Erinnern

Nein, als alter Tattergreis fühlt er sich beileibe nicht, als alt schon. Das merkt er an diesem Morgen so unerwartet wie erschlagend. Aus der besten Zeit, wie man so schön sagt, hat er eine Schallplatte auf dem Teller gelegt. Ein altes Werk von tocotronik. Und da singt der Dirk von Lutzow dann zu Gitarrengeschrammel und Schlagzeug plötzlich und erwartet „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“ und unerwartet steigt etwas in Herrn Nipp hoch, das er kaum beschrieben kann. Vielleicht ist es eine gewisse Wehleidigkeit, dass all dies vergangen ist, dass die Menschen und Gesichter vorüber gezogen sind und jeder in ihm etwas hinterlassen hat. Nein, es ist Wehmut. Und dann schaut er nach draußen. Die Sonne scheint. Der Sommer geht, der Herbst kommt und er weiß ganz plötzlich ganz genau. Das alles bleibt und er wird auch weiterhin diese Erlebnisse haben und auch weiterhin werden Menschen kommen und gehen. Auch weiterhin bleiben einige für immer. Aber jede Erinnerung ist wertvoll. Und er singt mit seiner schwankenden Stimme mit. „So jung komm’ wir nicht mehr zusammen, so jung werden wir uns nicht mehr sehn. Und ich find es zwar schön, doch ich weiß nicht genau, werden wir uns verstehen.“

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Samenträger

Zwischen dem Wust an Pflanzen im Garten finden sich immer wieder trockene, die oben ihre Samen tragen, mal in einer Kapsel, mal als kleine Schirmchen, die sich beim nächsten richtigen Wind lösen werden und über den Garten verteilen. Fast jeden Tag macht Herr Nipp seine Runde, erntet einige davon ab, andere lässt er stehen, sie sollen sich selber wieder aussäen. Einige Gläser hat er inzwischen gesammelt, tauscht die Saat teilwiese mit einer Freundin, die eine unglaubliche Menge an Blütenpflanzen in kleinen Gläsern sammelt. Der haben es vor allem die Stockrosen angetan und Malven. Aber auch gegen Scabiosen hat sie nichts einzuwenden und sie geht sowieso ganz anders als Herr Nipp an ihre selbst gesteckte Aufgabe. Vorbehaltlos. Es wird spannend sein, wie sich die Gärten im nächsten Jahr weiter entwickeln.

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Besucher mit Lupe

Er hat einen Besucher im Garten gehabt; ein langjähriger Freund, wie es so schön heißt. Wer kann schon von sich behaupten, langjährige Freunde zu haben, nicht solche, die jeden Tag da sind, sondern eher diejenigen, die alle paar Monate den Kopf zur Tür herein stecken. Plötzlich war er jedenfalls da, seit langer Zeit, brachte ein kleines Buch mit, wollte aber keinen Kaffee trinken. Das Buch, frisch im Druck, gerade gelesen und korrigiert. Er hatte eine Lupe mit. Seit einigen Jahren kann man den Mann als Spezialisten für Flechten und Moose betrachten, außerdem als viel mehr, aber darauf muss demnächst einmal eingegangen werden. „Ich will nur gucken.“ Herr Nipp hätte gerne den Garten gezeigt, denn darauf ist er stolz, ein wenig. Tatsächlich auch der Versuch. Aber daran bestand kaum Interesse. Lediglich an den vielen Steinen, woher er die habe. Die seien wirlich interessant, weil sich so viele Flechten finden. Auch der alte Apfelbaum scheint voller Spannung zu sein. Jegliche Art wird kommentiert und bestimmt. Immerhin mehr als zehn auf den ersten Blick, wahrscheinlich sogar mehr. Damit sei nicht unbedingt zu rechnen. Auch einige Moose, durchaus interessant. Nach einer Stunde verschwindet der Gast leider wieder, muss noch die ganze Strecke zurück mit dem Rad fahren. Immerhin hat er eine Probe mitgenommen, die er noch nicht kennt. In Zukunft wird Herr Nipp auch ein wenig mehr auf seine Flechten und Moose achten.

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Exkurs

Die halten uns bestimmt für verrückt, meint ein Mädchen und dreht sich zu ihm um. Erstaunte, weit aufgerissene Augen und ein erschrockenes Gesicht. Sie hatte nicht mit ihm, sondern mit einer Freundin gerechnet, die eben noch hinter ihr ging. Herr Nipp hat sich versehentlich in diese Gruppe gemogelt. Und ist nichts ahnend einfach weiter mit gegangen. Natürlich hat er sich gewundert, dass eine ganze Klasse mit Hund durch die Gegend läuft und jede Schülerin, jeder Schüler natürlich auch, einige Zweige und Reetwedel herumträgt. Vielleicht ein einheimischer Brauch? Oder Menschen aus einer fremden Kultur, die eigentlich im Wald lebt?. Die Menschen schauen hinterher und haben ein Lächeln im Gesicht. Alle fragen sich, was das denn wohl soll. Vielleicht der Ritus einer seltenen Religion. Vielleicht bereiten sie sich auf ein Fest vor. Später Wird sich herausstellen, dass die jungen Menschen eine Exkursion gemacht haben, um Naturmaterialien für den Kunstunterricht zu sammeln.

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Vielleicht

Vielleicht liegt Aggression in mir
Vielleicht ist das nur eine Frage
Vielleicht ist es ein Blick von dir
Doch sicher schwer die Lage

Vielleicht will er die Dinge klären
Vielleicht kann sie es nicht
Vielleicht wird alles lange währen
Doch sicher wird es Plicht

Vielleicht streben diese Menschen zu einander
Vielleicht wollen andere
Weiter kam Herr Nipp an der Stelle nicht. Er hatte bemerkt, dass Ihm das Gedicht ganz plötzlich aus den Fugen geraten war, dabei lag das wirklich nur mal wieder an einem Reim. Klar, es ist einfach einen zu finden, aber den Inhalt dazu passend zu gestalten, schien ihm wirklich schwer. Und dann auch noch das Metrum halten und alles mit Figuren zu gestalten. Nein, er gab erst einmal auf, legte das Blatt beiseite. In der Küche stand die Bialetti bereit. Er würde sich einen Kaffee kochen und dann mit der warmen Tasse durch den Garten gehen. Vielleicht würde ihm dann ein Lösung begegnen, vielleicht aber würde er danach auch den Zettel zerknüllen.

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