Lieblingsbank

Tief gehen die Züge der Lunge, ohne Zigarette natürlich sitzt er auf jener Bank, von welcher aus das ganze Tal und die Berghänge der anderen Seite jenseits des Baches betrachtet werden können. Um eine Beobachtung handelt es sich nicht, denn die wäre zweckgebunden. Herrn Nipp ist es vor allem angetan, sehr tief und ruhig ein- wie auszuatmen. Manchmal dringen neben dem dauerhaften Frühlingsvogelgesang der Amseln, Rotkehlchen und Mönchsgrasmücken auch andere Ferne Geräusche an seine Ohren. Alle halbe Stunde fährt da unten ein Regionalzug vorbei. Eine Familie mit drei Kindern und Hund hat er ebenfalls schon gesichtet, ohne auch nur ansatzweise selbst bemerkt worden zu sein, denn dafür ist dieser provisorisch selbst gebaute Sitzplatz zu gut versteckt. Kein offizieller Weg führt direkt hierhin. Das größte Glück widerfährt ihm, wenn sich Tiere nähern. Schonmal ein Reh oder Dachs, einmal sogar der Waschbär. Plötzlich lugt die Sonne durch eine ansonsten den gesamten Tag schon fest geschlossene Wolkendecke, legt ihr warmes Handtuch auf seine Haut. Auf dem Rückweg quengelt eines der drei Kinder der Familie, hat wahrscheinlich keine Lust mehr zu laufen. Auch die Bewegungen des Hundes wirken schlapper. Ein Glück, denkt Herr Nipp, dass ich solche Sorgen nicht mehr habe. Jeder gegangene Schritt ist ihm eine Lust. Aber jetzt sitzt er ja, was gerade die größte Wohltat für ihn ist.

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sitzen schlafen

Am Gartenteich, der fleißige Leser kennt die Genese von der Idee zu einem Tümpelchen zum Zwillingsteich zum großen Gartenmittelpunkt, steht die Liegebank aus Holz, die er vor wenigen Jahren seiner Haus Mitbewohnerin gebaut hatte. Aus Restholz. Auf dieser Bank können bis zu drei Ruhende platznehmen, wenn sie nicht allzu ausladende Körpermaße besitzen, normalerweise aber sitzen dort nur zwei menschliche Wesen und eine kätzliche Wesenheit. Benga wird diese von Eingeweihten genannt, es soll aber auch Anwohner der Straße geben, die sie Trixie rufen. Herr Nipp ist gerade bei milder Frühlingssonne eingenickt, als die Katze göttin auftaucht. Sie macht sich akustisch durch vokalisieren bemerkbar. Da der Gartenschläfer nicht reagiert, springt auch sie auf die Bank, legt sich auf seinen Schoß, putzt sich und rollt sich zusammen. Als er eine Stunde später aufwacht, schläft sie immer noch, geruht sich aber, ihn mit einem halben Auge zu betrachten. Und er weiß sofort, die nächste Stunde braucht er gar nicht den Versuch machen aufzustehen. Es gibt Schlimmeres.

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Tomatenschwemme

Bis in die erste Novemberwoche des vergangenen Jahres hatten die Tomatenpflanzen draußen ausgehalten und regelmäßig viele Früchte Reifen lassen. Über hundert Kilogramm mussten es wohl gewesen sein, er hätte niemals gewogen. Eine gute Gelegenheit, gute Freunde mit süßen Kugeln und Eiern in allen Farben zu überhäufen. Alles Freilandsorten, wetterhart. Von den Leckersten hatte er Samen gewonnen, in der Hoffnung jedes Hobbygärtners, zumindest einige würden keimen. Diese Erwartungshaltung wurde böse betrogen. Herr Nipp hat jetzt hunderte von Pflänzchen und weiß beim besten Willen nicht, was er damit machen soll. „Kein Problem, “ meint die werte Mitbewohnerin des Hauses, „entweder wirfst du die übrigen Tomatenkinder auf dem Komposter oder, und das passt viel besser zu dir, du verschenkst sie für einen guten Zweck.“ Tja, Herr Nipp, tut mir als Erzähler echt leid für dich, aber wahrscheinlich melden sich gleich schon die ersten Interessenten.

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Sechs Sinne

Überall im Gebäude verteilt liegen die Teilnehmer des Lyrikworkshops herum, einige sitzen oder stehen aus, fliegende Menschen wurden nicht gesichtet. Sie alle vereint in ihrer Vereinzelung eine Aufgabe: Beachte eine halbe Stunde lang alle sechs Sinne, deren du dich bewusst zu werden vermagst, also auch den Gleichgewichtssinn. Notiere in Gedanken, was du erlebst und halte diese Eindrücke später mit einem Stift auf Papier fest. Eine Dame hatte gefragt, ob das nicht auch auch ihrem I-Pad gehe, doch dies hatte der Dozent eindeutig abgelehnt. „Papier und Stift sind wichtig, damit ihr überhaupt etwas merkt.“ Herr Nipp weiß nichts von alledem und hat sofort die Erste Hilfe verständigt. Das kann ja nicht sein, dass überall Leute einfach so herumliegen, das muss entweder eine Massenpsychose sein, oder hier hat es eine Gasvergiftung gegeben.

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Keine Literatur

Herr Nipp schreibt manchmal Texte, entweder kurze Beobachtungen, Geschichten oder auch manchmal, das aber wirklich selten, auch Gedichte. Er weiß, dass all dem der sprachliche Tiefgang fehlt, den die hohe Literatur mit sich bringen sollte. Bei ihm ist es einfach Unterhaltung, mehr nicht. Trotzdem hat er seinen Spaß daran. Und nein, er muss nicht immer darauf hingewiesen werden, dass er absolut keine Literatur macht, sondern lediglich Texte zur Freude produziert. Er weiß es.
Wer darüber aber einen Streit von Zaun brechen wollte, der würde mit seinem Spieß nicht zustechen, sondern stolpernd ins Leere laufen. Und bei diesem Gedanken muss er unwillkürlich schmunzeln.

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