Ausräumen

Erst als er die Treppe erklimmt und das ist genau so gemeint, denn die ist steil und hat schmale Stufen, auf die gerade mal der halbe Fuß passt, stellt er fest, wie marode und alt dieses Bauwerk ist. Alles knartzt und irgendwie hat er das ungute Gefühl, dass die Stufen morsch sind und jeden Moment brechen könnten. Unten ist das Haus bis auf Weniges ausgeräumt, nicht gereinigt, aber leer. Die zweite Etage vermittelt einen ähnlichen Eindruck. Dabei haben bis vor kurzen hier Menschen gewohnt. Die sind ausgezogen, mussten wohl ausziehen, so genau weiß er das nicht. Wenige abgeschabte Möbel verlieren sich noch in den engen Zimmern, fast wie dahin gestellt, um zu zeigen, wie trostlos ein Leben hier gewesen sein muss. Ein Leben vor 150 Jahren mag das anders gesehen haben. Vielleicht wurden ja auch große Feste gefeiert, das kann Herr Nipp allerdings nicht wissen. Für ihn und seinen Freund ist auch hier nichts zu finden, was auf dem Trödelmarkt zu veräußern wäre.
Bevor jetzt weiter erzählt wird, muss gesagt werden, dass sich Erzähler wie Autorenteam von den Machenschaften des jungen Herr Nipp aus dem Jahren 1986 bis 1989 absolut distanzieren. Ein solches Verhalten, nämlich ungebeten in kurz vor dem Abriss stehende Häuser einzudringen und dort nach verwertbarem Kram zu schauen, kann nicht gutgeheißen werden. Wobei anzumerken wäre, dass es in erster Linie um Abenteuer und nicht um Profit ging. Im übrigen sei darauf verwiesen, dass diese Geschichten erstens vollkommen fiktiv sind, ihnen also ein biografischer Bezug fehlt und zweitens jegliche Handlung, sollte sie doch geschehen sein, das können wir ja wirklich nicht wissen, verjährt ist.
Der Freund greift sich einen der Stühle und prüft ihn fachmännisch mit Kennerblick. „Bugholz, meiner, der ist von Thonet.“ Herr Nipp kennt sich zu dieser Zeit weder mit Möbeln, noch mit echten Stilikonen aus. Er nimmt Dinge, die er für verkaufbar ansieht. So nimmt er die Wahl des Freundes ohne Wimpernzucken hin. Ist dann eben so. Im Gegenteil, er freut sich für den Begleiter. Auf dem Dachboden finden sie eine Menge unnützen Plunders, bei dem man sich fragen könnte, warum jemand das alles aufgehoben hat. Wahrscheinlich irgendwelche Sentimentalitäten, die von anderen Menschen nicht nachvollziehbar sind. Einige Vasen mit Sprung, verbogene Löffel, einen vermotteten Teppich und massenhaft Obstkisten aus sehr dünnem Holz. Ein Bekannter hatte ihm einst gesagt, nur arme und reiche Menschen leben in Massivholzmöbeln, die einen sehr teuer, die anderen aus Apfelsinenkisten gezimmert. Darüber nachdenkend sucht er nach seinem Schatz dieses Ausflugs. In den vergangenen Wochen und monaten hatten alle seine Bekannten die alten Abrisshäuser dieser Stadt nach und nach durchstöbert und manchmal auch Sachen für den großen Trödel auf dem Ring gefunden. Lampen, Bücher, Kram. Nur er war immer glücklos dabei gewesen. Zu langsam, zu oberflächlich oder zu wenig Ahnung vom Wert der Dinge. Heute sollte es aber endlich gelingen. Ganz versteckt in der Dachschräge sieht er etwas, ein Glas. Er bückt sich und kriecht dorthin, dass er dabei schmutzig wird, nimmt er in Kauf. Es stellt sich nicht nur als Glas heraus, ein altes Weckglas voller Reichspfennigeund zweier Notgeldmünzen aus seiner Stadt. Das nimmt er mit. Auch wenn er keine Ahnung davon hat, weiß er, Sammler finden sich überall.

