervoll es ist, ganz unvermutet zu entdecken, abends kurz vor dem Schlafengehen, dass diese ungetümen Buchstabenkolonnen immer da sind, sie nur einen Anstoß gebrachen, um sich in Bewegung zu setzen. Und sobald das erste Wort geschrieben, sobald der erste Satz, der erste Abschnitt beendet ist, wird das nächste Wort und ganz ohne sein Zutun sich hinzubegeben, eine neue Kolonne in Bewegung setzen, weil alles so logisch scheint vielleicht und das erste Wort schon lang vergessen ist. Eine Jonglage mit dreihunderttausend Bällen, die eigentlich nur scheitern könnte, wird sich in der Schwerelosigkeit seiner Gedanken als leichtes Spiel entpuppen. Es war der Stein, der ins Wasser geworfen versank und eben doch Wirkung zeigte, unverhoffte, weil das Fass zum Kippen gebracht oder es leck geschlagen wurde. Dann pulsieren die Möglichkeiten und lassen Bilder tanzen, aufglimmen und ganz plötzlich erlöschen, als seien sie nie dagewesen, dabei waren sie doch eben noch so klar. Wie die alte Streubrause, die dir früher als du noch Kind warst dieses ganz besondere Gefühl im Mund gab und den unvergesslichen Geschmack von Himbeeren, Sommer in den Bergen oder im Freibad. Diese kindliche Leichtigkeit, trotz aller Bedeutungsschwere, können die Wörter haben, sie erheben dich in selige Gefilde oder reißen, zerren an deinen Lenden, dass du fast schwachsinnig vor Lust wirst, wenn du dir vorstellst, mit welchen Fügungen die nächste Bettszene denn wohl drastisch beschreiben kannst und trotzdem gefühlvoll und dann alles wieder löschst.

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Alltag

selbst geschaffene Kriegsschauplätze
arrangierte Treffen
vielleicht auf der Toilette
in den Zwischengängen einer Einkaufsmeile

Das fraglose Zucken der Reklametafeln
Schnittfolgemuster
unterwegs ohne Halten
ich muss ich muss ich muss

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Warten – erwarten – eher warten

Ein dumpfes Warten , denkt er, ist reine Zeitverschwendung. Dieses Dasitzen und letztlich darauf zu vertrauen, dass es passiert, etwas passieren muss, sich in Passivität zu versetzen und damit zum selbst erwählten Leidenden zu werden. Ein dumpfes Warten also kann für ihn nicht gemacht sein, auch wenn er wahrscheinlich schon so viele Monate eines Lebens eben nur damit verbracht hat. Er nutzt die Wartezeiten lieber, füllt sie bis zum Rand, ohne jegliche Mühe, ohne Stress und plötzlich erscheinen sie ihm sinngefüllt. War die Küche nicht noch aufzuräumen und vor allem, liegen da im Arbeitszimmer nicht alle Unterlagen durcheinander? Er wird in den paar Minuten natürlich auch weiterhin die Wäsche aufhängen, die im Keller die Waschmaschine belegt. Und die trockene Wäsche kann gefaltet und in den Schrank verfrachtet werden. Das Kissen des Hundes wird unter dem Sofa verstaut und mit dem Staubsauger reinigt er das Treppenhaus. So gesehen sind Wartezeiten wirklich gute Haushaltszeiten. Außerdem sieht die Wohnung jetzt viel besser aus. Tatsächlich hat er nach getaner Arbeit immer noch Zeit, denn die Frau, welche ihn abholen wollte, wird sich letztlich um über eine dreiviertel Stunde verspäten. Das war eingeplant. Von ihm andererseits nicht anders zu erwarten, so ging das früher schon. Er sitzt derweil gemütlich in seinem roten Ohrensessel und liest in dem neuen Buch, welches er sich vom nächtlichen Büchertrödelmarkt in der Innenstadt mitgebracht hatte. Sie aber ist im Stress. Völlig hocherröteter Kopf. „Tschuldige, ging nicht früher, ist noch was dazwischen gekommen. Ich musste noch die Wäsche aufhängen und die Küche sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“

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Sie

– Und dann fragt sie, warum er nur so schreiben könne, warum die Unverschämtheiten, die Frechheiten – und sie verstehe nicht, was gemeint ist. Worum eigentlich gehe es ihm?
„Die Wörter fließen unreflektiert auf das Papier, ergeben einander, fordern sich gegenseitig. Keine Antwort kann ich geben, vor allem aber will ich dir nicht sagen, was ich mir dabei denke, denn beides muss nicht immer zusammenhängen.“ –
Herr Nipp liegt auf dem Bett, liest die gerade geschriebenen Zeilen, den Anfang eines möglichen Romans, den er letztlich nur für sich selber geschrieben haben wird, nur um sich nicht zu langweilen, nur um sich zu beweisen, dass auch er in er Lage ist, ein zusammenhängendes Werk zu verfassen. Wichtig ist doch nur eines, zu wissen, man ist da, man kann sich bestätigen, zumindest für eine gewisse Zeit, könnte er dabei denken. Die Zeit also weiß um ihn, für wenige Momente. Das gibt seinem Leben einen kleinen Sinn. Letztlich sich darauf verlassen könnend, sie wird da sein.

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Nicht

Nicht nach Venedig kommen
nicht hier bleiben werden
nicht gleich sein
und das Wort als Gegenteil begreifen
als mögliches Bald

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