Morgens früh aufwachen
Zunächst ungehalten sein
Sich zur Ruhe ermahnen
Abends nicht einschlafen können
Zunächst unruhig sein
Sich fallen lassen
Mittags Ruhe zu suchen
Sich stören lassen
Nachholen
Reihenfolgen nicht einhalten
Morgens früh aufwachen
Zunächst ungehalten sein
Sich zur Ruhe ermahnen
Abends nicht einschlafen können
Zunächst unruhig sein
Sich fallen lassen
Mittags Ruhe zu suchen
Sich stören lassen
Nachholen
Reihenfolgen nicht einhalten
Machen wir uns nichts vor, hier ist etwas aus Streit entstanden, denkt Herr Nipp, und das scheint ihm gut. Sowohl der Streit, als auch das Ergebnis von diesem. Die eine konnte sich nicht vorstellen, dass ein einzelnes Wort zum Auslöser eines ganzen Textes werden könne, er selber war der Meinung, dass es tatsächlich in vielen Fällen genauso gehe. So haben sie sich auf einen Versuch geeinigt. Wie lang wird ein solcher Text wohl wahrscheinlich werden? Sie haben sich gemeinsam hingesetzt und einfach so angefangen. Mit einem Neologismus, einer Wortneuschöpfung, den/die sie zumindest noch nicht kannten. Sie haben einfach zwei Wörter zusammengeworfen. Haut und Wände zu „Hautwände“. Was soll dieses Wort schon sagen? Jeder für sich hat überlegt, dann haben sie gemeinsam überlegt, darüber debattiert. Und plötzlich ging es gar nicht mehr um die Frage, ob dieses Wort Auslöser für und von einem Text sein könne. Es schien ihnen plötzlich so wichtig zu sein, zu erfahren, was denn dieses Wort auszusagen habe. Ihnen, ganz persönlich ihnen. Und dabei ist es zu einem schönen Abend der intensiven Diskussion geworden oder zu einem intensiven Abend der schönen Diskussion. Ja, zunächst einmal ohne Text, aber mit vielen Gedanken, aus denen noch Texte entstehen könnten, denkt Herr Nipp und ist sich gar nicht mehr so sicher.
Nein, auch beim dritten Mal hatten die Einbrecher nicht das Gesuchte gefunden. Aber jetzt mal ehrlich, wer glaubt denn schon, solche Taten könnten etwas mit einem kleinen, aber unglaublich geheimnisvollen Notizbuch zu tun haben. So etwas gibt es nur…aber da waren wir ja bereits. Herr Nipp ist keine solche Figur, die plötzlich in eine andere Welt verzaubert wird, nur um dort festzustellen, dass er dort König, Magier oder was auch immer ist. Mal ehrlich, für solche Spielchen ist er einfach zu alt. Zwanzig Jahre noch, das fänd er schon ganz ok. Aber keine zwanzig Jahre in irgendwelchen Fantasywelten, sondern einfach zu Hause. Die Geschichten sind schließlich zum großen Teil bereits ausgereizt. Aber dieses Notizbuch eben, also weiter.
Jedes Mal, wenn er darin las, hatte er das seltsame Gefühl, er würde alle Autoren persönlich kennen, was nun wirklich nicht sein konnte. Seine beste Freundin hatte darüber eine Theorie, die sich allerdings wohl nie beweisen lassen wird. Sie war der Meinung, dass es sich um ein völlig normales Notizbuch handelt, das mit psychisch wirksamen Chemikalien behandelt worden war. Nur um die Leser in einen der Trance ähnlichen Zustand zu versetzen und letztlich zu verwirren, damit er Raum und Zeit durcheinander werfe und sich den Rest zusammenträume. Vielleicht ein Kontaktgift, das die Wahrnehmung verändert, solange man das Buch in der Hand hat? Oder ein ausströmendes Gas, das wirkt, sobald der Deckel geöffnet ist? Aber dem widerspricht, dass zwei gleichzeitige Leser offensichtlich die gleiche Geschichte erleben. Auf jeden Fall, so vermutete sie weiterhin, mache diese Giftsubstanz auf Dauer süchtig und bewirke Halluzinationen, die sich auch darin ausdrücken könnten, dass Herr Nipp das Gefühl hatte, das Buch würde ihn rufen.
Herr Nipp ist eher der Ansicht, dass das Buch von einer Geheimgesellschaft verfasst wurde, die es daraufhin mit einfach besonders anregenden Duftstoffen versetzt habe. Er vermutet auch, dass es ein Versehen war und der Verkauf nicht vorgesehen. Das würde auch vielleicht die drei Einbrüche erklären. Diese Gesellschaft nämlich könnte ja vor haben, das geschätzte Schriftstück unbedingt in ihren Besitz zurück zu holen. Aber aus seinem Tresor ist das wirklich wirklich schwierig. Aber was ist schon wirklich?
…wir wissen, wie es jetzt weitergeht, Herr Nipp und seine Begleiterin erleben ein paar haarsträubende Abenteuer, bla bla. Und am Ende wird doch irgendwie alles gut. Gähn. Was soll ich da noch zu erzählen haben?
