Wahrheiten

„Das ist alles ganz anders, ich will es dir mal erklären.“ „Wahrheiten sind Wahrheiten, das kann sich nichts verändern.“ „Siehst du, das ist schon einmal eine ziemlich arrogante Haltung. Woher weiß du denn, dass die Prämissen für die Wahrheit überhaupt stimmen?“ „Weil es offensichtlich ist.“ „Ja, da läuft der Hase in die falsche Richtung. Darf dir mal ein Beispiel nennen? Gut. Da hatte ich ein Buch im Antiquariat gefunden, eines über Landwirtschaft. Ein Kapitel befasste sich mit Unkräutern, ein anderes mit Schädlingen. Dass die Unkräuter eigentlich Kräuter sind, ist vielleicht nur eine kleine Unwahrheit. Wenn allerdings behauptet wird, dass tierische Schädlinge keinen Nutzen haben, dann muss ich schon sagen, das ist sehr einseitig betrachtet. Natürlich haben Mäuse und Läuse ihren Nutzen – und sei es nur, dass sie als Futter für andere dienen. Ganz abgesehen von der genetischen Diversität. Aber indem man diese Tiere zu Feinden der Landwirtschaft erklärt, kann man rechtfertigen, dass die Natur mit Giften verseucht wird.“ „Da hast du vielleicht Recht, ja, aber so kann man das nicht mit allen Tatsachen machen.“ „Offenbar eben doch. Indem man bestimmte Volksgruppen als schädlich beschreibt, kann man sie stigmatisieren und ausgrenzen, ganz einfach. Es geht nicht um die Wahrheit an sich, niemals, sondern immer um den Standpunkt, diese Wahrheit zu begründen.“ „Und der Klimawandel?“ „Ganz einfach. Der Klimawandel ist naturgegeben, der Mensch hat diesen Wandel eventuell etwas beschleunigt. Aber letztlich ist das System Erde Schuld an der sogenannten Erdeerwärmung. Ich könnte jetzt noch zynischer werden. Wenn der Mensch möglichst schnell alle fossilen Brennstofflager plündert, dann können wir davon ausgehen, dass er ebenso schnell Möglichkeiten der alternativen Energienutzung entwickelt, er braucht schließlich Energie. Da diese dann natürlich nicht mehr umweltschädlich sind, wird sich auch das Klima in die richtige Richtung relativieren. So gesehen ist es das Beste für die Erde, dass nun endlich auch die entfernstesten Gas- und Öllager erschlossen werden. Siehst du, auch hier ist der Standpunkt wichtig, um die richtige Perspektive zu erhalten.“ Bis hierher hat Herr Nipp dem Gespräch zweier Busmitfahrer folgen können, jetzt muss er aber aussteigen. Er verfehlt die letzte Stufe, gerät ins Straucheln und fällt ungücklich auf die linke Hand, die danach schmerzt. Aber immerhin kann er sich trösten. Auch diese Wahrheit kann er von mehreren Seiten betrachten. Er wählt einfach jene aus, dass er, hätte er sich nicht mit dem linken Arm abgefangen, wahrscheinlich mit dem Kopf aufgeschlagen wäre. Nein er wählt jene, dass durch die Zeitverzögerung des Sturzes ein viel schlimmerer Unfal verhindert wurde. Wer weiß.

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