Leerübungen

Im Bett liegen, intellektuelle Leerübungen
es soll nichts herauskommen dabei
Reiz, der Gedanke an sich
wie meist das Spiel
Metaebene
Regelwerke hinterfragen
Möglichkeiten denken
muskuläre Leerübungen üben
Strukturen entdecken
natürlich erwartbar
eines inneren Zusammenhalts

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Birkenwald (1993)

Winter

Schwarzweißwald
kein Schnee
kalt Forst

Geräusche entfernt

Knacken
Rascheln
im Birkenwald

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Praktikumsbericht Teil 2

Das große Feuer der dreigeteilten Esse hat inzwischen die richtige Hitze. Der Schmied musste natürlich noch einmal alles richten. Er ist Rechtshänder und arbeitet anders als Herr Nipp. Auch der Amboss wurde in eine andere Position gebracht. Vor solch strotzender Kraft bleibt auch ein Schwergewicht wie dieses Stahl-Werkzeug nicht stehen, sondern weicht dorthin aus, wohin es soll. Fertig. Herr Nipp hat sich inzwischen einige glühende Kohlen in die kleinere Feuerstelle geschaufelt und wird dort üben, wie mal Stahl rollt, um Blüten oder Pflanzstäbe daraus herzustellen. „Mehr Kohlen rein, das Feuer darf nicht unter der Kante sein. Du muss das Feuer pflegen.“ Nach und nach hat der Schmied ihm in den letzten Wochen einige Techniken der Schmiedekunst beigebracht, die nun immer wieder mal geübt werden, Übung macht den Meister. Und echte Meister sollen bescheiden sein, sie bezeichnen sich selber nicht als Schmiede, sondern üben sich lediglich in Bescheidenheit; sie seien „ein Stück davon“. Das sagt sich so leicht, dabei ist es wirklich schwer und schwierig. Die Schläge müssen sitzen, alle Orte des Amboss´müssen genutzt werden und dann auch die Locheisen, auf denen das gerollte Metall später ausgetrieben wird, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.  „An den Rändern flacher und mehr Leben.“ Kurze Kommentare von der Seite, während der Schmied ganz in seine Arbeit vertieft scheint. “ Halt mal den Takt.“ Er muss diesen Auftrag fertig kriegen. Große geschmiedete Bänder für riesige Bogentore eines gerade in Restauration befindlichen Bauernhofes. Der Wechsel bei ihm zwischen Feuer, Amboss und Gesenkhammer wie ein rhythmisierter Tanz. Geschicklichkeit, das richtige Auge, fließende Bewegungen. Pure Kraft und feinfühliger Hammerschlag, Hingabe und Schweiß. Und trotzdem beobachtet er seine Umgebung, sieht alles und wenn etwas schief läuft bei den anderen ist er da. Kritisiert, hilft, findet die Lösung.
Zwei Stunden später hat auch Herr Nipp seinen Pullover ausgezogen, steht im T-Shirt an der Esse und hat das gute Gefühl, dass seine Klamotten nass sind. Er dampft. Es ist gut zu wissen, was der Körper alles kann, wenn er nur muss.
Nur an der Farbe des Werkstücks, den sprühenden Funken erkennt der Schmied, das etwas nicht stimmt. „Das ist verbrannt.“ Stimmt. Mist. Herr Nipp flucht und ärgert sich, dass er so unaufmerksam war. Nur wenige Sekunden zu lange in der Glut und schon ist eine Stelle verdorben. „Leg mal den Hammer weg. Wir machen Pause. Pausen sind wichtig.“ Darüber scheinen auch die anderen einig zu sein. Wer keine Pausen macht, kann sich nicht konzentrieren. Wer sich nicht konzentriert, macht schlechte Arbeit. Also ein weiterer Kaffee, eine weitere Zigarette und eine ordentliche Knifte mit Käse. Vor allem aber eine freundliche Atmosphäre. Nicht gerade heititei, sondern klare Worte. Für leeres Geschwurbel sind die Leute nicht.

