Es lohnt nicht

mit offen gezeigtem Würgereiz zurückzuschauen
einen Streit mit einem Dummen zu haben
auf einen Boxsack einzuhauen
mit Schnöseln zu feilschen
sich am Ungeschick zu laben
einen Stein nach einem Panzer zu werfen
sich zu verheddern mit dem Seilchen
mit Alkohol im Blut über ein Brückengeländer zu balancieren
die Nachbarn mit lauter Musik zu nerven
einen Idioten mit Verachtung zu strafen
den besten Freund mit whatsapp zu korrumpieren
mit einem stärkeren Mann zu kämpfen
den Morgen mit der besten Freundin zu verschlafen
einen Blumenstrauß zu verschenken
mit den Liebsten eine Flasche Gin zu leeren
die Realität mit Schnaps zu dämpfen
einen Baum zu setzen
All der kleinen Momente zu gedenken
All die Erkenntnis mit Quatsch zu verheeren
Mit einem Rad durch die Landschaft zu hetzen

sinnlos all dies, aber es macht Freude

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10 Uhr

Seit einigen Stunden ist Herr Nipp nun bereits wach, aber er kann sich nicht aufraffen, er hat das Morgengrauen erlebt, dieses bläuliche Licht durchlebt, das sich zu rosa wandelte, dann zu gelb und wieder blau. Der Himmel erstahlte plötzlich in fantastischem Farbgefüge, durchsetzt mit leichten Wolkenschleiern und den unvermeidlichen Kondenzstreifen der Flugzeuglinien. Immer wieder gleiche Richtungen bezeichnende Striche am Himmel, die sich langsam auflösen. Künstliche Hiebe in die Natur des Himmels. Der Mensch muss Zeichen setzen, immer. Den gesamten Morgen hat der Liegende diese Veränderungen betrachtet. Zuweilen musste die Position geändert werden, nicht weil es unbequem wurde oder der angewinkelte Arm vielleicht eingeschlafen gewesen wäre, sondern einfach weil es zu langweilig wurde, nur so da zu liegen. Nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet den Tag zu verbringen. Über sich liegt teilweise die unifarben bezogene Decke, das Kopfkissen hat er zu einer Rolle gedreht, damit der Kopf höher liegt und er keine Mühe aufwenden muss, aus dem Fenster zu sehen. Das Fenster ist gekippt, die Geräusche der Nachbarschaft dringen zu ihm herein, früh morgens die zur Arbeit fahrenden Menschen, die Vögel, die ihre Stimmen gegen den Lärm einer nahen Baustelle erheben. Kinder, die lachend und neckend auf dem Weg zur Schule sind. Seit Jahren zum ersten Mal hat er dies getan, so lange im Bett liegen. Vielleicht weil er genau darüber am vorigen Tag ein Gespräch geführt hatte, vielleicht auch, weil man die Langewile selbst einmal erlebt haben muss, um darüber schreiben zu können. Blödsinn denkt er und steht auf.

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Aushalten

Wer die Augenblicke sammelt, sollte die Gegenwart ertragen können.

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jener

Natürlich weiß er selber, dass er sich kaum einmal über zwei oder drei Stunden am Stück konzentrieren kann, zumindest dann, wenn es darum geht zu schreiben. So setzt er sich meist morgens sehr früh an seinen mit dem Netz gekoppelten Rechner. Kurz schaut er auf die Seite des Deutschlandfunks, da finden sich meist die wichtigsten aktuellen Nachrichten. Dort findet sich meist der Schrecken, ohne dass es Bilder gebraucht, in Worten. Das Versagen der Menschen in Bezug auf das Denken und Handeln. Die demokratischen und autokratischen Katastrophen, die unser Denken besetzen, die Realität verändern und das Tun beeinflussen. Jedesmal weiß er dann, dass letztlich ein Grundzustand hergeführt werden muss. Es geht in der Weltpolitik darum, eine Grundangst zu schüren, als Dauerzustand, damit die Menschen still bleiben, dann, nur dann vielleicht, werden sie auch mit Brot und Spielen belohnt. Jedes Aufmucken bringt die Eliten in Gefahr, bringt das angesammelte Vermögen in Gefahr, welches über Generationen weitervererbt wurde. Blasierte Bengel, die sich nun als Unternehmer bezeichnen, erben Wahnsinnssummen, die sich automatisch durch Dividenden weitervermehren. Wahnsinnssummen, für die andere geschaffen haben. Gerechtigkeit ist anders; wer allerdings Angst hat, wird dagegen nichts unternehmen. Eine Gesellschaft wird Akkumulatoren und der Katalysatoren bedürfen, um Veränderungen anzustreben und von diesen gab es bisher in der Weltgeschichte nur wenige. Und diese haben dann auch nur kurz aufgeblitzt und sind letztlich doch gescheitert. Wer hell brennt, verglüht schneller.

Zwischendurch setzt er seinen Kaffee auf, der aus einer großen, einer breitrandigen Tasse mit viel Milch getrunken wird. Nicht weil dies etwa besser schmeckt als schwarz, aber so kommt er schnell an seinen Suchtstoff, ohne sich den Mund zu verbrennen. Den letzten Schluck aus der Bialetti trinkt er natürlich pur. Schwarz, würzig mit einem Hauch Lakritzgeschmack.

Dann beginnt er zu schreiben. Wort für Wort, erst langsam, darauf immer rauschhafter. Ausgehend von seinen Notizen, die er über den Tag gemacht hat, von den Erinnerungen an eine ferne Vergangenheit, von der er glaubt, es sei besser, sie nicht zu vergessen. Ausgehend auch von seinem wenigen Wissen, der ihm eingepflanzten Bildung, den gelesenen Büchern. Er weiß, dass er irgendwann beginnen wird zu vergessen, wie sein Vater, Demenz, dann will er zumindest diese wenigen Erinnerungen schriftlich erhalten haben, damit er sie sich vielleicht lesend noch einmal erschließen kann. Damit andere Menschen diese Gedankenfragmente, diese erlebte Geschichte lesen können und dann herzlich darüber lachen. Ja, dieses herzliche Lachen über das Absurde der Perspektive ist ihm wichtig. Das Leben, das weiß er inzwischen, ist ein lächerlicher Zustand, der von Zufällen bestimmt ist und an diesen hängt. Glück und Schicksal sind eins, Unglück und Schicksal auch. Wenn nun Zufall Glück ist, ist er auch Schicksal und gleichzeitig Unglück. Jenseits der geschürten Angst werden die Dinge absurd. Denn versuchen wir doch einmal die Normen abzulegen, die Gepflogenheiten beseite geschoben, die Moral tabularasa. Dann betrachten wir doch einmal unser Handeln als Abstrakt. Jedes Handeln ist Ausprägung unserer Kultur. Jedes Reden eine Verschleierung. Und genau darum schreibt er, er hat unsere Lächerlichkeit im Streben erkannt.

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Wer Respekt erwartet, sollte auch Respekt zollen können.

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