Viral gehen

Das ist schön sehr lustig, denkt er, in dieser pandemischen Zeit vom Viralgehen in den sozialen Netzwerken zu sprechen. Er selber möchte das nicht, soviel ist klar, und es scheint ihm fragwürdig, welchen Zweck es haben könnte. Außerdem fragt er, was hätte er schon zu bieten, was viral gehen könnte. Ihm fehlt die künstliche Aufgeregtheit, eine Aura sowieso, es sei denn, seine Kopfschmerzen kündigen sich an. Ihm fehlen auch spannende Erlebnisse und er kann einfach nicht so naiv durch die Welt gehen, zu glauben, irgendjemand könne sich ernsthaft für seine Selfies interessieren, für die Faltenwürfe rund um die Augen oder seine Glatze. Am besten noch gekoppelt mit abgedroschen Lebensweisheiten von der Seite deinelebensweisheitenimnetz.com? Er weiß, dass diejenigen, mit denen er sich täglich, fasttäglich oder zumindest manchmal trifft, doch wesentlich interessanter für ihn sind, als aufgeblähte User und follower im k – Bereich, die er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht persönlich kennt. „Aber du könntest doch schließlich Geld damit verdienen.“ Herr Nipp hat diesen Gedanken wirklich ernsthaft überschlagen und ist zu dem Schluss gekommen, dass er doch eigentlich alles hat, was er braucht und wahrscheinlich sogar eher zu viel. Also Entschluss gefasst. Nicht viral gegen. (Anmerkung des Verfassers: der hat ja keine Ahnung, was da so alles möglich ist.)

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Zahnarzt

Er kennt Menschen, die wirklich Angst vor dem Zahnarzt haben. Vielleicht ist das so, weil diese erst dann dorthin schleichen, wenn sie von echtem Schmerz geplagt werden. Das geht bei Herrn Nipps Zahnarzt gar nicht. Mindestens einmal jährlich geht es zur Vorsorge und Reinigung. Danach wird der Bestand noch durchgecheckt und manchmal kommt ein Folgetermin dabei zustande. Etwa so als ginge man zur Autowaschanlage und die böte gleichzeitig eine Inspektion mit an. Könnte ein sinniges Konzept sein. Außerdem hat ihn mal wieder eine Freundin beruhigt, die erfolgreich in dieser Branche tätig ist. Sportwagen Fahrerin, klar. Und sie liebt ihren roten Flitzer. Dieses Mal ist es also einer der seltenen und daher fast ominösen Folgetermine. Tagelang hat er sich schon Gedanken gemacht. Ja, bei einer Kopfschmerzattacke hatte er sich eine Krone abgeknirscht, also musste etwas passieren. Herr Nipp hat sich mit Herrn Dr auf ein Implantat geeinigt. Alles würde bereits ausgemessen. Eine Hammerechnung wird es geben, soviel ist ihm klar. Er wird freundlich empfangen, zum Stuhl geleitet und anstatt eines Kaffees, wie er sich das beim Frisör vorstellen könnte, gibt es eine Desinfektionslösung zum Spülen. Eine Minute lang. Vielleicht auch kurz gurgeln? Man weiß ja nie. Die Assistentin verlässt den weißen Raum mit beruhigender Dudelmusik der esotherischsten Sorte. Mit Bildern von Edward Hopper, genauso beruhigend, Kunstdrucke, leider keine Originale. Die scheinen schon länger zu hängen, haben sie doch einen Stich ins Blaue bekommen. Die anderen Farben sind gewichen, besonders das Gelb. Während neben ihm der Absauger unaufgeregt vor sich hin blubbert, fühlt sich der Patient sehr wohl auf dem zur Operationsliege heruntergefahren Stuhl. Er wacht erst wieder auf, als Herr Dr hereinkommt. Ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen und fragt, ob er endlich ausgeschlafen habe. „Dann können wir ja anfangen.“

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Zeitung lesen

Egal wo sich Herr Nipp gerade so aufhält, eines ist ihm immer wichtig, nämlich an aktuelle oder sonstige Informationen heran zu kommen. Entweder benötigt er dazu das Radio, welches ihm die Beschaffung sehr einfach macht, weil er nur konsumieren muss, oder das Internet, das allerdings wegen der oftmals schlechten Infrastruktur nicht überall erreicht werden kann. Am häufigsten und liebsten zieht er sich in den Pausen allerdings mit einer Zeitung zurück, nimmt sich die Zeit zum aktiven Beschaffen der Informationen. Nicht immer welche, die er braucht, aber doch meist solche, die irgendwann zu nutzen sind. Gerne zieht er dazu auch Wochenzeitungen heran, die eben nicht tagesaktuell berichten müssen, sondern sich auch mal Zeit nehmen können, in Ruhe ein Thema zu Ende zu erzählen. Diese Blätter kosten zwar ein paar Euro mehr, aber im Abo ist das durchaus verkraftbar. Glücklicherweise gibt es solche Redaktionen noch, die unabhängig Themen aufgreifen, welche durchaus weitergehende gesellschaftliche Relevanz haben können. Als er heute Morgen mit dem Leihhund über den schon besprochenen alten Friedhof in seiner Nachbarschaft ging, der Vierbeiner sein Geschäft gemacht hatte, das vorschriftsgemäß beiseite geräumt worden war, die beiden Dickköpfe auf dem Heimweg waren und Herr Nipp zum zigsten Male anhalten musste, fiel ihm auf, dass er eine Gemeinsamkeit mit dem intelligenten Schwarzfell hat, der, der eigentlich eine Die ist, liest genauso gerne die Zeitung, vor allem Nachrichten aus der Hundebevölkerung dieser Stadt.

