Durch den Wald

Ein Fahrrad hat er sich geliehen, weil sein eigenes letztes Jahr geklaut worden war und er sich nicht aufraffen gekonnt hatte, ein neues zu kaufen. Wenn er also eine kleine Radtour machen will, leiht er sich diverse Räder. „Aber nur, wenn du einen Helm aufsetzt, kriegst du das.“ Ja, Recht hat er ja, aber es ist schon enervierend, vom eigenen Nachwuchs zur Sicherheit erzogen zu werden. Also Helm auf, Wasser in die Flasche und bei brüllender Hitze los. Das hält ja keine Sau aus. Also fällt ihm die Entscheidung leicht, durch die immerhin noch vorhandenen Reste des heimischen Laubwalds zu radeln. An Bergen wie üblich überholt von Paaren oder ganzen HORDEN Senioren auf Elektrorädern, die motorisiert auch noch meckern, dass er nicht ganz in den Graben fährt, um ihnen, zu zweit neben einander, Platz zu schaffen. Er müht sich im mittleren Gängebereich die Berge sitzend herauf zu kommen, ohne völlig in Atemnot zu kommen. Die radeln fröhlich quatschend wie eine Kette Hühner im Gehege. Die Steinchen springen ihm dabei um die Ohren. Herr Nipp kann nicht anders, zum wiederholten Mal fragt er sich, was diese Motorräder im Wald zu suchen haben.

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Auf Zahlen starren

Wir starren auf Zahlen, angewidert, erstaunt oder verblüfft, erfreut, verärgert oder glücklich, als würde das etwas ändern, denkt Herr Nipp. Jeden Tag rufen wir die Zahlen ab. Wieviele sogenannte Freunde habe ich oder hast du. Wer hat mehr! 500? Warum heute nur so wenige? Er schaut sich die Statistik der sozialen Medien an, wechselt zu den aktuellen Covid 19 Zahlen und bleibt bei den Aktienkursen hängen. Überblickt die Wetterdaten und wie schnell ist welcher Raser. Aha. Da gibt es ein Fahrzeug, das in 31 Sekunden von 0 auf 400 beschleunigt und wieder auf 0 abbremst. Für ihn natürlich unerreichbar, aber interessant das zu wissen. Klar, sinnloses Wissen, aber auf jeder Party zu gebrauchen. Nein, der Wagen nicht so sehr sein Stil. Ach so. Die Zahlen gehen wieder hoch. Die Welle rollt zurück. Gut. Wahrgenommen. Kann er nichts machen. Wie sich die Wertpapiere entwickeln, spannend, aber er besitzt keine. Auch kein Gold oder sogenannte Devisen. Was genau ist das eigentlich, Devisen? Warum steigen und sinken die eigentlich! Die Wassertemperatur der in der Nähe liegenden Stauseen. Hm. Ob er er mal wieder schwimmen geht? Die Nachrichten bringen aktuelle Wirtschaftszahlen und natürlich die Lottozahlen. Nein, wieder nicht gewonnen. Welcher Verein hat welche Punkte erreicht? Der letzte Roman hatte über 600 Seiten. Was verdient der oder die und warum? Wichtig erscheint ihm allerdings, wieviele Sterne er in der Stadt, wieviele er auf dem Land sehen kann. Wieviel Wasser ist die letzten verbraucht worden und Gas und Strom. Wir leben in einer Welt der Zahlen, denkt er, alles finden wir in Statistiken erklärt. Mehr achten sollte er auf die Blutdruckwerte klar, aber die interessieren ihn nicht so sehr.

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Platz haben nehmen anbieten

Was macht ein Wort aus? Sein Klang, seine Bedeutung, sein Kontext, die Tradition seiner Verwendung, seine Befragbarkeit und natürlich die Inspirationskraft. Spannend seine Etymologie, die Herkunft wie Entwicklung. In diesem Sinne heißt es, dem Wort Platz einräumen, ihm jenen zu gewähren, den es braucht, um sich ganz entfalten zu können. Der Ausdruck oder Begriff? Das Wort wird auf den richtigen Platz gestellt, um all das zu sein, was es sein kann. Man möge Wörter an sich bitte nicht zu wenig Platz schaffen, aber immer klar definieren und ihnen damit für den jeweiligen Anlass den richtigen Platz zuweisen.

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Abdriften, um zum Spiel zu finden

