Gedankenbrei, Geräuschkulisse

Von unten kommen all die Gespräche mal wieder hoch, so als seien sie schon vorverdaut, als seien sie etwas, das eigentlich ausgekotzt werden sollte. Er will all dies nicht mehr hören, er will einfach nicht mehr dieses stets beschwerene und gleichzeitig so selbstverliebte Geschwätz in sein Gehirn kriegen. Über andere Menschen und deren situationen, dieses Sichbeschweren. Die langen Litaneien und kollegialen Beratungen. Da schaukeln sich die schwachen Gemüter hoch. Manchmal ist es eben doch gut, wenn Hernn Nipp einfach seine Hörgeräte ausschaltet.

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Ein Verlorener

„Es wäre schön gewesen, dir persönlich zu gratulieren. Da es nicht geht, auf diesem Weg“ Und genau hier wusste Herr Nipp nicht mehr weiter. Wie jedes Mal, wenn er solch einen Brief begann. Er musste an die Vergangenheit denken, an die Donnerstagabende, wenn sie gemeinsam vor irgendeinem Bild, dieses erläuternd und bewertend eine Flasche Wein verkostet hatten. Von einem Tag auf den anderen war dieser Mensch entfleucht und niemals hatte Herr Nipp verstanden, was denn eigentlich hier passiert war. Warum war er denn als Verräter beschimpft worden? Und genau hier würde er die Gedanken ebenso aufgeben wie den Brief. Und genau hier würde das Hoffen beginnen, dass irgendwann sich alles ändern würde. Und genau hier würde das Wissen beginnen, dass dies niemals passieren konnte.

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Besucher

Eine Wanderung gegangen
vielleicht mit jenem Hund
ein langes Gespräch angefangen.

Dann kommen die beiden zu Besuch
und der Hof wird hell.
Alles scheint mir ein großer Versuch.

Vor und aus lauter Lust.
Sie fangen  zu erzählen an
und schildern auch ihren Frust

Neue Erlebnisse und mittendrin.
Auch in der eigenen Vergangenheit,
jener  Zustand mit sichrem Sinn,

der jetzt als Erinnerung
meist streng gehütet innen liegt.

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Kino

So leid, so extrem leid war es gewesen, weiterhin diese Nachrichten im Radio zu hören. Er hatte das Gerät mit einiger Wut ausgeschaltet. Wut gegenüber der Menscheit, die nicht lernen wollte, nicht lernen konnte. Wut auch, nein vor allem gegenüber den sogenannten Mächtigen, die nicht bereit waren zusammenzuarbeiten, sondern ihe persönlichen Eitelkeiten, ihre kleinlichen Befindlichkeiten pflegten und andere dafür leiden, sich bekämpfen, sterben ließen. All die Clintons, die Putins und Erdogans, die Merkels und Scheichs und Fürsten und Ministerpräsidenten. All die ignoranten Abgeordneten nicht zu vergessen, die eigentlich vom Volk gewählt, doch offenbar nur sich selbst verpflichtet schienen. Er hatte den Schallplattenspieler angemacht und gute alte Musik aus den späten achtziger Jahren gehört. Abschalten im wahrsten Sinne. Biff Bang pow. Hatte in Erinnerungen geschwelgt. An damals, als sie zu dritt im Auto saßen, einer blauen oder wahlweise roten Ente, manchmal auch in seiner eigenen elfenbeinweißen mit den schwarzen Streifen und schwarzen Fischen drauf. Diese billigen Gefährte, die mit ihrem Rolldach auch noch gleichzeitig Cabrios gewesen waren. Bei denen die Fenster noch hochgeklappt werden mussten, um sie oben zu arretieren, Autos, deren Heizungen eigentlich fast nie funktionierten, die immer irgendwo undicht waren. Damals waren sie oft einfach losgefahren, hatten sich kein Ziel genommen, sondern nur die Idee, neue Sachen zu sehen. Irgendwo, wo es schön war, anzuhalten und zu sehen, zu erleben. Auf das Land, oben auf einem Berg stehen und den Sonnenuntergang mit allen Farbspielen zu beobachten, eine Stunde lang nichts zu sagen, berauscht von den sekündlichen Veränderungen, auf die man sich einlassen konnte. Das beleuchtete Verschieben der Wolkenformationen, all die Dinge darin zu sehen, die schon die holländischen Maler fasziniert hatten. Dann schwiegen sie meistens, wussten um die tiefe Freundschaft, auf die innere Verwandtschaft. Das war großes Kino gewesen, fernab der Zeit, fernab der Zeitläufe und vor allem fernab von der Tagespolitik.

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Wahn

Unten geradezu tumultartige Zustände. Schultergeklopfe ohne ersichtlichen Grund. Es hat doch niemand Geburtstag, denkt er. Beförderungen hat es auch nicht gegeben und sämtliche Babys waren in den letzten Wochen schon geboren worden. Immer wieder werden Zahlen genannt. Zeiten. „Boah, unter vier Stunden und der Chef war vier Sekunden langsamer….“ Klar, es geht um einen Marathon. Respekt, denkt er. Aber eigentlich auch wieder einmal typisch. Das geht wahrscheinlich mit rund vierzig Jahren los, immer dann, wenn ein letztes Aufbäumen vor dem wahren Altern alles ändert. Frauen suchen sich neue Partner, weil sie Freiheit brauchen oder das Gefühl haben, irgendetwas verpasst zu haben. Männer wenden sich jüngeren Frauen zu, wesentlich jüngeren Frauen. Frustrierte machen plötzlich einen Motorradführerschein oder beginnen mit japanischem Trommeln. Und der Rest? Der sieht sich im Spiegel und erkennt, dass das ehemals glatte Gesicht nun zu einem Faltenwurf wird. Das Dekolleté sieht auch nur noch mit Zuhilfenahme von vielen Cremes halbwegs passabel aus, die Brustbehaarung ergraut den Herren der Schöpfung, Körpererschöpfung. Selbst die Arme zeigen Spuren der Alterung und morgens schmerzen die Gelenke. Da hilft also nur eines. Gegen die Krankheit des Alterns bäumen sich hunderttausende mit Sport auf, Training jeden Tag. Da werden Kilometer gelaufen, natürlich unter strikter Beachtung von Trainingszeiten, von Kalorientabellen und natürlich immer im Hinblick auf den nächsten Wettkampf. Sie hoffen auf den ewigen Jungbrunnen Sport. Sie martern sich wie religiöse Fanatiker. Ja, gibs mir. Alles ist ihnen recht und einige lassen sich zur Verwirklichung des sportlichen Traumes plötzlich Asthmamittel verschreiben, damit die Leistung legal gesteigert werden kann. Alles dies ist gut und wichtig, denn das Alter kommt mit Sicherheit, mal früher mal später, aber es schlägt unerbittlich zu. Mit einem Mal, dann wenn die Schmiere zwischen den Knochen aufgebraucht ist, wenn das Hirn in verschiedenen Funktionen versagt. Sie versuchen zu verzögern, mit allen mitteln, nur um drei vier , spätestens zehn Jahre später zu merken, dass sie drei vier oder zehn Jahre älter geworden sind und man das auch sieht. Das immerhin kann auch Herrn Nipp trösten, der ohne sportlichen Ehrgeiz seine Wanderungen macht, der ohne an Wettkämpfe zu denken mit dem Hund durch die Wälder trabt und der ohne schlechtes Gewissen auch weiterhin abends seinen rotwein trinkt.

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