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Natur

Wäre Mutter Natur ein Ökonom, dann hätte sie eine Pflanze hervorgebracht, die überall siedeln kann und ein Tier, das überall leben kann. Einen Pilz vielleicht auch noch. Jeweils eine Art. Aber diese Langeweile erträgt sie nicht, sie ist verschwenderisch, sie liebt Vielfalt, sie liebt die Ästhetik. Und dass es den Ökonom gibt, war ein Versehen.

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Berlin

Tatsächlich ist er kürzlich auch mal wieder in Berlin gewesen, eigentlich wegen eines sehnlichst von ihm erwarteten Konzerts, das sich hinterher auch noch als unglaublich gut herausstellte, von Nick Cave. Einem seiner Lebensbegleiter seit er ihn um 1987 herum das erste Mal gehört hatte, es mag auch einige Jahre früher gewesen sein. Nicht dass er ihn jemals kennen gelernt hatte, aber die Platten, die Musik hatten ihm immer Halt gegeben. Wenn es Herrn Nipp nicht gut geht, dann hilft auch heute noch eine Dosis Nick Cave. Therapeutikum pur. Natürlich hat Herr Nipp auch Freunde und Familie dort getroffen, denn wenn man mit dem Intercity dorthin reist, muss es sich auch lohnen. Fünf Tage Berlin. Eine Freundin hatte ein Appartment gebucht, dort hatten sie zu dritt Quartier bezogen. Prenzlauer Berg, Konzert, Museen, Geschäfte, Gebäude, Regierung, all die Menschen mit ihren vielen Sprachen und Gesichtern, ihrem Stil, der Kleidung. Alles überwältigend viel und faszinierend. Alles groß und offen. Die schönen alten Fahrräder, die Spätis, morgens in einer Bäckerei essen, Kneipen und Restaurants, das meist recht unproblematische Umsteigen in den öffentlichen Verkehrsmitteln. All dies schien ihm ihm irgendwie bewundernswert, nach fünf Tagen reichte es dann allerdings doch, es wurde ihm zu viel und er war froh, wieder heimwärts zu fahren, in die Provinz, auf das Land, wo alles etwas kleiner ist.

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Müsste

Der junge Mann sitzt vor ihm und sie plaudern über Musik und die neusten Rereleases von Schallplatten aus den neunziger Jahren und dass doch irgendwie alle ganz schön teuer seien. Kostete damals eine Vinyl zwischen 18 und 20 DM liegt sie heute bei 17 bis 35 Euro, ein ganz schöner Sprung. Irgendwann rutscht dem jüngeren der beiden heraus, mann müsste mal eine Open-Mic-Night für alle anbieten, die gerne rappen. Ja, sagt Herr Nipp, tolle Idee, fang selber an zu organisieren und schiebe es nicht auf andere.

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müde

Er hatte natürlich viel zu kurz geschlafen. Diese seltsame Nervosität vor dem Urlaub. Zwei Uhr nachts wollten sie los, halb drei ist es geworden. Die Fahrt viel zu lang, zu viele Staus, zu viele Autos überall. Zu viele Lastkraftwagen sowieso. Immer schlecht, hatte er gedacht, wenn ein großes Bundesland gerade Ferien bekommt. Unfälle hatten sie gesehen oder zumindest die Folgen. Alle drei waren irgendwann nur noch erschöpft gewesen. Aber immerhin eine heile, wenn auch viel zu späte Ankunft. Wer so übermüdet ist, kann über jeden Mist lachen, gikstern und gackern, als hätte man genau die richtige Menge Alkohol intus, die unglaublich aufheitert. Jetzt weiß Herr Nipp endlich, woher der Begriff der Schlaftrunkenheit kommt.

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