Den zweiten Einbruch hatte sogar Herr Nipp bemerkt, wenn auch wohl erst am nächsten Tag, denn es hatte die ganze Nacht durch das eingeschlagene Fenster geregnet, wodurch die herbei gerufene Polizei natürlich keine Spuren mehr finden konnte. Dieses Mal hatten die Diebe, Diebinnen oder die Diebin oder der Dieb oder das diverse Dieblein (oder heißt es Diebchen?) den gesamten Keller umgekrempelt und dabei ein heilloses Chaos hinterlassen, was, wenn man Herrn Nipps Keller kennt, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dieser Keller zeigt schon normalerweise ein so umwerfend chaotisches Durcheinander, dass er vorher immer vermutet hatte, das könne nicht noch schlimmer werden. Manchmal ging er bisher sogar mit einem Kompass auf Sachensuche. Mitgenommen hatten /hatte und so weiter, siehe oben, nichts, absolut gar nichts. Später wird sich allerdings in Zukunft herausstellen, dass doch etwas entwendet worden war, das später noch von höchster Brisanz sein sollte, das aber wird an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten. Kein Leser würde doch schließlich weiterlesen, wenn ihm an dieser Stelle schon gesagt würde, dass es der Schlüssel der Kellertür war, der fehlte. So einen großen Fehler wird also kein Autor machen und dir diese Information schon vorab auf die Nase binden. Es muss ein Geheimnis bleiben. Sicher verwahrt im tiefsten Winkel seiner Aufzeichnungen zum Schreiben einer solch komplexen Geschichte. Wieder hatte er viel tun, also Herr Nipp, nicht der Erzähler, der lacht sich innerlich tot über den zweifelhaften Helden, denkt sich gerade der Autor, der im Schreiben von anderen Mächten gelenkt wird. Noch nicht einmal der Autor ist schließlich so blöd, zu sagen, dass dieser Schlüssel zum dritten Einbruch führt, bei dem wirklich überhaupt keine Einbruchsspuren an Fenstern oder Türen oder Schlössern festzustellen waren. Was schon ziemlich rätselhaft ist, wenn man weiß, dass die Türen bei Herrn Nipp wirklich gut gesichert sind. Eigentlich schon irgendwie nippisch, wenn der Einbrecher gleichzeitig auch noch ein Schlüsselinhaber ist. Da auch dieses Mal die Freunde und Helfer mit nicht gemachten Hausaufgaben abziehen konnten, mussten sie leider in ihrer Personalakte über normale Bürger, die natürlich intern ist, vermerken, dass Herr Nipp offensichtlich seine Einbruchversuche nur vortäusche. Aber wer weiß das schon so ganz genau. Wir merken uns, der Erzähler bleibt an dieser Stelle ganz bewusst stumm, schließlich ist Spannung alles.
(An dieser Stelle reibt sich der Autor übrigens gähnend das Gesicht, steht mit eingeschlafenen Beinen torkelig auf und kocht sich in seiner inzwischen berühmt gewordenen Herdkaffeemaschine einen starken Sud.)
Das Schloss zur Kellertür wurde schlüssigerweise (welch Wortspiel) ausgetauscht und seitdem gab es keinen weiteren Einbruch. Das fehlte auch noch, dass jemand den Tresor aus der Wand reißt und das anderthalb Tonnen schwere Monstrum aus dem Haus schleift.
Eine der wichtigsten Fragen, die sich ihm stellte, war, warum, seit er dieses Buch besaß, es schon drei Einbruchsversuche gegeben hatte. Zunächst kaum bemerkt. Beim ersten Mal hatte er natürlich gar nichts verstanden. Eine nette Bekannte aber fragte bei einem Besuch, warum denn die Bücher im Regal mit der Weltliteratur heute so ungegewöhnlich (Sie hat einen kleinen Sprachfehler und verdoppelt manchmal, ganz selten nur, das Infix ge.) stünden. Was sollte schon anders sein? „Na, du hast nun einmal alles alphabetisch angegeordnet und jetzt suche ich ein Buch und kann es nicht finden.“ „Warum suchst denn du ein Buch bei mir, das machst du doch sonst auch nicht!“ „Doch, das sage ich normalerweise aber nicht. Ich suche mir ein Buch aus, das ich immer schon mal lesen wollte und nehme es mir dann mit, beim nächsten Mal tausche ich es dann gegen ein anderes aus.“ „Das war mir wirklich nicht bekannt.“ „Brauchst du auch nicht zu wissen, du hast so viele Bücher, da fällt es mit Sicherheit nicht auf, wenn mal eines fehlt. Und du hast selber gesagt, dass ein Buch erst dann wertvoll wird, wenn es auch gelesen wird.“ „Hey, du brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen, das mache ich bei dir auch seit Jahren.“ „Was? Du entwendest einfach meine wertvollen Bücher, ohne zu fragen? Das ist ja wohl die Höhe.“ Wir können uns in etwa vorstellen, wie die Unterhaltung zum handfesten Streit wurde, der dann an anderer Stelle enden sollte. Darüber aber werfen wir an dieser Stelle nun wirklich das Handtuch des Schweigens. Während er also irgendwann Zeit hatte, eine Vinylscheibe von Tocotronic aufzulegen und die Anlage recht weit aufzudrehen, während sie sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm und eins für ihn, erklärte sie ihm, dass diese Bücherunordnung entgegegen der sonstigen Unordnung nun gar typisch für ihn sei und die beiden mussten beim Neuordnen der Sammlung festellen, dass wirklich alles durcheinander geraten war, aber nichts fehlte. Nicht einmal die Erstausgaben mit Widmungen der Autoren hatte der Dieb mitgenommen und die waren sicherlich soviel wie ein neues Buch wert. Irgendwer musst ihm da einen wirlich gemeinen Streich gespielt haben, vom vorigen auf den aktuellen Tag. Seltsam. Sie spöttelte natürlich, dass er aber auch gar nichts bemerke, nicht einmal wenn eingebrochen worden sei. Er sei manchmal so schusselig, dass man ihn klauen könne, ohne dass er etwas davon mitbekomme. „Nein, da habe ich wohl nicht aufgepasst, aber ich hatte auch genug damit zu tun, die ganze Kleidung wieder in den Schrank zu legen, die gestern abend wohl herausgefallen ist. Ein unglaubliches Chaos.“