Jedes Mal, wenn die Freunde beisammen sitzen, einige Gläser Wein konsumieren und vor allem gut speisen, vielleicht der Anregung geschuldet, vor allem aber des Genusses wegen, wird sich ein Disput ergeben. Mal über Themen, zuweilen aber auch Worte und ihre Bedeutungen. Denn viele sind ja bekanntlich semantisch so aufgeladen, dass vor dem eigentlichen Thema zunächst geklärt werden muss, in welcher Weise das Wort zum Begriff wird, wie es genutzt werden darf. Das mag dem Außenstehenden ein Stück weit lächerlich wirken, vor allem aber lästig. Und trotzdem ist den drei Freunden genau dies ein grundlegend wichtiges Spiel. Wenn man so will die Grundlage des handelnden Denkens, des Gesprächs. Garniert mit passenden Zitaten und Verweisen durchaus auch ein ästhetisches Bedürfnis. Warum sollte man Karten auf den Tisch hauen, wenn man auch Metaspiele spielen kann? Herr Nipp hatte einen Onkel, der ihm an langen Abenden auf den Balkon diese Technik des Hinterfragens beigebracht und sie mit ihm durchexerziert hat. Dazu gab es damals, schließlich hatte Herr Nipp ein bestimmtes, hier nicht näher bezeichnetes Alter erreicht, dann ein Gläschen Südtiroler Wein. Vor allem die abstrakten Wörter waren dabei spannend. Durch die theologisch-philosophische Bildung des Onkely wurden diese Abende oft zu Spielen der Bedeutungslehre, manchmal auch der leicht gemeinen eristischen Dialektik und manchmal konnte unser kleiner Nipp auch einen Blick in die Welt der Rabulistik werfen. Fasziniert. Annehmend. Allerdings ergab sich daraus, dass er im Nachhinein viele Kindheitsfreunde verlor, denn die hielten nicht viel von solchen Spielen und ihn für einen enervierenden Besserwisser. Heute ist das anders, gerade dieses Spielen, sprachliche Meditieren und Lavieren führt die drei Freunde zusammen. Sie erfinden und finden gleichzeitig, spielen einander augenzwinkernd aus, nicht aber boshaft, sondern interessiert daran, wie der Andere die Zwickmühle argumentativ durchbricht oder noch besser zur Brücke werden lässt. Im Bewusstsein ein Spiel zu spielen und dieses gleichzeitig zu reflektieren und hinterfragen, so werden die gespielten Spiele zu den maßgeblichen Werten des Mit- nicht Gegeneinanders. Wer kann schon solche Freunde sein Eigen nennen. Tanguska!

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Andere Welten

Das Leben an sich ist sehr schwer zu verstehen. Wenn man in einer Wiese liegt noch mehr. Sich auf die Abläufe einzulassen und wertfrei zu beobachten kann schon eigene Grenzen aufzeigen. Da fangen Spinnen Insekten und werden von Eidechsen verspeist, Käfer fressen Blüten und deren Samen und wenn eine Kuh vorbei kommt, bleibt von all dem nicht viel übrig und trotzdem scheint dieses Prinzip zu funktionieren. Alles regeneriert sich in stetem Wandel. Es wäre ein Trugschluss, zu erwarten, irgendjemand könne künstlich den Staus Quo erhalten. Herr Nipp hatte sich auf eine der schönen Allgäuer Bergwiesen begeben, dort einige zehn Seiten eines mitgebrachten Buches mal wieder gelesen, manchmal geschmunzelt, einmal sogar herzlich gelacht. Die „per Anhalter“ Reihe von Douglas Adams ist einfach hintergründig witzig und wird bei jedem Lesen besser, auch weil die Figuren so wunderbar daneben sind und die Welt offenkundig anders erklärbar ist. Wer sich also mit diesem Buch in die Natur begibt, wird zwangsläufig erkennen, dass alles auch völlig diffus enträtselbar sein könnte. Wir wissen ja, dass die scheinbare Idylle der Bergwiesen in Wahrheit ein Überlebenskampf ist. Was aber wäre, wenn das gar nicht stimmte, sondern alles nur Theater wäre, um uns etwas zu denken zu geben, zu täuschen, während im Untergrund ganz Verborgenes geschieht? An dieser Stelle übrigens einen schönen Gruß an alle Verschwörungstheoretiker, die mit ähnlich konfusen Gedankenspielen unsere Welt erklären. Vielleicht manchmal Dinge erkennen, meistens jedoch eigenes Missverstehen in die Realität projizieren, sie produzieren dabei eben oft falsche Syllogismen nach dem Prinzip: 1. Die Geburtenrate ist zum Ende der sechziger Jahre in Deutschland signifikant eingebrochen. (Das stimmt übrigens auffallend) 2. Die Population der Klapperstörche (in Fachkreisen auch Weißstörche genannt) ist seit Ende der sechziger Jahre ebenfalls signifikant eingebrochen (auch das stimmt) 3. Wegen des Einbruch der Storchpopulation ist ein signifikanter Geburteneückgamg zu verzeichnen (da liegt der Trugschluss). Aber jene Theoretiker sagen etwas anderes: ihr seid verblendet, weil ihr nicht bereit seid, hinter das Wesen der Dinge zu schauen und zwar genau aus meiner Perspektive. Sie glauben an ihre Wahrheiten und mal ehrlich, frei nach einem der Slogans des jdav: lieb doch, was du willst. Während Herr Nipp also da sitzt, das kleine Leben um sich herum beobachtet, wird ihm klar, wir leben alle in verschiedenen Welten. Jeder Einzelne baut sich seine eigene Erscheinungs-, Erklärungs-, und Erlebenswelt und an bestimmten Punkten überschneiden sich diese mit denen der anderen. In solchen Fällen kann dann so etwas wie Freundschaft entstehen. Nur die Welt der Bergwiesen ist Herrn Nipp so komplex, dass er nur staunend da liegt. Aber eines wird ihm bei all den Beobachtungen zu Kräutern, Fliegen, weiteren Insekten, Eidechsen und allem was da so herumkreucht und fliegt klar. Er wird keine Freundschaft mit jenem braunflügligen Schmetterling schließen, der eben noch auf dem Hundekot saß und sich nun anschickt, den Schweiß auf seinem Bein zu saugen.

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