Wo ist das Leben? Wo das Leben ist.

Herr Nipp sitzt beim Frühstück, blättert zuweilen in der Zeitung, aber eigentlich hat er gar keine Lust zu lesen. Da kommt einer der Mitbewohner rein. Ohne Vorwarnung legt er los: „Eigentlich wartet die Natur ja nur.“
„Worauf denn?“
„Dass die Fichten weg sind. Kannst du doch da sehen, wo sie schon seit Jahren weg sind und keiner Zeit hatte, nachzupflanzen. Da lebt es wieder.“
„Aber wenn nichts gepflanzt wurde, wie kann da Leben sein?“
„Na, es wartet. Seit der Pflanzung der Fichten hat das Leben gewartet. Ist die Monokultur weg, kommt das Leben, das wartet. Das kann man eins zu eins auf die Monokultur unserer Industrie anwenden. Gehen die Autokonzerne, fangen die Ingenieure endlich wieder an, neu zu denken.“

(Cooperation Hieronymus/Hieronymus)

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Bettkante

Gerade aufgewacht, sitzt er auch schon auf der Bettkante. Es ist definitiv nicht seine Sache, sich lange im Bett hin und her zu wälzen. Einige Momente noch kurz verharren, an die Reste der Träume dieser tiefen Nacht denken. Was ist diesen Tag zu tun? Er sammelt sich, erstellt den virtuellen Tagesplan. Vom Einkauf über das Lesen, von der Hausarbeit zum täglichen Spaziergang. Von den Steuern bis… Steuern… STEUERN… Herr Nipp legt sich lieber wieder hin und schläft zügig ein.

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Wörter

Es gibt regelmäßig ein Problem bei Herrn Nipp und seinen Freunden. Missverständnisse. Irgendwann stellt sich dann heraus, dass irgendetwas ganz anders gemeint ist, als es verstanden wurde. Sie stolpern in ihren Gesprächen über Wortbedeutungen, semantische Füllungen. Und daran kann sich Herr Nipp so wunderbar reiben. Bekannt ist dieses Phänomen ja bei Wörtern wie Heimat. Jeder glaubt, was der andere meint und weiß andererseits doch, dass das Wort jedem ein anderer Begriff ist. Wer füllt diese Buchstabenreihung mit welchen Inhalten? Der Geflohene sieht es anders als die seit Generationen in Frieden Lebende. Der Bayer anders als die Emsländerin, steht zumindest zu vermuten. Sicher ist nur, es gibt Überlappungen. Was gehört in diesen Begriff herein? Was auf keinen Fall mehr? Eine bestimmte Örtlichkeit, Freunde, Familie, eine bestimmte Zeit vielleicht, was noch? Vielleicht auch eine politische Einstellung oder Partei, die Religion, die Auseinandersetzung mit der Tradition? Heimat fasst sehr viele Aspekte, vielleicht unüberschaubar viele. Er hatte einmal einen ganzen Abend mit drei Freunden zusammengesessen und sich darüber ausgetauscht, was wohl alles dazu gehöre. Jeder hatte eigene Einstellungen dargestellt und irgendwie schien es Herrn Nipp ein Stück weit wie Seelenstriptease, was die anderen berichteten. Heimat ein Wort, das eine Blume ist, die jedem anders blüht. Alles gut soweit, erst als es dann darum ging, andere Wörter zu hinterfragen, kippte die Situation teilweise in Gelächter. Völlige Konfusion der Bedeutungen. Und irgendwann wurde jedem klar, dass sie sich eigentlich noch nie richtig verstanden hatten. Sehr sympathisch. Denn was heißt offensichtlich oder offenbar?

