Marian VII

In einer Plattenhülle habe ich eine Notiz gefunden, die so gar nicht zu Papa passt, die aber in seiner Handschrift geschrieben ist. „Dein semiintellektuell anmutendes Schlausprech ist beseelt vom Wunsch nach irgendeiner Art von Relevanz und stellt sich letztlich immer wieder als hohles Geschwafel heraus, das von hübschen Worthülsen ach so poetisch dekoriert wird.“ steht da drauf. So ganz habe ich das noch verstanden, wenn es allerdings das meint, was ich denke, muss es dieser Satz echt in sich haben. Dann – dann wäre es harter Stoff, der Freundschaften zerbrechen lassen kann. TNT. Ich muss ihn unbedingt mal fragen, warum er das aufgeschrieben hat, aber wahrscheinlich wird er mir dann wieder irgendeine fadenscheinige und weichgespülte Geschichte erzählen – als wäre ich ein kleiner dummer Junge. Vielleicht frage ich besser die Mama, die mag ihn eh nicht mehr so gut leiden und vielleicht weiß sie ja etwas darüber. Ziemlich harte Stories habe ich da schon erfahren. Papa scheint gar nicht so nett und zurückhaltend gewesen zu sein, wie er immer tut. Und vorsichtig war er schon gar nicht. Ich verstehe nur nicht so ganz, warum er selbst nichts drüber erzählt. Da erfährst du lediglich, wie vorsichtig er sein Leben lebt. Die Musik finde ich jedenfalls ziemlich schrecklich, Tuxedomoon oder so ähnlich heißt das Werk, ziemlich schräge Töne, nicht meins. Wahrscheinlich erzählt er wieder, dass man solche Sachen nur oft genug hören muss, um einen Zugang zu kriegen. Das hat er vor einem Jahr schon bei Mozart und Bach gesagt und das ist echt der letzte Scheiß. Da gibt es noch nicht einmal Drums.

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Marian VI

Inzwischen habe ich die Anlage tatsächlich zum Laufen gebracht. Sehr sehr cool, wenn die Platten auf dem Teller rotieren. Da gibt es tatsächlich verschiedene Geschwinidigkeiten und du musst schon höllisch aufpassen, welche Platte wie abgespielt werden muss. ich habe zum Beispiel eine gefunden, die Band heißt wahrscheinlich LE PARC und die LP Tangerine Dream, vielleicht ist es auch umgekehrt, das muss ich noch herausfinden. Ein Bisschen wundert es mich, dass Papa so eine Musik früher gehört hat, das hat echt nur sehr wenig mit New Wave zu tun, aber soi genau kenne ich mich damit noch nicht aus. Auf jeden Fall fand ich die echt treibend und dann habe ich festgestellt, dass sie auf 45 lief. Das war allerdings nicht so vorgesehen. In der richtigen Geschwinidigkeit ist das echte Kiffermusik. Zumindest stelle ich mir das so vor. Da liegen die bestimmt bei auf dem Boden im Schlafzimmer von irgendwem herum und ziehen sich einen Joint nach dem nächsten rein. Aber egal wie schnell man sie spielt, irgendwie ist das schon faszinierend. Einige Elemente kenne ich aus irgendwelchen Filmen, glaube ich zumindest. Die größte Entdeckung ist allerdings, wenn man die Drehung mit dem Finger weiter verlangsamt. Sehr sehr cool. Ich glaube, dass ich da noch eine Menge auszuprobieren habe.

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Marian V

Egal wann und egal wo, es ändert sich nichts und es wird sich niemals etwas ändern. Ich werde immer der sein, auf den alle anderen herabschauen. Sie sehen mich als Monstrum und ich kann sie sehr gut verstehen. Wenn sie wüssten, was ich denke, würden sie mich mit noch größerem Abscheu ansehen. Manchmal überkommen mich Gefühle, die ich selbst nicht verstehe, Warum ist das Leben denn nur so hart zu mir? Warum geht es allen anderen denn nur so viel besser? Warum gehen die anderen durch ihr Leben, als könne ihnen nichts und niemand etwas anhaben? Das Leben ist wirklich nicht gerecht und die Blicke, die ich jeden Tag ertragen muss, lasten auf mir wie ganze LKW-Ladungen mit Kies und Zement. Ich fühle mich schwer und betoniert. Und wenn ich SIE sehe und sie so völlig gleichgültig zurückblickt, das zieht mir echt die Schuhe aus. Und jeder weiß, dass ich extremen Fußgeruch habe.

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Kindeswohlgefährdung

Kann der Unterricht gewisser Lehrer auch als Kindeswohlgefährdung gewertet werden?

 

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Marian IV

Eben war ich unterwegs. Das ist ja schon ziemlich peinlich, aber ich bin wirklich gerne draußen, nur irgendwie muss ich ja auch zum Wald hinkommen. Also durch die ganze Stadt, über den kleinen Fluss, der unser Städtchen umgibt und dann ab in die Pampa. Ob man es glaubt oder nicht, aber mit einem Bestimmungsbuch sieht man in der Natur mehr. Viel mehr. Ach man, jetzt habe ich den Faden verloren, denn eigentlich wollte ich nicht darüber reden, was ich draußen mache, sondern darüber, was ich so beobachtet habe. Nämlich auf dem Weg in den Wald. Vor mir gingen drei Mädchen, sie sahen alle gleich aus. Hatten schwarze Jacken an, weiße Turnschuhe und alle hatten lange glatte Haare. Erst als ich sie überholt habe, wurde mir bewusst, dass sie aus meiner Klasse sind. Ist noch nie vorher aufgefallen, aber offenbar sehen alle gleich aus. Da gibt es nur sehr wenige Unterschiede. Unser Lehrer hat letztens gesagt, dass man die Kinder und Jugendlichen in der Schule nur noch an dem unterscheiden kann, wie sie reden. Die einen eben schlauer, die anderen dümmer. Ein anderer Lehrer meinte sogar, dass nur die Akne im Gesicht Anhaltspunkte dafür geben kann, wen man gerade vor sich hat. Das fand ich ziemlich gemein. Der soll sich mal selbst im Spiegel anschauen, dann sieht er, dass er wie jeder Lehrer aussieht. Ununterscheidbar. Alle Leute sehen eigentlich gleich aus, jeder versucht in der Masse zu verschwinden. du muss nur durch die Stadt laufen, dann siehst du es. Nur wenige Leute haben überhaupt noch den Mut, sie selbst zu sein.

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