Wasserbildschirm

Fast jedes Mal, wenn Herr Nippeines seiner Aquarien aufsucht, um die Fische zu füttern, passiert es ihm, dass er davor hängen bleibt. Erst steht er nur, dann sucht er sich einen Platz zum Setzen und Sitzen. Der sollte möglichst bequem sein. Bei dem Aquarium im Keller steht ein Sessel direkt davor. Er nimmt den besten Ort mittig vor dem Becken, schaut sich seine Zahnkarpfen und Garnelen an und vergisst die Zeit, zumindest einige Zeit lang. Das kann dann schon mal eine viertel oder halbe Stunde dauern.

Früher ging ihm das so mit dem Fernseher, als er noch einen hatte. An der Fernbedienung vorbeizugehen war schwierig und wenn der entsprechende Knopf gedrückt war, war es um ihn geschehen, wieviele Stunden und Wochen mögen es wohl sein, die er so, ohne überhaupt bewusst etwas zu sehen, vor dem Bildschirm verbracht hat? Müßig wäre es, das nachzuvollziehen. Oftmals schaute er sich täglich mehrere Stunden durch das Programm, nichts eingehend, immer mit der Vorgabe, gleich was anderes zu machen, aber eben diese Sendung noch und diese und diese und jedesmal wurde die Packung Chips oder Erdnüsse, die zufälligerweise irgendwie griffbereit da lag, auch geleert. Mal schneller, mal langsamer, auf jeden Fall aber völlig. Etwas übrig zu lassen hätte ja der Mäßigung bedurft, aber fernsehen und Mäßigung passten für ihn absolut nicht zusammen.

Jetzt sitzt er vor dem Wasserbildschirn, sieht die Guppys schwimmen oder tauchen und fressen und eines fehlt ihm auf jeden Fall. Im Keller hat er keine Erdnüsse und Chips schon gar nicht.

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Wichtige Themen

Wichtig sind immer jene Themen, welche die Menschen in diesem Moment, im Sinne von in diesem Moment, persönlich angehen, alles andere wird gerne ausgeblendet.

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Regen

Wahrscheinlich gibt es dieses Jahr so an die dreihundert Millionen Artikel und Geschichten, die sich über den Regen aufregen, weil er den Sommer verhagelt hat (bescheuertes Wortspiel) oder aber zu Überschwemmungen mit vielen Verstorbenen führte (Respekt an dieser Stelle an die Menschen, die ihre Zukunft so tatkräftig in die Hand genommen haben. ), der die Stauseen endlich wieder gefüllt hat oder auch dafür sorgte, dass die endlich wieder möglichen Open-Air-Festivals dann doch eher spärlich besucht waren. All das weiß Herr Nipp natürlich auch, er lebt zwar im Sauerland, das heißt in der Provinz, aber abgeschnitten von der Gegenwart ist er nicht, schließlich ist wohl ganz Deutschland Provinz, nur dass die „Großstädter“ offensichtlich nicht daran glauben und sich für etwas Besonderes halten. Uh, Großstadt. Diesen Morgen jedenfalls ärgert sich auch er. War es am Tag zuvor noch spätsommerlich warm gewesen, rauscht an diesem 15. September das Wasser nur so vom Himmel und vom Dach. Dabei hatte er gestern angefangen, eines der Hochbeete umzubauen. Jetzt liegt alles da unten chaotisch im Garten herum und im Radio gibt es wenig ermutigende Nachrichten. Es soll mehrere Stunden Starkregen geben. Naja, denkt er, dann komme ich endlich mal dazu, die Wohnung aufzuräumen.

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Zeiten

…und wenn die Zeiten sich ändern können, dachte Herr Nipp beim Frühstücken, dann können wir das auch, belegte sein Dinkelbrötchen mit Bündner Biokäse vom Wochenmarkt, schnupperte ausgiebig daran, stellte seine Armbanduhr auf die richtige Zeit und musste plötzlich versonnen lächeln.

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der Tag beginnt

Um etwa 6.18 Uhr wacht er auf, auch wochenends, er bleibt dann einige Zeit ohne Decke noch liegen, irgendwann steht er auf. Es wird bald Tag werden, noch ist es relativ dunkel. Die meisten Menschen schlafen wohl noch, senile Bettflucht ist nicht jedem gegeben. Herr Nipp macht sich fertig und sitzt dann einige Zeit bei einer Tasse Kaffee im Esszimmer (das ist übrigens kein von der Wohnung getrennter Raum, sondern so nennt er einen Teil der Wohnlandschaft, in dem der Esstisch steht), schaut in den Garten, in dem die Einzelheiten sich langsam unterscheiden. Sehr langsam. Ja, seine Augen sind schlechter geworden. Früher konnte er scharf sehen, immer, auch auf kurze Distanz, auch nachts. Damals war es ihm unerträglich, nah vor einem Bildschirm zu sitzen oder ein Werbeplakat zu sehen, weil ihn die einzelnen Bildpunkte so störten. Inzwischen muss er zum Lesen die Brille aufsetzen, so wie es wahrscheinlich den meisten Menschen geht, richtig hat wer sich immer noch nicht daran gewöhnt. Meist versucht er die Zeitungslektüre ohne Lesehilfe, irgendwann wird das zu anstrengend. Auch das wohl ein Grund dafür, dass er nicht mehr so viele Bücher liest wie früher.
Einige Vögel zanken sich auf dem Rasen um einen roten Apfel, der in der Nacht vom Baum gefallen ist, Amseln. Beim Nachbarhaus sind die Rollläden noch heruntergelassen, die werden sich gegen neun Uhr automatisch öffnen. Dann wird Herr Nipp schon seine Runde über den Wochenmarkt gemacht haben, wird Gemüse , Eier vom Biostand und vielleicht eine Topfblume gekauft haben. Irgendwie kommt er am Stand mit den frischen Topfpflanzen nie vorbei. Der Vorgarten und die dort lebenden Insekten danken es. Dann geht er zu seiner Lieblingsbäckerei, die mit Dinkelmehl backt und erst danach wird gefrühstückt. Er wird an diesem Tag mit einem seiner Söhne ins Holz gehen, was in seiner Familie heißt, dass er sich Kaminholz fertig macht. Er wird dort einige Stunden mit der Kettensäge arbeiten und am Nachmittag sehr erschöpft sein, aber gerade das ist ja so schön. Etwas schaffen oder machen, sich dabei zu verausgaben. Zu schwitzen und den Körper fühlen, jede Sehne.
Jetzt aber ist es noch Morgen, er öffnet die Terassentür, lässt die Frischluft hereinströmen, atmet tief ein und merkt bis tief in sich, dass es einfach schön ist so zu leben.

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