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Frühstücksfernsehen

(An dieser Stelle muss es einfach mal gesagt werden, nicht der erste Satz ist das Problem, es ist das erste Wort. Selbst wenn die ganze Geschichte schon im Kopf beieinander ist, das erste Wort muss gefunden werden, damit alles einen Anfang nehmen kann. Gerne wird dann die List ergriffen irgendetwas Zeitliches zu verwenden, aber auf Dauer langweilt das sicherlich , also besser örtlich? So beginnt die Gedankenrotation und wer weiß, wie sich die Geschichte mit einem anderen Wort am Anfang entwickelt hätte. 9.24 Uhr)
Milch steht schon auf dem Tisch. (Das war ein unerwarteter Anfang und schon kann es losgehen. 9.34 Uhr.) Der Kaffee (der musste jetzt einfach folgen.) wird gerade auf dem Herd in der edelstählernen Bialetti zubereitet. (Bis jetzt ist alles folgerichtig.) Die große Bialetti natürlich, ein Geschenk von zwei lieben Menschen, die von Zeit zu Zeit selber davon zu profitieren hofften. Was sie natürlich auch tun, immer dann nämlich, wenn sie aus ihrer Dachkemenate den Weg nach unten finden, um einen kurzen Besuch abzustatten. Seine Aluminiummaschine hat er irgendwann entsorgt, als er merkte, dass sich im Laufe der Jahre seltsame Mulden in das Material innen gefressen hatten. Bei dem Gedanken über die Jahre so viel Alu konsumiert zu haben, war ihm mulmig geworden, wer weiß schon, welche Auswirkungen das hat. (Hier sieht man schon wieder, welche Auswirkungen das erste Wort hatte, denn über die Kaffeemaschine auf dem Herd sollte beileibe nicht beschrieben werden. Aber ein Wort ergibt in dieser Art des Schreibens das andere, wird zum Nukleus für eine Gedankenfrucht. Vielleicht kann das an späterer Stelle noch vertieft werden. Man lese dazu vielleicht auch den Essay von A.J. Weigoni zum Verfassen von Gedichten.) Die Toasts entfalteten ebenfalls schon diesen besonderen Sonntagmorgengeruch, der ihn an früher erinnert, als die gesamte Familie beisammen saß und ganz ohne Probleme zwei Toastbrote verkonsumiert wurden. Man bedenke, dass drei wachsende Jungs am Tisch saßen und mal ehrlich, was sind schon acht bis zehn Scheiben, wenn es frische selbstgemachte Marmelade gibt, die natürlich korrekt bezeichnet Konfitüre war. Und der Rest der Familie konnte schließlich auch essen, naja, vielleicht abgesehen von der Schwester, die eigentlich immer schon auf ihre Linie geachtet hatte. In diesem Moment betrachtet Herr Nipp seine eigene Marmelade, die eigentlich (Man beachte die Häufung des Wortes eigentlich.) Konfitüre ist, welche er selber letztE Woche aus süßen Kirschen gezaubert hat. In jedem Glas befindet sich eine Zitronenspalte mit Schale, auf die er sich jedes Mal bei Leeren des Glases besonders freut, da diese immer noch ein Hauch der Bitterkeit und Säure bewahrt hat, die sie ausmacht. Aber, stellt sich ein Problem in den Weg, ist diese Konfitüre nicht doch Marmelade, da sie doch Zitrusfrucht enthält? Fragen über Fragen. (Bis hierher ergibt sich alles Geschriebene nur aus dem Wort Milch, die eigentlich Geschichte folgt noch. 9.51 Uhr)
Er nimmt sich die große und schwere Holzplatte aus Eichenholz, stellt alle benötigten Dinge darauf und trägt auf der Terrasse auf. Dort sitzt er dann eine ganze Weile und speist. An der Glasscheibe vorbei, die ein Freund (der Hase – das ist eine klare Insiderinformation) mit einem Hasen bezeichnet hat, blickt er in den Garten und kann sich gar sattsehen, in der Nachbarschaft wird ein Mäher angeworfen, starke Maschine, da schreien auch früh aufgestandene Ferienkinder, die nicht in den Urlaub gefahren sind. Der obligatorische Hund der lauten Nachbarfamilie kläfft. (Was nicht stimmt, weder ist die Familie laut, noch kläfft der Hund, da alle im Urlaub sind.) Nebenan führt jemand ziemlich erregt ein offenbar geschäftliches Telefonat. Die Vögel ziehen sich in die Heimlichkeit der Gebüsche zurück, weil sich die Elstern mal wieder anschicken gemeinsam auf Jagd zu gehen und da rette sich, wer kann. So friedlich diese intelligenten Singvögel die ganze Wiese entmoosen können auf der Suche nach Käfern und anderen Insekten, so ausgeklügelt und präzise sind die Jagdstrategien und wer einmal entdeckt wurde, der hat keine Chance. Und wer sagt, dass können doch keine Singvögel sein, wenn die so gemein jagen, dann beobachte er doch einmal so eine Meise den ganzen Tag über, die macht auch nichts anderes auf anderer Ebene. Und nach und nach versinkt er in seinem Morgengedanken über Vögel, Garten, Nachbarn und überhaupt alles. Er hat die ersten Telefonate hinter sich gebracht. Alles ist gut. Als er aufsteht, um noch Kaffee zu holen, merkt er, dass es bereits 10 Uhr ist ( Man bemerke die Parallelität zum tatsächlichen zeitlichen Geschehen. 9.58Uhr). Anderthalb Stunden vertrödelt, dabei hat er noch so viel zu tun an diesem Tag. Das ist mal wieder Beweis für ihn, dass das Frühstücksfernsehen einfach zu viel Zeit klaut. So, das war es einfach, nichts Besonderes, das muss zugegeben werden, aber der eigentliche Gedanke ist immerhin festgehalten worden. Dabei unterbrochen von zwei realen Telefonaten. 10.08 Uhr)

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Samler

Da kommen ihm drei Leute entgegen. Es tut hier nichts zur Sache, ob weiblich männlich divers, einfach drei Personen. Glucksend ins Gespräch vertieft. Die eine (Person) trägt ein kleines Weckglas mit sich. Zur Hälfte gefüllt mit allerlei Saatgut. Saatgut Sammler, Samensammler… Samler. Unkräuter aus dem Wald. Ständig entdecken sie neue Blütenpflanzen. „Oh, die ist aber schön.“ „Ja,die haben wir jetzt zum siebten Mal gefunden.“ Herr Nipp lacht laut auf. „Das kenn ich, mir hört auch niemand zu.“

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