Bachlauf (2017, überarbeitet)

Die Felsen, offensichtlich Kalkstein, sind vom Bach zu irrwitzigen Formen ausgewaschen. Immer wieder laden natürliche Bassins zum Lagern oder sogar Baden ein. Das erste Eintauchen kostet Überwindung, denn gegen die warme Luft scheint es sich beim Wasser um eine alles umklammernde Schicht aus blaugrünem Eis zu handeln. Doch irgendwann erwacht dieser Rest von Abenteuerlust und schon zieht sich der Körper beim ersten Kontakt schockartig zu einer gefrorenen Amöbe zusammen. Irgendein Geräusch will dann heraus. Ob Quieken oder Grunzen, es hat etwas Schweinisches an sich. Menschen und Schweine verbindet viel. Es ist ein wundervolles Gefühl von innerer Befreiung und seltsamerweise Schwerelosigkeit des in der Mutter Seins. Die Faszination von Wasser muss doch einen Grund haben. Der Mensch entstammt dem Wasser, das vergisst er leider schnell. Die Natur hat die Macht, ihn daran immer wieder zu erinnern. Mit dem Rauschen der Bäche und Flüsse, mit dem Schwappen und Grugeln der Seen und Meere. Du bist Teil von mir.
Manchmal kommen Gruppen mit Neoprenanzügen hierher. den Bachverlauf herunter. Kinder, Jugendliche und Erwachsene wachsen hier für einige Zeit wieder zusammen. Immer haben sie einen Führer, eine Füherin dabei. Sie werden angewiesen, wie in welchen Kolk zu springen oder zu gleiten, welche Ausgangsposition die beste ist. Worauf ist zu achten, wenn man natürliche Rutschbahnen nutzt, damit es zu keinen Schürfwunden kommt. Meist sind diese Professionellen in den Zwanzigern, vielleicht Stundentinnen und Studenten in den Semesterferien, die sich ein gutes Zubrot verdienen.
Wer hier lange genug verweilt, wird jedoch auch eine Vielzahl kleinerer und mittelgroßer Fische sehen, einige große Schmetterlinge und sogar Prachtlibellen.
Während einem Tag an diesem seltsam anderen Ort fühlt sich Herr Nipp wie neugeboren. Als sehe er die Welt zum ersten Mal.

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Fuß

Der linke Fuß hat in den vergangenen Stunden plötzlich ein Eigenleben entwickelten. Man darf schließlich den seinsverändernden Einfluss winziger schwarzer Sauginsekten unterschätzen. Am vergangenen Abend muss wohl eine ganze Horde über seinen Fuß hergefallen sein. Nicht weniger als sechs Stiche zeigen sich als dick aufgeschwemmte Fremdkörperteile dort unten. Zuerst hat unbedacht gekratzt und die Sache damit nur noch verschlimmert, inzwischen wurde mit Salbe gearbeitet, ein angeblich hochwirksames Hydrocortison. Hahaha. Alle Reize sollen gelindert werde. Ja klar. Hochwirksam sind solche Salben nur für Apotheker und Drogisten, wenn viel davon verkauft wird. Tube raus, Geld rein. Da fragt sich Herr Nipp, wer die lästigen Stecher wohl nach Mitteleuropa eingeschleppt hat. Aber das sind reine Spekulationen.

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Bildschirm (2017, überarbeitet)

Die kleinen ach so intelligenten Kommunikatoren sind eigentlich ja nie so sehr seine Sache gewesen, aber manchmal freut er sich eben doch über Bilder und kurze Nachrichten, die ihm geschickt werden. Mal ist es das Bild vom Bilsenkraut, dann ein Dammhirsch im Punktekleid mit wachsendem Geweih. Der Jäger würde wohl sagen, im Bast. Eigentlich auch egal, wie es denn nun wirklich genau heißt, denkt er. Meist gibt es von ihm dann eine Antwort mit wenigen kurzen Worten oder mit einem selbst geschossenen Bild, gerne Blüten, Wurzeln, Steine oder Insekten. Einmal ist es ein Morris Minor mit Holzleisten außen. Da schickte er auch jene schwarze Hummel von der Hochebene der Provence. Was eine Entdeckung, für ihn völlig unbekannt und neu. Zuweilen verschickt er auch selbst erdachte Sinnsprüche, die fragwürdig sind und andererseits kaum geglaubten Hintersinn aufweisen. Aber wer macht sich schon die Mühe, den Sinn der Worte zu entschlüsseln. Er bleibt dann allerdings an diesem winzigen Bildschirm hängen und muss unbedingt von etwas recherchieren, zumindest redet er sich das gerne ein.

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Wanderung provencalisch (von 2017)

Über die prevencalische Hochebene wandern. Oberhalb von Gourdon in der Nähe des Observatoriums. Der Stern sticht bis über 35 Grad und die Luft trocken. Keine Zeit für lange Sätze im Kopf. Gedanken schnell zu Ende bringen. Tack tack tack. So lebensfeindlich scheint hier alles auf den ersten Blick zu sein. Trotzdem wimmelt das Leben. Tatsächlich auch Vögel. Irgenwelche Wildhühner auf der Ruine. Die fliegen auf. Mit empörtem Schrei. Was willst du hier, du störst unseren Frieden. Die Paraglider, die einige hundert Meter entfernt starten und landen, stören nicht, sie bleiben ja am Rand. Fixiert auf ihr Tun. Ganze Schwärme von braunen, rötlichen und blauen Schmetterlingen, die auf dem Blüten einer igligen Distel Nahrung suchen. Vollkommen schwarze Hummeln mit schwarzglänzenden Flügeln. Silber- und Golddisteln in selten gesehener Schönheit. Die vielen vertrockneten oder gerade blühenden Kräuter. Teilweise verführerischer Duft. Lavendel, Origano und Thymian, einige uralte Wacholderbüsche. Kiefern. Pinien. Alles scheint den fast sehnsüchtig träumerischen Blick in die Landschaft zu untermalen. Einige Stunden glücklichen Umhergehens. Das Einzige, über das sich Herr Nipp wundert, ist das Wrack eines ausgeschlachteten Wagens, dessen Herkunft er sich nicht ausmalen kann.

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Über der Tür

Über der Tür sind einige Drähte gespannt, eigentlich viel zu niedrig, denn er muss jedesmal, wenn wenn er in die Wohnung geht oder auf die Terrasse, den Kops senken. Ganz leicht nur, aber immerhin. Auf der Haar in der Nähe von Soest kennt er eine Kirche, die eine zu niedrige Tür von Altarraum zur Sakristei hat. Der heraustretende Priester muss sich so zwangsläufig vor und nach dem Betreten des Kirchraums verneigen. Gegenüber hängt jeweils ein Kreuz. Demut lernen. Vielleicht soll auch hier dem Erbauer der Ferienwohnung Respekt gezollt werden, vielleicht ist der allerdings auch einfach einen Kopf kleiner, wer weiß das schon.

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