Lichtlein

„Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ So oder ähnlich hatte seine Oma es damals mehrfach von sich gegeben, vielleicht war es auch jemand anders, egal. Wir wissen ja, dass Geschichte und Erinnerung Konstrukte sind, die täglich neu gebaut werden. Alles Baubare kann auch niedergerissen werden. Selbst in der Vergangenheit kann sich viel verändern, nachträglich wohlgemerkt. Herr Nipp kennt dies zu genüge aus Erzählungen. Besonders eingeschworene Gemeinschaften wie Jäger, Motorradclubs, Künstler, Pomologen und Literaten sind anfällig für regelmäßige Euphemismen und hyperbolisches Erzählen. Anders gesagt kann jeder Pups zum hervorragenden Parfum hochstilisiert werden, man muss ihm nur Zeit geben. Da werden Wahrheiten produziert um ihrer Produktion willen und um den Erzähler in möglichst gutem Licht dastehen zu lassen. Der Spruch ansich über das Lichtlein allerdings hat tiefe Wurzeln in Herrn Nipp geschlagen und heute weiß er, dass tunlichst nichts vor dem Ende der Frist aufgegeben werden darf.
Dieser Tage hat er alle Zusagen für Material für ein Projekt mit jungen Menschen zusammenstreichen müssen. Plötzlich stand er sozusagen nackt da. Die Ausreden waren mannigfaltig von „Ach, da habe ich jetzt gar nicht mehr dran gedacht. Unser Nachbar hat Kaminholz aus dem Balken gemacht.“ über „Ne, den Container mit Altholz haben wir jetzt entsorgt.“ bis „Mein Mann möchte das Holz doch nicht abgeben.“ Und dann kommen an einem Tag plötzlich zwei gute Nachrichten herein und er hat alles Gebrauchte sozusagen auf dem Präsentierteller. Sein Glücksgefühl kann sich kaum jemand ausmalen. „Immer wenn du meinst, es geht nix mehr, kommt irgendwo ein Balken her.“

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Über überschreiben

Nichts will so, wie es soll, meist kommt ungefragt etwas anderes heraus. Und wenn er die bessere Alternative gerne hätte, versteckt und verweigert sie sich, bleibt in der Deckung und harrt dem nicht entdeckt Werden. Verzweifelt versucht er vergebens eine Formulierung zu finden, die der blassen Langeweile des Gemeinplatzes fröhlich schillernd zu entkommen weiß, sozusagen dem Leben unter die Röcke schaut. Kein Lichtblitz oder ein solcher des Geistes, der freiwillig Hilfestellung leisten könnte. Herr Nipp müht sich und bemüht Synonyme, ersetzt einzelne Worte, sucht Metaphern und sonstige Bilder, statt alles neu zu denken. Letztlich kommt er bei der ersten Variante wieder an und muss sich nach allem Überschreiben verblüfft eingestehen, dieser erste Entwurf eines Satzes hatte ohne Umschweife alles in sich, was zu sagen ist. Der Rest wäre hohles Geschwurbel, hübsch und inhaltsleer.

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Wahrheit

Dieser Kanal ist nicht der Nabel der Welt, hier werden keine Transfergeschäfte des internationalen Menschenhandels besprochen, auch Rezepte und sonstige Katastrophen des allgemeinen Interesses sucht ein Leser hier vergebens. Politik? Fehlanzeige, wer nicht zwischen den Zeilen lesen kann. Sport! Herr Nipp verweigert sich konsequent der Veröffentlichung seiner Aktivitäten. Wetter aber wenigstens? Das nimmt er hin, reicht doch. All die großen Abenteuer machen andere. Herr Nipp nippt eben, haut nicht auf die Pauke, sondern liebt die leise säuselnden Töne, die sublime Ironie und den Selbstzweifel. Eigentlich schade, denkt der Erzähler, was echt Krasses wäre schon toll. Aber da lächelt der Protagonist verschmitzt, das große, fantastische, verrückte, hippe Leben überlässt er denen, die es brauchen, sein größtes Erlebnis des Tages war die Katze, die neben ihm eingeschlafen ist.

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Regentag

Der Himmel zeigt sein graues Gesicht, Wolken dräuen. Herr Nipp ist im Lieblingsgetränkefachgeschäft seiner Wahl. Dort halten sie extra für ihn und tausend andere Kunden über 50 Biersorten aus gefühlt ganz Europa parat. Er hat sich ein Bayrisches ausgesucht. Vollbier. Heute im Angebot für einen Zehner die Kiste! Läuft wahrscheinlich bald ab. Schmeckt trotzdem. Die etwas unaufmerksame neue Frau an der Kasse hat aber den vollen Preis angerechnet, was erst am Auto angekommen bemerkt wird. Er geht zum Laden zurück und weist freundlich auf das Versehen hin. „Ich muss eben noch zwei Leute abkassieren, dann helfe ich auch ihnen.“ “ Hat keine Eile, bin ja nicht auf der Flucht.“ „Ja, aber gleich regnet es.“ „Das macht nichts, ich liebe Regen.“ Plötzlich wechselt ihr Gesichtsausdruck vom Stress zu überbordender Freundlichkeit. Mit glücklich strahlendem Gesicht lacht sie voller Inbrunst und strahlt ihn selig an: „Ich auch.“

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Ärgernis

Ein gar nicht so alter Sinnspruch gehört zu Herrn Nipp wie seine Füße: Ärgerst du dich, ärgerst du dich. Er weiß, dass genau dies andere Leute freut, wenn sie es darauf angelegt haben. Ein besseres Leben ergibt sich, wenn der Ärger einfach verulkt wird, dann fühlt sich der Ärgernde genauso.
Vor einigen Tagen ging er mit einer Freundin spazieren. Auf dem Rückweg entdeckten sie in Höhe der Försterhäuser, von denen seit Jahren eines leer steht, was auch ein Ärgernis ist, aber das ist frei nach Michael Ende eine andere Geschichte, auf dem Weg eine Tomate. „Wer wirft denn hier Tomaten weg?“, entfuhr es ihm völlig unbedacht. „Vielleicht hat sie ja jemand verloren. Es könnte auch sein, dass sie von einem Tomatenbaum gefallen ist, den du noch nicht entdeckt hast.“ Frotzelnd war die Situation schnell ins Lächerliche gekippt.
Heute machen beide eine Radtour und ziemlich zu Beginn geht es an den drei Forsthäusern, die genau genommen vier sind, vorbei. „Wäre es nicht schön, hier wohnen zu können? Es ist zu ärgerlich, dass dieses Haus leer steht. Dafür würde ich unser sofort verkaufen.“ Das ist jedes Mal Thema, wenn beide des Anwesens ansichtig werden. Herr Nipp sieht das genau so. Er steigt vom Rad und schaut genau hin. Diesmal liegen gleich zwanzig Tomaten auf dem Boden. Eine nimmt er auf und riecht daran. „Das ist ja gar keine Tomate, sondern eine rote Mirabelle. Da hattest du ja sozusagen Recht mit deinem Tomatenbaum.“ „Vielleicht sollten wir noch einmal fragen, ob sie es nicht doch verkaufen.“

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