Er weiß es nicht

Irgendetwas hatte er noch zu tun an diesem Abend. Irgendetwas von Bedeutung. Aber er sitzt nur da, ohne etwas zu tun. Als habe er den ganzen Tag gearbeitet. Er spürt eine Erschöpfung, die er kaum von sich kennt. An solchen Abenden muss Herr Nipp lächeln, über sich, seine Hybris, über all die Bücher, die er nicht gelesen und besonders nicht geschrieben hat. Und dann fällt ihm plötzlich wieder ein, was er tun wollte. Er zieht sich die Schuhe an, wirft sich eine Jacke über, öffnet die Tür und steht draußen. Er wird die nächste Stunde durch die nächtliche Stadt schlendern, wird die absolute Einsamkeit und die Regentropfen auf der Haut genießen und dankbar genau dafür sein. Und genau das hat er auch früher gemacht, wenn es dunkel, kalt und etwas nieselig war.

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auf der Fensterbank

Da stehen seine Töpfe, ohne jegliche Verzierung stehen seine Töpfe dort. Schlichte Tontöpfe, die man im Gartencenter für einige Euros bekommen kann, darunter eine dazu passende Schale. Diese Töpfe sind in einem einfachen Sinne schön, sie kommen nämlich ohne Überfluss daher. An keiner Stelle ist etwas Besonderes zu sehen, sie sind von allen Seiten gleich, nur irden ihre Farbe. Fast jedes Jahr kauft Herr Nipp einige dieser Gefäße, denn fast jedes Jahr verschenkt er einige von ihnen. Sie werden genutzt, um Pflanzen darin anzuziehen. Schon im ausgehenden Winter säht er darin, was er im vorogen Jahr gesammelt hat, wartet und lässt die Pflanzen wachsen, er pickiert sie, nimmt einige wenige für den eigenen Garten und dann irgendwann verschenkt er den Rest. Mal waren es Alante, mal auch Feigen, die er aus Stecklingen gezogen hatte. Dieses Jahr hat er einige gelbe Disteln gesäht, deren Namen er nicht kennt und viele Schwarzwurzeln, nicht um sie zu essen, er wartet gespannt auf die Blüten. Gelbe Blüten. Er weiß nicht warum, aber jedes Jahr wird er von gelben Blüten angezogen, wie die kleinen schwarzen Käfer in den siebziger Jahren von den gelben Pullovern. Jedes Jahr erfreut er sich daran wie ein Kind, auch er hatte damals einen gelben Rolli, und dann umso mehr, wenn auch andere ihre Freude an den Blumen haben.

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Kramen III

Da liegt ja auch eine dieser kleinen Fernbedienungen in der Schublade. Hm, zu welchem Gerät könnte die denn gehören. Herr Nipp muss überlegen. Wenn er ehrlich ist, kommt sie ihm so gar nicht bekannt vor. Die Form und dreifache Stärke einer Checkkarte, die Tasten bilden eine Hügellandschaft. Und dann wird ihm urplötzlich klar, woher dieses Gerät stammen könnte. Das muss die lange vermisste Fernbedienung für das Garagentor sein, das man seit Jahren nur noch von innen öffnen kann. Ja, denkt er, die muss ich gut weglegen, damit auch in Zukunft niemand an das Garagentor kommt, wer weiß, was sich in der Garage befindet.

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Kramen III

Er hat auch Pflaster entdeckt, die nicht mehr ganz so vertrauenswürdig scheinen, sie werden entsorgt. Das Nähset allerdings wird er behalten, das hat ihm in Notfällen schon häufig geholfen, wenn ein Kopf absprang etwa.
Nicht etwa, weil die Fäden so fadenscheinig geworden waren, sondern weil er zugenommen hatte. Glücklicherweise ist da auch Sockengarn bei, das ist ein Muss. Vor allen für Herrn Nipp, denn irgendwie beherrscht er die Kunst des Lochs zur Perfektion. Vielleicht ist es auch einfach nicht ganz so gut, feine Söckchen in den groben Arbeitsschuhen zu tragen oder in Wanderschuhen bei den sonntäglichen dreistündigen Spaziergängen. Vor allem aber ist Garn ihm vor Jahren immer wichtig für das Nähen von Hosen gewesen, denn auch da beherrscht er die Kunst des Lochs. Eine neue Hose mit einem Akkuschrauber verderben? Kein Problem. In der Stadt an irgendeinem herausstehenden Häkchen hängen bleiben und sich eine Klinke reißen? Jede Wette, wenn es so ein Häkchen gibt, wird er es intuitiv finden. Er wird auch automatisch den Stuhl auswählen, der jede Hose vernichtet, weil die oberste Furnierschicht ein Stückchen weit abgelöst ist. „Aber machen wir uns nichts vor“, denkt er dann, „wahrscheinlich geht es vielen anderen Menschen genau so wie mir. Glücklicherweise habe ich ein Nähset.“

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Kramen II

In dieser besagten Schublade hat er auch ein altes Messer gefunden. Eines dieser Taschenmesser, deren Griff aus zwei roten Platten bestehen und die weitere Funktionen als eine Schneide haben. Sie sind sozusagen die Vorläufer von Smartphones. Die Grundeigenschaft wird überfrachtet mit allen möglichen Werkzeugen, angefangen hatte es wahrscheinlich einmal mit einem Korkenzieher, dann kamen Nagelfeilen und Schraubendreher dazu, ein weiteres, kleines Messer auch. Man sagt, dass einige dieser Schweizer Messer bis zu dreißig oder sogar noch mehr Funktionen haben. Eben ähnlich den Smartphones. Die ersten Handys waren zum Telefonieren gedacht. Ein dicker Balken oder Backstein mit langer Antenne, mit dem man eines konnte, von überall anrufen, wenn es denn ein Netz gab. Dann kamen mehr und mehr Funktionen dazu, Schreiben, Apps für jeden Sch.., Taschenlampe, Kamera natürlich, nur bügeln können die Geräte noch nicht. Herr Nipp jedenfalls hat eines dieser Messer gefunden, die außer einer kleinen und großen Klinge nur einen Korkenzieher besitzen. Klein, praktisch und robust. Als er die große Klinge ausklappte, muss er feststellen, dass die Spitze fehlt und plötzlich überläuft es ihn heiß und kalt gleichzeitig. Als wäre er der kleine Junge von damals. Er hatte sich verbotenerweise dieses Klappmesser von seinem Onkel ausgeliehen, hatte glücklich damit geschnitzt. Ein kompletter Haselnussstab war damals verziert worden. Sah super aus. Und dann kam er auf die Idee, an verschiedenen Stellen kunstvolle Durchbrüche zu machen. Sein Onkel hatte noch am Tag vorher gesagt, dass man niemals mit einem Taschenmesser hebeln dürfte, weil die Gefahr besteht, dass die Klinge abbricht. Heute weiß Herr Nipp, dass er Recht hatte, damals glaubte er das einfach nicht. Es gab ein helles sirrendes Geräusch damals, die Spitze flog knapp an seinem rechten Auge vorbei. Da war das Messer kaputt. Leider. Und es war ein Gang nach Canossa gewesen, als er seinem Onkel die Tat beichten musste. Der war offen sichtbar sauer gewesen, sah dann das ehrliche Bedauern. Er hat ihm damals dann dieses Messer verschenkt und ein Bonbon obendrauf. Es ist gut, nicht alle kaputten Sachen wegzuwerfen, die Erinnerung an eigene Verfehlungen hilft doch sehr, ebenfalls nachsichtig zu handeln.

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