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Baugrund

Es gibt Städte, die pflegen und erhalten ihre eigene Baugeschichte. Ihre Kulturgeschichte sowieso. Dann werden sie in der Regel dafür durch nie abreißende Touristenströme belohnt, Andere Städte scheinen nie verstanden zu haben, dass die besondere Form ihrer Geschichte auch besonders spannend sein könnte. Also werden nach rund hundert Jahren die Bauwerke dem Boden gleich gemacht. Vielleicht bleiben an manchen Stellen auch einige wenige erhalten, aber das wird nicht ernst genommen. Und irgendwann findet sich doch ein Investor, der genug Geld bietet. Denn diese Städte leben von der Veränderung, von der steten Anpassung an aktuelle Gegebenheiten. Der Rubel muss rollen. Auch die Friedhöfe einiger Städte sind durchaus Besuchermagneten und berühmt, nicht so der alte Stadtfriedhof in Herrn Nipps näherer Umgebung. Auch alte Gräber, die er in seiner Kindheit noch bestaunen konnte, Gräber aus der Zeit der Jahrhundertwende, also um 1900, sind plötzlich verschwunden. Er kann sich gut erinnern, dass diese von geschlagenen, von Steinmetzen gefertigten Mauerfriesen umgeben waren, auf denen geschmiedete Gitter standen. Eingefriedete kleine Gärten, kleine Architekturen, die den Gedanken an die Gründer dieser Industriestadt aufrecht erhielten. Nur die mächtigen Familien, die geblieben sind, konnten ihre Gräber erhalten. Plattengräber aus dem Kaiserreich, die den Hauptweg säumten? Verschwunden. Wunderschöne Skulpturen, individuell gefertigt? Einfach so weg. Zwei Friedhöfe in seiner Stadt wurden völlig ausgelöscht. Über dem einen befindet sich heute erstens eine riesige Autobahnbrücke, zweitens ein ziemlich bescheidener Skaterpark. Der andere musste einer Feuerwehrstation weichen, denn die Historische Feuerwache hatte aus Gründen des innerstädtischen Parkplatzmangels ebenfalls kein Bleiberecht. Alte Schulgebäude? Abgerissen. Alte innerstädtische Fabriken? Planiert. Unter Denkmalschutz stehende Gründerzeitvillen, aus farbig glasiertem Backstein gebaut? Huch, das wussten wir nicht, jetzt sind sie weg. Da steht aber immerhin jetzt ein wunderbar klobiges Arbeitsamt mit Sandsteinvertäfelung. Eine Villa mit unglaublich reichhaltigen Stuck neben dem Krankenhaus? Äh, da hätte doch eigentlich eine neue Einfahrt hingesollt, also abgerissen, war ja auch sicherlich aus baulicher Sicht nicht mehr brauchbar. Ein altes Rathaus, auf das die Bürger dieser Stadt immer stolz waren? Äh, da ist jetzt der Marktplatz. Aber vielleicht wird ja irgendwann das brutalistische neue Rathaus am Rande der Stadt unter Denkmalschutz gestellt. Immerhin gibt es hier eine gewisse Liebe zum schroffen Beton. Die alte Poststation? Weg damit, steht einer Straßenverbreiterung mit Tunnel im Weg. Anmutige Geschäftshäuser des innerstädtischen Einzelhandels? Mussten weißen Würfeln für Handelsketten weichen. Fachwerkhäuser? Die sind energetisch ineffektiv. Stuckverkleidungen an Häusern? Abschlagen, dann bekommt ihr eine Prämie dafür!
Je länger er nachdenkt, desto länger wird die Liste.
Das ist natürlich alles an den Haaren herbeigezogen, klar. So eine Stadt kann es doch gar nicht geben, wird sich der Leser jetzt natürlich denken. Die Auflistung zeigt uns auch, dass der Verfasser dieser Zeilen irgendwo im Nirvana seiner Vorstellungen und kruden Fantasien schwebt. Keine Stadt hat die Absicht, ihre eine Geschichte zu verleugnen. Wir sehen mal wieder, dass die Geschichten von Herrn Nipp reinste Fantasieprodukte sind, es gibt, und darauf sei hier an dieser Stelle verwiesen, niemals auch nur ansatzweise Bezüge zur Realität.
Als er an diesem Morgen mit dem Hund über den Friedhof geht, sieht er zwei Menschen dort an einer Ecke stehen. Beide Anzugträger mit offenen Hemdkrägen. Sie gestikulieren und scheinen vor ihrem inneren Auge einen Plan zu schmieden. Im Vorbeigehen kann er gerade noch einige Worte aufschnappen. „…bräuchten wir keinen weiteren Park in der Stadt Und neue Bestattungen kommen auf die nächsten hundert Jahre sowieso nicht infrage, das alles kostet doch nur. Das sollte alles abgeräumt werden und dann kämen hier richtig schöne große Baugrundstücke hin. Überleg dir mal, wieviele Quadratmeter das sind.“ Wahrscheinlich hat er einfach falsch gehört. Aber in manchen Städten ist alles denkbar.

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Wurst

Es gibt Menschen, denen man schon als Kind eine Wurst um den Hals hängen muss, damit wenigstens die Hunde mit ihnen spielen. Herr Nipp hat immer wieder den Eindruck, dass gerade solche Menschen im späteren Leben Machtpositionen einzunehmen versuchen, sei es in Politik, in Unternehmen oder Behörden. Vielleicht die einzige Möglichkeit, dann doch irgendwann das Gefühl zu haben, dass es Menschen gibt, die sie mögen. Sie wissen nicht, dass das eben solche sind, denen es ebenfalls um das Ablegen der Wurst geht. Glücklicherweise sind nicht alle Mächtigen so gepolt. Herrn Nipp aber ist das alles grundsätzlich Wurst, er hat lieber echte Freunde als Macht.

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