Sehen

Viele Menschen sehen durch die Brille besser, die wenigsten sehen deshalb aber mehr.

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Ein Fragment (1992)

Ein angenehmer, weil nicht zu starker Duft von halbverbrannten Reibeplätzchen weht über die Straße, plötzlich liegt der Gedanke nahe, dass eigentlich gar nicht der Mann gerufen wurde, sondern er nur den Pinsel zu tragen hatte, dass dieser zum verdienten Mahl komme. Irgendwas konnte in dem Haus doch nicht stimmen.
Da aber ohne den Pinsel die Beobachtung der Nachbarn nur noch wenig Spaß machte, zog sich Olaf langsam, da er nicht bemerkt werden wollte, von seinem Beobachtungsposten zurück, er hatte vom vorüberziehenden Schwaden einen ununterdrückbaren Appetit bekommen und schlich sich, ohne von seiner sonst so aufmerksamen Haushälterin bemerkt zu werden, in den Vorratsraum, welcher gleich hinter der Küche lag, schloss die zusammenklappbare Tür, um auch weiterhin ungesehen zu bleiben, schnell wieder und besah sich im Schein seines ständig in der Tasche mit herumgeschleppt werdenden alten Benzinfeuerzeugs die Vorräte.
Er wunderte sich jedesmal, wie mit so wenigen Sachen jeden Tag so leckeres Essen gekocht werden konnte. War er einmal allein, was so ca. einmal im Monat geschah, konnte er nichts besonderes zaubern, nur einmal Tiefkühlpizza oder die ewig langweiligen Nudeln. So freute er sich jedesmal über die Rückkehr von Vio, die selbst die nudeln zu einer unerreichten Köstlichkeit machte.

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Leben leben

Kein Entzücken jetzt
aber sich vom Strom treiben lassen
–
für eine gewisse Zeit
–
abwartend betrachtend
das Leben nicht gestalten

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Verzögerungsstrategien des Seins

Wenn die Möglichkeit der Zeit
die Fähigkeit zu leben
unter einer Eisdecke
fehlender Gefühle verschwindet

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Mittwoch März Spaziergang (1993)

Gegen halb zwei überkommt es ihn. Er bestückt ein paar HB-Rolls mit Blättchenpapier, steckt sie wieder in die Schachtel. Nicht um alle zu rauchen, eine vielleicht zwei.
Er öffnet leise die Haustür und schließt sie mit dem Schlüssel, um so jedes Geräusch zu vermeiden. Vor dem Haus, es ist angenehm kühl, aber nicht kalt, wird der Reißverschluss seiner dunkelgrünen Gummijacke, um die ihn ein genialer Künstler seines Kreises beneidet, zugezogen. Vor dem Haus ein Blick zum Fenster der Eltern, es rührt sich nichts, Stille, gnadenlos, schön.
Die Sohlen der hohen Wildlederschuhe machen kein Geräusch, nur einmal wird durch einen zwischen den Ritzen sitzenden Stein ein Schablaut erzeugt. Er entfernt den Störfaktor und geht seines Weges. Einfach nur spazieren, nachdenken, wie immer, wenn das Innere mit Einsdamkeit, die Außenwelt mit Stille gefüllt ist.
Automatisch führen die Schritte dann aber doch zum Tempel der lauten Musik, das Cult. Er hofft, keinen Eintritt zahlen zu müssen. „Stempel?“ „Eh, was?“ „Stempel?“ „Ne.“ „Dann zwei Mack.“ „Was, zwei Mark?“ “ Ja, egal.“ Er zahlt, geht herein. Laute Musik, einige Leute würden es als rhythmischen Krach bezeichnen, umflutet die Menschen. Geruch nach Rauch und sonst schlechter Luft. Nur wenige Leute sind da. Je heftiger der Klang, desto mehr tanzen, stampfen, schütteln die Haare. Alles wirkt irgendwie apathisch. Er bestellt ein Bier, raucht zwei Zigaretten, beobachtet die Leute. Einige bekannte Gesichter mit vergessenen oder nie gewussten Namen. Langsam wirkt die Gruppe an Leuten gähnend. Er geht wieder.
Draußen frische Luft. Sehr angenehm, er geht nach Hause. Schlafen, morgen muss gearbeitet werden.

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