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Praktikumsbericht Teil 1

Im Radio läuft halbwegs erträgliche Musik als er in die Werkstatt kommt. Wie fast jeden Tag in den letzten Monaten hat es ihn in diese Werkstatt verschlagen, wo er Eisen in allen Ausprägungen bearbeitet, wo gebogen und geschmiedet, geschweißt und gebohrt wird, wo alles angestellt wird, nur um die Kunden glücklich zu machen oder zumindest in Teilen zufrieden, denn zu meckern hat jeder etwas. Und sei es nur, um irgendwie zu versuchen, den Preis zu drücken. „Haste eigentlich mal wieder eine Geschichte geschrieben?“ ( Eine lautmalerische Nachempfimdung des tatsächlich Gehörten ließe sich an dieser Stelle schwierig an.) „Schon seit Monaten nicht mehr.“ „Schade, jetzt hätteste doch genug Material.“ „Ich habe mir noch nichtmals irgendwelche Notizen gemacht.“ „Du erlebst doch viel hier, das muss auch mal wer aufschreiben.“ „Über meinen eigentlichen Job schreibe ich ja auch nicht, das ist mir zu nahe dran. Aber vielleicht geht es wieder, wenn ich hier raus bin. Mal sehen. Was gibts denn heute zu tun?“ „Schmieden.“ Herr Nipp schnappt sich die Handschuhe, steckt sie in die hintere linke Hosentasche, grüßt die anderen beiden Kollegen, die wie immer schon früher da sind, holt sich den Beutel mit Tabak heraus und dreht sich eine Zigarette, steckt sie, ohne zu rauchen, in den Mundwinkel und geht in das kleine Räumchen nebenan, in dem die Notdurft verrichtet werden kann, in dem allerdings auch die Kaffeemaschine steht. Er entsorgt den alten Filter, faltet einen neuen und gibt drei gehäufte Löffel Kaffeepulver darein. Der Wassertank wird aufgefüllt und die Maschine angeschmissen. Dann geht er zu einem geschmiedeten Kerzenständer, der dort seit Jahr und Tag herumsteht, und legt in aller Ruhe die mitgebrachten Äpfel aus dem eigenen Garten auf die einzelnen Plattformen, so entsteht in wenigen Sekunden ein kleiner Apfelbaum. Zum Ende des Tages werden die meisten Früchte verspeist sein, von ihm selbst und den Kollegen. Wenn dann noch einer übrig bleibt, wird der Älteste diesen mit nach Hause nehmen. Für die Frau. Er legt seine Jacke ab, in irgendeine Ecke, ist egal, da das Kleidungsstück sowieso schon schmutzig wurde und es dient einfach als Wetterschutz bei Außeneinsätzen. Montage. Da kann es schonmal kalt werden. Heute allerdings wird es warm werden. Nicht draußen, da nieselt es fies fast waagerecht; der Herbst ist im Kommen. Zunächst reinigt er die Esse von allem was stört, der Schlacke vor allem, öffnet die Luftlöcher und entfernt die Asche. Auf den hinteren Bereich füllt er mit der Schaufel neue Kohle und ordnet die Werkzeuge, so dass genügend Platz zum Arbeiten herrscht. Er rollt ein Stück Wellpappe und füllt die entstandene Röhre mit Zeitungspapier, entzündet letztes, lässt es einige Zeit brennen und steckt die Rolle aufrecht in die Kohle, die vom gestrigen Schmieden übrig geblieben ist. Er häuft sie an allen Seiten an und legt obendrauf einiges an schwarzem Brennmaterial. Dann wird das Gebläse betätigt und nach einiger Zeit glühen die Kohlen. Der Schmied tätigt derweil im Büro einige Anrufe. Wahrscheinlich geht es um neue Aufträge oder das Wildschwein, das er gestern abends erlegt hat. Muss wohl ein prächtiger Keiler gewesen sein, dem stolzen Jägergesicht nach zu urteilen. Inzwischen ist der Kaffee fertig, Herr Nipp spült zwei Tassen, füllt sie, die eine mit Weißer versetzt. Harte Schmiede mögen den Kaffee weich. Er steckt sich seine Zigarette an und gesellt sich zum älteren Gesellen. Der hat sich auch gerade seinen zuhause gestopften Glimmstängel entzündet. An die Werkbänke gelehnt der übliche Smalltalk. Immer begonnen mit der Frage „Wie gehts?“ und der Antwort „Schlecht.“ Schritte kommen näher, um die Ecke herum erscheint die Gestalt des bärtigen Schmieds. „Oh, der Alte gibt sich die Ehre. Jetzt hat er entweder gute Laune oder irgendetwas zu meckern.“ Der holt auch sein Päckchen Tabak aus der Latzhose und dreht, natürlich mit Filter. „Ist der Kaffe schon fertig?“ „Da steht deine Tasse.“ Der jüngere Geselle kommt dazu. Das sind die Momente, die Herr Nipp genießt. Zusammenstehen vor der Arbeit, Kaffee trinken und wissen, man wird sich den ganzen Tag über auf die anderen verlassen können und zwangsläufig müssen.

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Abreißkalender

Dieser dicke Block steht vor ihm. Eine Zeit lang hatte er tatsächlich sogar Zahlen, Daten, Wörter und Tabellen darauf geschrieben. Nun ruhte er schon seit einigen Monaten und wurde nicht mehr gebraucht. Herr Nipp nahm das oberste Blatt, zerknüllte es, nahm ein weiteres oberstes Blatt und zerknüllte es. Diesen Vorgang wiederholte er immer wieder, bis der Boden voller zerknüllter Blätter lag. Zehn mal zehn Zentimeter große zerknüllte weiße Blätter mit einem schwach erkennbaren roten Rand. Er schrieb ein Datum darauf und riss es ab, zerknüllte es und warf es zu den anderen auf den Boden. Ein weiteres Blatt, ein weiteres, die Reihe ließe sich fortsetzen.
So ist das Leben, dachte er. So ist das Leben. Jeder Tag vergeht, auch wenn du dich lange darauf gefreut hast, er vergeht und liegt bei den anderen deiner Vergangenheit. Wird nur noch teilweise erinnert. Und am Ende bliebt nur noch ein kleiner Stapel dieser Tage übrig und dich überkommt die große Angst, dass die Zeit nicht mehr ausreicht, dein großes Lebensziel zu erreichen. Und dann merkst du plötzlich, es gibt gar kein großes Ziel. Das kleine Ziel ist genau in dem Moment erreicht, wenn du gehst.
Aber der Boden liegt voll von zerknüllten weißen Papieren mit Daten, Zahlen Tabellen und Wörtern und vielleicht wird irgendjemand diese finden und damit anfangen, dein Leben zu rekonstruieren. Die Chance ist klein, aber es gibt sie immerhin. Aber eines sollte dir dabei gewiss sein: Es geht dich nichts mehr an.

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